Ich denke nicht, dass es nur im Westen Kurzzeichen-Kritiker gibt. Es dürfte genug gebildete Chinesen geben, die gegen die Schriftreform sind, ganz zu schweigen von Taiwan, wo man kaum Befürworter finden wird.aquadraht hat geschrieben: Das ist nun mal wieder die typische Übertreibung, wie man sie eigentlich fast nur von westlichen Kurzzeichenhassern hört. Die meisten Kurzzeichen waren in der einen oder anderen Form schon vor der Reform in Gebrauch, die Zusammenfassung gleichlautender Zeichen unter einem Zeichen ist eine Entwicklung, die seit Jahrhunderten, fast Jahrtausenden stattfindet, das ist - in etwas speziellerer Form - das gegenläufige Spiel von Sprachentwicklung und Analogiebildung, wie es alle Sprachen kennen. Und Schrift- oder Rechtschreibreformen werden immer beklagt.
Dass es bestimmte Kurzzeichen schon vor der VR gab, ist mir schon klar, und dass in vielen Fällen eine Kalligraphieform verwendet wurde. Wie sinnvoll es ist, handschriftliche Schreibweisen für die gedruckte Form zu übernehmen, ist eine andere Frage. Das überlasse ich den Sprachforschern. Ich kann nur über eigene Erfahrungen sprechen, und was mir als Schüler beim Erlernen der Schrift auffiel. Was mich fast immer schon an Kurzzeichen störte ist wie wenig sinnvoll und inkonsequent manche vereinfacht wurden, und Fälle, wo ein Lautelement (was eigentlich das Lernen erleichtern sollte) weggelassen wurde. Beispiel 广, was eigentlich ein Radikal, kein vollwertiges Zeichen ist, und auch so aussieht. In der ursprünglichen Form 廣 bleibt das Lautelement 黄 erhalten. Das gleiche gilt für 厂, und es gibt unzählige andere Beispiele für unsinnig vereinfachte Zeichen.
Ich bin eigentlich nicht gegen Vereinfachung generell, sondern wie inkonsequent oft vorgegangen wurde. Es mag überzeugte "Kurzzeichenhasser" wie du es nennst geben. Aber ich denke, die meisten hätten sich einfach nur ein logischeres und sinnvolleres System zur Vereinfachung, und ästhetisch ansprechendere Zeichen, gewünscht. Ich finde das ist schon irgendwie berechtigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da so viel Ideologie dabei ist, wie du unterstellst. Damals im kalten Krieg vielleicht, aber heute wohl weniger.
Ein Beispiel was mir dazu spontan einfällt wäre 髪 und 發, vereinfacht zu 发. Die unterschiedlichen Formen und Bedeutungen gehen hier verloren.Ein paar Zeichen kann man verunglückt finden, und eine vielleicht zweistellige Zahl jiantizi muss man mehr oder minder angestrengt lernen, vor allem in ihrer Beziehung zu 1 bis n fantizi.
Problematisch wird es oft auch bei der "Rückübersetzung" in Langzeichen, und es wird das falsche Zeichen verwendet. Dauernd sehe ich Texte, die zwar in Langzeichen geschrieben sind, aber manche Kurzzeichen beibehalten, z.B. 后天 statt korrekt 後天, oder 周末 statt 週末.
"Lustig" finde ich, wenn manchmal Chinesen die japanische Hiragana Schrift (die ja aus der Kursivschrift von Hanzi hervorgeht) lächerlich oder unkultiviert finden, ihre eigenen Kurzzeichen aber verteidigen. Aber hier ist natürlich wieder mal Nationalismus im Spiel.
