Mit Chinesen über Politik reden

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Wang
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Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von Wang »

Also ich kenne ziemlich viele Chinesen und früher oder später kommt man irgendwie auch auf das Thema Politik. Ich wollte mal fragen, was ihr dabei so für Erfahrungen gemacht habt und vor allem, ob ihr es teilweise für "gefährlich" haltet, möglicherweise mit den falschen Leuten zu viel Negatives über die KP zu sagen (dazu weiter unten).

Also ich habe mittlerweile festgestellt, dass fast alle Chinesen (mit wenigen Ausnahmen), zumindest nach außen hin, voll und ganz überzeugte Anhänger der Regierung sind. Nach dem Motto "Ich liebe China, China ist die KP und die KP ist China, also liebe ich auch die KP". Was mich dabei verwundert hat, war, dass dies selbst bei den Chinesen der Fall ist, die sehr offen sind und länger in Europa gelebt haben. Dabei können sie nach außen hin noch so offen und modern wirken, aber fast jeder ist Anhänger der Partei und findet, dass Mao so 伟大 war...

Warum ich das so seltsam finde, ist einfach, weil die meisten Chinesen, die ich in Europa kenne, spätestens hier mit neuen Informationen in Kontakt kommen, die sie eigentlich mal zum Zweifeln bringen müsste. Dabei hat sich offensichtlich bei den meisten so stark die Meinung festgesetzt, dass der Westen eh nur Lügen verbreite.

Ich hatte schon einige Diskussionen, meistens ging es um Mao. Ich war geschockt von dem Personenkult, den manche zeigen: Wenn ich nur sagte, dass ich es nicht nachvollziehen kann, dass China Mao immer noch so verehrt, weil ich einfach seine Fehler für so schwerwiegend finde, dass man nicht mehr von einem tollen Führer reden kann. Wir sagen doch auch nicht: "Hitler hat zwar Millionen von Menschen umgebracht, aber immerhin hat er Autobahnen gebaut und Arbeitsplätze geschaffen." (den Vergleich habe ich natürlich nicht gebracht, und mir ist auch schon klar, dass es große Unterschiede zwischen Hitler und Mao gibt).
Alleine diese Aussage, dass ich Mao nicht für so einen tollen Typen halte, hat bei einer Person sogar zu Tränen geführt... :roll: Andere werden einfach nur total wütend und meinen sofort, ich würde China ja eigentlich hassen, blabla. Ich würde ja denlen, dass dies nur Extremfälle seien, aber ich beziehe mich hier nicht auf 2 oder 3 Chinesen, sondern eher auf 50. Und darunter waren auch einige, die ich als wirkliche Freunde bezeichne, und die trotzdem für einige Stunden wirklich sauer auf mich waren, nur weil ich der Partei kritisch gegenüber stehe.

Eigentlich vermeide ich das Thema bei denen, die ich nur entfernter kenne, aber ich habe so eine Macke, dass ich immer zu allem meine Meinung sagen muss und das nicht einfach so schlucken kann :wink: Wenn mir z.B. jemand wieder von den "verdammten Japanern" erzählt, die ja immer ihre Geschichtsbücher fälschen und die Vergangenheit überspielen wollen, kann ich es mir meistens nicht verkneifen, zu sagen, dass China doch im Grunde genommen nicht viel besser ist (1989, wirkliche Ausmaße von Maos glänzenden Ideen, usw).
Das Gleiche gilt, wenn mir Chinesen ihr Leid klagen, wie böse die armen Minderheiten in China doch sind und wie gut sie es doch hätten. Wenn man dann sagt, dass es genug Unzufriedene dort gibt, heißt es nur, dass ich das ja nicht beurteilen könne, weil ich schließlich nicht selber dort sei. Auf meine Frage, ob sie denn selber schonmal in Xinjiang gelebt hätten, kommt dann nur wieder eine aggressive Reaktion oder bei manchen sogar der Vorwurf, China spalten zu wollen :roll:

Wie gesagt, ich fange normalerweise die Diskussionen über Politik eher ungern an, weil es immer sehr heikel ist und man deren Standpunkt eh nicht ändern kann.

Habt ihr auch dieselben Erfahrungen gemacht oder stoße ich nur auf die ganz extremen Fälle :?

