sanctus hat geschrieben:
... Das gehoert u.a. in mein Forschungsbereich interkulturelle Kommunikation.
Ich glaube ein grosses Problem ist die Sichtweise, die wir aufgrund unserer sozialen Entwicklung HEUTE haben.
Wenn wir die Lebensumstaende unserer Grosseltern sehen, als die noch jung waren, kann man viele Verhaltensweisen und Umgangsformen heute nicht mehr verstehen. Neue Errungenschaften waren dann fuer deren Kinder (unsere Eltern) dann schon Normalitaet. Besondere Errungenschaften, die die Elterngeneration dann erreicht haben, sind fuer unsere Generation schon wieder Standard.
Man kann es sich vielleicht bildlich wie einen sehr hohen Berg vorstellen, den eine Generation nicht besteigen kann. Es benoetigt mehrere Generationen. Waehrend die Grosselterngeneration am Anfang nur am Fuss des Berges stand, konnte der Blick nur nach oben gehen. Die Ziele waren noch in weiter Ferne.
Zum Zeitpunkt unserer Elterngeneration ist 1/3 des Weges bereits geschafft. Man kann nach unten sehen und erkennen, was man Anderen schon voraus hat, aber der Blick ist auch nach oben gerichtet und man hat noch einen weiten Weg vor sich.
In Unserer Generation ist der Weg schon zu 2/3 geschafft. Was unter uns ist, kennen wir gar nicht mehr. Wir koennen nicht mehr verstehen, was "die da unten" fuer Probleme hatten und wie sie sie bewaeltigten. So manches ist fuer uns unverstaendlich. Und dadurch auch das Verhalten unserer Eltern und Grosseltern.
Hierzu auch ein Beispiel aus unserer eigenen Familiengeschichte. Meine Eltern stammen aus den ehemals deutschen Gebieten im Osten, die heute nicht mehr zu Deutschland gehoeren. Saemtlicher Grundbesitz ging im Krieg und nach dem Krieg verloren und sie mussten im Westen (Bayern) neu anfangen. Nur durch den Beamtenstatus meines Vaters haben sie Darlehen bekommen, um ein Grundstueck zu kaufen und spaeter ein Haus (Fertighaus, weil es guenstig war) zu bauen. Heute besitzen sie aufgrund von Erbschaften und einem Neubau auf einem geerbten Grundstueck mehrere Haeuser. Trotzdem halten sie sich noch fuer arm und geben kein Geld fuer "unwichtige" Sachen aus. Sie koennen die Erfahrungen des Krieges und der Zeit nach dem Krieg nicht ablegen.
Als Kind musste ich auch noch selbstgenaehte Kleidung tragen bzw. die Kleidung von Onkeln auftragen. Heute schon nahezu undenkbar. Aber auch ich wurde durch das Verhalten meiner Eltern stark gepraegt. Obwohl ich heute wohl derjenige in der Familie bin, der am besten verdient, tue ich mich noch schwer, fuer etwas viel Geld auszugeben, was nicht unbedingt notwendig ist.
Meine Frau (Chinesin), die die Zeit nach der Kulturrevolution miterlebt hat, aber aus einer Familie stammt, die sich in China einen gewissen Wohlstand erarbeitet hat, kann diese Verhaltensweisen kaum verstehen.
Es ist also immer das Ergebnis einer langen Entwicklung, was die Menschen heute sehen und welche Einstellungen sie zu bestimmten Dingen haben. Auch unsere Einstellung waere anders, wenn es die Hitler-Diktatur in ihrer Form und den zweiten Weltkrieg nicht gegeben haette. Auch unsere Wertvorstellung waere noch eine andere.
R.I.P. Little Yingxiong Engelskind 05.01.2013
Die Erinnerung ist das Fenster durch das wir Dich sehen können, wann immer wir wollen...
Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden - ich hab die Zeit noch nicht gefunden!