Aber immer gerne.Bernhard hat geschrieben:Ich bin zwar nicht bossel, aber ich habe trotzdem ein paar Anmerkungen.
Sicher kann man das. Man sollte aber erläutern, zu welchem Ende das geschehen soll. Die Zensuszahlen werden ja nicht erfasst, um damit die internationale Presse zu beeindrucken, vielmehr sind sie Grundlage für Verwaltungs- und Planungsentscheidungen, Mittelzuweisungen und Infrastrukturentwicklung. Wer da Zahlen schönt oder gar fälscht, schiesst sich selbst ins Knie. Das ist in der UdSSR unter Stalin geschehen, und die Folgen waren so unerfreulich, dass man auch dort zumindest zum Teil zu realistischen Daten statt "bacchanalian planning" zurückgekehrt ist.Man kann Statistiken durchaus schönen. Nicht einmal wirklich fälschen, aber die Definitionen anpassen, "Durchreisende" erfassen oder auch nicht, die betrachteten Gebiete größer oder kleiner machen..... es gibt viele Möglichkeiten.
Ich habe auch nichts dagegen, wenn jemand fundiert die Hypothese aufstellt, der Anteil ethnischer Nichttibeter an der Wohnbevölkerung Lhasas im Besonderen oder des Autonomen Gebiets Tibet bzw. der autonomen Bezirke und Kreise der Tibeter in Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan werde in der chinesischen Bevölkerungsstatistik systematisch zu niedrig dargestellt. Dann sollte man aber auch darstellen, welche Anhaltspunkte es dafür gibt. Zum Beispiel bei Wanderarbeitern: Selbst in den Zentren der Binnenmigration an der Ost- und Südostküste Chinas liegt der Anteil der Wanderarbeiter an der Wohnbevölkerung regelmässig nur bei 10-15% der Wohnbevölkerung. In Lhasa, das nun einmal keine Industriestadt ist, liegt er deutlich niedriger, und obendrein stimmt die Gleichung Wanderarbeiter=Han nicht.
Ich schrieb schon, dass ich davon nichts halte. Ganz unschuldig ist der DL aber auch nicht an dieser Entwicklung. Er hat stets der Effekthascherei kleine Schritte, Kompromisse und Annäherungen geopfert, ob aus Torheit oder Kalkül. weiss ich nicht. Persönlich denke ich eher das erstere, ich schätze seine analytischen Fähigkeiten nicht höher, als seine Schriften das vermuten lassen.Das ist ja wohl das Hinterletzte. In Klöstern keine Bilder des DL aufhängen dürfen. Ok, die Mönche anderer Schulen legen darauf wohl nicht viel Wert. Aber für die Gelbmützen-Schule ist der DL so herausragend ..aquadraht hat geschrieben: Das Bilderverbot gilt für Klöster und öffentliche Orte und wird mit Sicherheitsfragen begründet
Naja, das mit den anderen Dingen sehe ich hier nicht so. Im Unterschied zu Schäuble und Bush gibt es in China seit gut 15 Jahren, und verstärkt seit 2003 (als die derzeitige Doppelspitze ihre Politik konkretisierte), eine Tendenz, den Bürgern immer mehr Spielräume und Freiheiten zu lassen und staatliche Eingriffe stärker zurückzunehmen. Das geschieht auf der Grundlage eines Regierungssystems, das autoritärer ist als das Schäubles und Bushs, aber die Tendenz geht in genau umgekehrter Richtung. In Tibet sieht die chinesische Regierung die Gefahr ethnischer Unruhen, und sie registriert den Willen des antichinesischen Teils des Klerus und der Exiltibeter, solche Unruhen zu schüren, um ihren durch Modernisierung und steigenden Wohlstand der Menschen bedrohten Einfluss zu erhalten. Das Bilderverbot in den Klöstern und Tempeln mag eine blöde Massnahme sein, unnachvollziehbar ist es nicht."Sicherheitsfragen" ist natürlich ein Witz. Es geht hier um ganz andere Dinge. Mit Sicherheit lässt sich so ziemlich jede Repressalie rechtfertigen (s. Schäuble und Bush).
Was ist "normalerweise"? Welches Gesetz der VR China oder des AGT stellt Bilder, die den DL zeigen, unter Strafe? Im Tibetmuseum gegenüber dem Norbulingka (gerade ist leider der grössere Teil wegen Umbaus geschlossen) hängen reihenweise Bilder des DL - ok aus der Periode 1950-59, aber das müsste dann ja auch eine Straftat sein. Ich habe Leute in Lhasa gefragt, die haben mit dem Kopf geschüttelt über die Vorstellung, die KP oder die Autonomiebehörde ginge durch die Wohnungen und kontrolliere die Hausaltäre auf DL-Bilder.Das ist mir das Allerneueste. Normalerweise heißt es, der Besitz eines Bildes ist generell eine Straftat.aquadraht hat geschrieben: In tibetischen Privatwohnungen, auch von Mitarbeitern der Autonomiebehörde, sind Bilder des DL weder verboten noch selten und kein Mensch hat Nachteile davon.