Das extremste war übrigens eine Person, die ich aber Gott sei dank nicht weiter kenne, mir über Xiaonei, so etwas wie Facebook, geschrieben hat, ich sollte jeden töten, der China spalten will :roll: So was ist mir aber auch nur einmal passiert, und sowas halten selbst meine noch so parteifreundlichen Freunde für psychopathisch.

Ausnahmen kann ich bisher an einer Hand abzählen, sind also ca. 10%, die mir offen gesagt haben, dass sie die Schnauze voll haben von der jetzigen Situation usw. Eine davon lebt nun in Deutschland und meinte, dass sie hier erst erfahren hätte, wie schlimm die Diktatur eigentlich ist ud dass Mao kein Held, sondern ein Monster gewesen sei, obwohl sie ihn früher in China förmlich verehrt hatte. Diese Ausnahmen meinten allerdings zu meiner Verwunderung, dass extrem viele Chinesen die Partei nicht mehr abkönnten. Deswegen vermute ich, dass viele Chinesen Ausländern gegenüber einfach nicht die Missstände zugeben wollen, weil sie zu stolz auf ihr Land sind.

Wie stehen die Chinesen, die ihr so kennt, oder ihr selber, wenn ihr welche seid, zu der Partei? Interessant wären vor allem Meinungen von festen FreundINNen bzw. Ehepartnern oder sonstigen engen Freunden, da man von denen schließlich eine ehrlichere Aussage erwarten kann...

Was ich vorhin meinte, bezüglich Gefahren, mit Chinesen zuviel über Politik zu reden: Da es ja in China keine wirkliche Meinungsfreiheit gibt, habe ich mich schon öfter gefragt, ob es Auswirkungen haben könnte, wenn ich zu sehr über die chinesische Regierung ablästern würde (was ich mir immer, so gut es geht, verkneife, nur ein paar zumindest aus meiner Sicht eher "harmlose" Kommentare, zB. dass ich Mao nicht so toll finde, etc). Also, nehme man mal an, man würde richtig loswettern gegen die Partei und man vielleicht die falsche Person getroffen hat, könnte das sogar Auswirkungen auf zukünftige Visa haben?

Wenn man sich auf den Tiananmen-Platz stellt und irgendwas unpassendes ruft, war es das, denke ich, mit dem Visum. Wie ist das, wenn es im privaten Rahmen stattfindet, aber derjenige vielleicht ein hohes Parteimitglied wäre. Und vor allem, interessiert es die überhaupt, wenn ein wenig einflussreicher Durchschnittsbürger so etwa vom Stapel lässt oder konzentriert man sich eher auf die, die auch wirklichen Einfluss haben?

So, das wäre es erstmal mit dem Roman. Nochmal zur Zusammenfassung, mich würden eure Erfahrungen mit der Einstellung von Chinesen gegenüber der Partei und Mao interessieren und eure Einschätzung, inwiefern man mit Leuten, mit denen man nicht eng befreundet ist, "gefahrlos" über Politik reden kann.
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von bossel »

Wang hat geschrieben:Also ich habe mittlerweile festgestellt, dass fast alle Chinesen (mit wenigen Ausnahmen), zumindest nach außen hin, voll und ganz überzeugte Anhänger der Regierung sind.
Fast alle würde ich nicht sagen, aber leider vielzuviele.
Dabei hat sich offensichtlich bei den meisten so stark die Meinung festgesetzt, dass der Westen eh nur Lügen verbreite.
Das ist so ein Problem. Wird leider von angeblichen Chinaliebhabern noch verstärkt.
Ich hatte schon einige Diskussionen, meistens ging es um Mao.
Gerade was Mao angeht, habe ich da aber doch schon deutlich differenziertere Meinungen erlebt. Ich hatte bisher auch noch keine Probleme, wenn ich Mao als einen der größten Verbrecher der Geschichte bezeichnete. (Die Probleme gibt es eher mit den hiesigen Chinaliebhabern.)
Habt ihr auch dieselben Erfahrungen gemacht oder stoße ich nur auf die ganz extremen Fälle :?
Du scheinst da tatsächlich eine gewisse Auswahl extremer Fälle zu treffen.
Deswegen vermute ich, dass viele Chinesen Ausländern gegenüber einfach nicht die Missstände zugeben wollen, weil sie zu stolz auf ihr Land sind.
Das vermutest Du vermutlich richtig.
Wie stehen die Chinesen, die ihr so kennt, oder ihr selber, wenn ihr welche seid, zu der Partei?
Fast alle positiv bis ignorant, (offen) negativ ist eher selten.
Also, nehme man mal an, man würde richtig loswettern gegen die Partei und man vielleicht die falsche Person getroffen hat, könnte das sogar Auswirkungen auf zukünftige Visa haben?
Nee, so wichtig bist Du als unwissender, fremdländischer Barbar dann doch nicht.
Wie ist das, wenn es im privaten Rahmen stattfindet, aber derjenige vielleicht ein hohes Parteimitglied wäre.
Du wirst eher Probleme bekommen, wenn Dein Verhalten zu einem Gesichtsverlust des Bonzen führt. Das ist aber unabhängig davon, ob der Grund politisch oder privat ist.
inwiefern man mit Leuten, mit denen man nicht eng befreundet ist, "gefahrlos" über Politik reden kann.
Habe ich häufiger bei "English Corners" gemacht. Kein Problem. (Bisher...)
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von Laogai »