Wenn die Beziehungen zwischen Staat und Kirche ausgehandelt sind, gewiss nicht. Bitte bedenke einmal, dass es auch bei uns jahrzehntelange "Kulturkämpfe" und schliesslich Konkordate und was noch alles gegeben hat, ehe die Begehrlichkeiten der klerikalen Machtgier wenigstens etwas eingedämmt waren. Die Säkularisierung in Frankreich nach 1789 oder in der Türkei nach 1918 erfolgte deutlich blutiger und gewaltsamer als die in China bzw. dort in Tibet.aquadraht hat geschrieben:Das ist für die KP ja immer noch kein Grund, für zusätzliche Rangeleien Anlass zu geben.Rangeleien um Kumbuns gibt es, seit es den Lamaismus gibt, mit zeitweise bis zu 5 konkurrierenden Inkarnationen (man betrachte auch den Streit um den 18. Karnapa).
Naha, der "Sohn von KP-Mitgliedern" war einer der Kandidaten, nicht nur der KP, sondern auch von Tashilunpo. Der DL hat sich so tölpelhaft und machtbesessen wie eh und je über alle Randbedingungen weggesetzt und einen Eklat provoziert, der alle um Kompromisse Bemühten desavouierte. In der Situation hat die chinesische Regierung das gemacht, was sie immer macht, wenn sie so provoziert wird: nämlich zeigen, wo der Hammer hängt. Nicht elegant, nicht schön, aber effektiv - und vorhersehbar. Nun gibt es den 11. PL, und bei der Ablegung seiner Prüfungen in Shigatse letztes Jahr hat sich gezeigt, dass die Gerüchte über seine Unbeliebtheit bei den Tibetern nicht so recht angekommen sind. Nebenbei: Wenn Klöster (meistens in Ü, also Lhasa und Umgebung) Bilder des 10.PL statt des 11. zeigen (in Qinghai und in Tsang ist das nicht so), zeigt das nicht, dass die Klöster doch einen recht erheblichen Spielraum in religiösen Fragen haben?Ich kenne den Hintergrund nicht, aber tatsächlich soll sich Dharamsala ziemlich rüpelhaft verhalten haben. Jedoch: Ist das eine Rechtfertigung, einen Jungen zu entführen, den Sohn von KP-Mitgliedern herauszuholen und zu sagen "das ist jetzt der Pantschen Lama"?aquadraht hat geschrieben: Der Streit um den PL war eine weitere Tölpelei des DL und Dharamsalas, Melvyn C. Goldstein hat das auch ziemlich kopfschüttelnd kommentiert.
Das sehe ich als Ideal in einer pluralistischen Gesellschaft ebenso. Da sollten sich Kirchenvertreter genauso äussern können wie Freidenker. Nun wissen wir beide, dass wir weder von einer idealen Welt sprechen noch selbst in D in einer leben, noch weniger in China, wo sich rechtsstaatliche Zustände nach modernen Massstäben gerade erst entwickeln.Wie früher schon mal dargelegt, habe ich da eine etwas andere Meinung. Religion soll nicht aktiv Politik machen, kann sich meiner Meinung nach aber sehr wohl zu politischen Fragen äußern.aquadraht hat geschrieben: Mit der individuellen Religionsfreiheit der Menschen hat das weniger zu tun. Wo sich die Religion nicht in die Politik einmischt, mischt sich der Staat nicht in die Religion ein.
Im modernen China, auch in Tibet, herrscht aber ein Grad an Religions- und Gewissensfreiheit, wie es ihn in der Geschichte Chinas und Tibets nie zuvor gab. Menschen können sich entscheiden, der Gelug, Kagyu oder anderen Schulen anzugehören, Muslim oder Christ zu sein oder nichts oder noch anderes oder nichts zu glauben, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen. Auch da ist gewiss noch nicht alles perfekt, aber es gibt gute Gründe, zu erwarten, dass es noch besser wird.
Sicher ist es eine. In beiden Fällen geht es aber um Kirchen als Machtorgane. Und in Machtfragen lässt sich kein Staat gern vom Klerus die Butter vom Brot nehmen, und der chinesische schon gar nicht. In Sachen der katholischen Kirche/n dürfte es eher früher als später Lösungen geben. Ob das tibetische Exil zu einer realistischen Haltung findet, muss sich zeigen. Wenn nicht, wird es nach dem Ableben des jetzigen DL in der Bedeutungslosigkeit versinken.Und in China ist es sehr wohl so, dass sich der Staat in die Religion einmischt. S. die Geschichte mit dem Pantschen Lama, oder die Ernennung katholischer Bischöfe durch den Staat. Wenn das denn keine Einmischung ist...