Wang hat geschrieben:Ausnahmen kann ich bisher an einer Hand abzählen, sind also ca. 10%, die mir offen gesagt haben, dass sie die Schnauze voll haben von der jetzigen Situation usw.
Vielleicht liegt hier das/dein "Problem"? Du gehst davon aus, dass die Chinesen generell unzufrieden mit der Regierung sein müssen. Dem ist aber nicht so. Die meisten Chinesen (90%? Würde sich mit deiner Erfahrung decken) stehen hinter dem aktuellem Regime, einfach weil es ihnen besser geht als jemals zuvor in der chinesischen Geschichte. Und die ist verdammt lang und hat weitaus schlimmere Herrscher hervorgebracht als die KP.

Davon abgesehen: Kennst du den Ausdruck 家丑不可外谈?
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von Laogai »

Zusammengefasst:
Wang hat geschrieben:mich würden eure Erfahrungen mit der Einstellung von Chinesen gegenüber der Partei und Mao interessieren[...]
Meine Erfahrungen decken sich mit deinen.
Wang hat geschrieben:[...]und eure Einschätzung, inwiefern man mit Leuten, mit denen man nicht eng befreundet ist, "gefahrlos" über Politik reden kann.
Völlig gefahrlos. Wenn du nicht gerade die chinesischen Staatsfeinde No. 1 aufsuchst wir dir nichts passieren.
Und die Chinesen, die für sich eine potentielle Gefahr sehen, werden nicht mit dir über solche Themen reden.
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von Wang »

laogai hat geschrieben:
Davon abgesehen: Kennst du den Ausdruck 家丑不可外谈?
Ja, dass Sachen, die intern passieren, nicht nach außen getragen werden sollen. Oder? :mrgreen:
laogai hat geschrieben:Vielleicht liegt hier das/dein "Problem"? Du gehst davon aus, dass die Chinesen generell unzufrieden mit der Regierung sein müssen. Dem ist aber nicht so. Die meisten Chinesen (90%? Würde sich mit deiner Erfahrung decken) stehen hinter dem aktuellem Regime, einfach weil es ihnen besser geht als jemals zuvor in der chinesischen Geschichte. Und die ist verdammt lang und hat weitaus schlimmere Herrscher hervorgebracht als die KP.
Ja, ich gehe eigentlich auch immer davon aus, dass der Großteil der Chinesen eher für die Regierung ist. Meine Verwunderung kam weniger von meiner eigenen Einschätzung, sondern dadurch, dass mir einige erzählt haben, in China würde der Unmut über die Partei stark anwachsen. Da ich das aber selber noch nicht festgestellt habe, war ich etwas verwundert, was aber dann wohl auch wirklich daran liegen wird, dass ich eben Ausländer bin und die das lieber unter sich diskutieren, wie du schon sagtest: 家丑不可外谈
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von wuseltiger »

Naja diese Diskussion ist so eine Art Bumerang hier im Forum.

Ich habe auch noch keinen chin. Bekannten dazu gebracht sich negativ über China zu äußern. Sie würden es niemals vor einem Ausländer tun. Chinesen haben eine Menge Argumente auf Lager, warum man als Ausländer die Situation nicht verstehen kann und keine Ahnung hat (als ob einer der Shanghainesen oder Pekinesen die ich kenne, auch nur die geringste Vorstellung davon hat, wie es ist als chinesischer Bauer/Wanderarbeiter zu leben. Deren Sorgen drehen sich eher darum, ob sie eine Gucci-Tasche kaufen sollen, wenn sie von 1000 auf 500 Euro reduziert wurde, oder ob die Eltern der Braut oder die des Bräutigams die Eigentumswohnung bezahlen...). Man muss sich also auch immer fragen, mit wem diskutiere ich hier eigentlich.. Und ich glaube nicht, dass einer von uns die Verlierer des Wirtschaftsbooms persönlich kennt und mit denen diskutiert...

Ich bin da auf die Übersetzung meiner Frau angewiesen, die mir glaubhaft versichert, dass so gut wie alle Chinesen ihre Regierung nicht mögen und ständig über sie und die Verhältnisse in China schimpfen.. Also wirst du dich wohl einheiraten müssen um die Wahrheit zu erfahren.. :lol:

Aber es stimmt schon, dass die meisten glauben, dass es schlimmer sein könnte, als momentan. (glaube ich übrigens auch)..Auch das Mao-Bild wird total verklärt. Und die Frage der Einheit, da sind sie wohl fast alle Überzeugungstäter... Darüber zu diskutieren ist einfach Zeitverschwendung..
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von no1gizmo »

Ich würde differenzieren zwischen KP und Mao. Natürlich ist beides geschichtlich miteinander verknüpft.

Über die aktuelle KP sind die meisten Chinesen froh, da sie den Wirtschaftsboom gebracht hat (allerdings kann man entgegenhalten: Warum erst vor 10-20 Jahren? Warum nicht schon 1950, so wie Japan - Die Gründe liegen auf der Hand)

Bei Mao sind sich selbst die Chinesen uneinig, wobei es aber genug Mao-Liebhaber gibt. Man wird aber nie nach Mao oder Politik allgemein gefragt, die Diskussion scheint immer vom Ausländer auszugehen.

Bei Mao sage ich immer: "Mao Zedong ist ein politischer Verbrecher, gäbe es heute noch Mao, wäre China wirtschaftlich immer noch wie vor 30 Jahren am Boden, wie Nordkorea (Kim il ist btw. ein großer Anhänger Maos!) heute noch. Mao kann mir egal sein, er hat immerhin nur Chinesen umgebracht, sollen Chinesen von ihm halten was sie wollen".

Glaub mir, auch wenn es kein Chinese zugeben wird, abgesehen von den Hardcore-"Mao ist toll, der Westen lügt nur"-Anhängern, wird da jeder Chinese nachdenklich....
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von wuseltiger »

Der Gizzi ist wieder da.. Dachte schon du hast dich verabschiedet...
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von no1gizmo »

Über Mao zu lästern lasse ich mir aber nicht nehmen :mrgreen:

(nein nur Spaß, bin nur weniger aktiv, aber noch da)
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von wuseltiger »

ja dass du dich ausgerechnet bei dem thema meldest hat mich nicht ueberrascht...
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von aquadraht »

no1gizmo hat geschrieben:Ich würde differenzieren zwischen KP und Mao. Natürlich ist beides geschichtlich miteinander verknüpft.

Über die aktuelle KP sind die meisten Chinesen froh, da sie den Wirtschaftsboom gebracht hat (allerdings kann man entgegenhalten: Warum erst vor 10-20 Jahren? Warum nicht schon 1950, so wie Japan - Die Gründe liegen auf der Hand)
Ja, sie liegen auf der Hand, und sind andere, als Du Dir einbildest. Japan hat seine Grundmodernisierung bereits im 19. Jahrhundert, während der Meiji-Reformen, hinter sich gebracht, und war schon Anfang des 20. Jahrhunderts eine imperialistische Macht, die das zaristische Russland in die Schranken weisen konnte. Zu der Zeit, und im Grunde bis 1949, war China ein Spielball der ausländischen Mächte.
Bei Mao sind sich selbst die Chinesen uneinig, wobei es aber genug Mao-Liebhaber gibt. Man wird aber nie nach Mao oder Politik allgemein gefragt, die Diskussion scheint immer vom Ausländer auszugehen.
Warum auch? Wenn ich Deine Statements lese, wundere ich mich nicht, dass da von Chinesen keine Diskussion ausgeht. Ich würde mit Dir auch nicht diskutieren wollen, einfach, weil es langweilig ist.
Bei Mao sage ich immer: "Mao Zedong ist ein politischer Verbrecher, gäbe es heute noch Mao, wäre China wirtschaftlich immer noch wie vor 30 Jahren am Boden, wie Nordkorea (Kim il ist btw. ein großer Anhänger Maos!) heute noch. Mao kann mir egal sein, er hat immerhin nur Chinesen umgebracht, sollen Chinesen von ihm halten was sie wollen".

Glaub mir, auch wenn es kein Chinese zugeben wird, abgesehen von den Hardcore-"Mao ist toll, der Westen lügt nur"-Anhängern, wird da jeder Chinese nachdenklich....
Ich glaube, dass viele Chinesen denken "Was für ein Idiot", freundlich lächeln und versuchen, das Thema zu wechseln, der Harmonie zuliebe. Aber schön für Dich, wenn Du Dich gut fühlst.

Meine Erfahrung ist, dass Chinesen durchaus die Meinung, dass Mao ein Mörder war, mit der, dass er ein Held und in summa ein Segen für China war, vereinbaren können. Vielleicht ist Ihr Denken etwas komplexer als Deines. :mrgreen:
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von jadelixx »

Wang hat geschrieben:Also ich kenne ziemlich viele Chinesen und früher oder später kommt man irgendwie auch auf das Thema Politik. Ich wollte mal fragen, was ihr dabei so für Erfahrungen gemacht habt und vor allem, ob ihr es teilweise für "gefährlich" haltet, möglicherweise mit den falschen Leuten zu viel Negatives über die KP zu sagen (dazu weiter unten).

Also ich habe mittlerweile festgestellt, dass fast alle Chinesen (mit wenigen Ausnahmen), zumindest nach außen hin, voll und ganz überzeugte Anhänger der Regierung sind. Nach dem Motto "Ich liebe China, China ist die KP und die KP ist China, also liebe ich auch die KP". Was mich dabei verwundert hat, war, dass dies selbst bei den Chinesen der Fall ist, die sehr offen sind und länger in Europa gelebt haben. Dabei können sie nach außen hin noch so offen und modern wirken, aber fast jeder ist Anhänger der Partei und findet, dass Mao so 伟大 war...
Das ist zu einfach. Viele tragen Widersprüche mit sich rum und ich würde sagen, fast alle haben Zweifel. Aus Sicht der Chinesen macht es aber wenig Sinn mit Dir darüber zu reden. In China bist Du vermutlich (so wie ich oder jeder andere Europäer auch) erstmal ein hilfsbedürftige Person. Was kannst Du schon über Mao oder die KP wissen. Du kennst schließlich nur die Publikationen, in denen es(aus Sicht Deiner chin. Gesprächspartner) darum geht, die KP schlecht aussehen zu lassen. Zum heulen ist es für sie, wenn Du Deine Diskussionen mit dem Vorschlaghammer beginnst, frei nach dem Motto: "Mao ist ein Verbrecher und hat Millionen Leute auf dem Gewissen." Das ist zwar richtig(und viele haben von dieser Ansicht auch sicher schon vorher gehört), aber aus ihrer Sichtweise gibt es eine Menge guter Leistungen, die Sie direkt miterlebt haben oder von deren Auswirkungen sie meinen besser zu leben, als die Generation davor. Das ist dann erstmal ausschlaggebender.
Wang hat geschrieben:Warum ich das so seltsam finde, ist einfach, weil die meisten Chinesen, die ich in Europa kenne, spätestens hier mit neuen Informationen in Kontakt kommen, die sie eigentlich mal zum Zweifeln bringen müsste. Dabei hat sich offensichtlich bei den meisten so stark die Meinung festgesetzt, dass der Westen eh nur Lügen verbreite.
Die Sprachbarriere spielt natürlich eine Rolle. Selbst wenn Deine Chinesisch Kenntnisse 1A sind, bezweifele ich, das Du Dir Disskussionen über den letzten Parteitag durchliest. Für Dich ist es am Einfachsten Deine Meinung aus der Zeitung zu übernehmen.
Umgekehrt wird ein Chinese hier auch eher die oberflächlichen Medien, wie N-TV, SPON und Bild wahrnehmen. Das ist nunmal meist ziemlicher Blödsinn, was da steht und gesprochen wird.
Wang hat geschrieben:Ich hatte schon einige Diskussionen, meistens ging es um Mao. Ich war geschockt von dem Personenkult, den manche zeigen: Wenn ich nur sagte, dass ich es nicht nachvollziehen kann, dass China Mao immer noch so verehrt, weil ich einfach seine Fehler für so schwerwiegend finde, dass man nicht mehr von einem tollen Führer reden kann. Wir sagen doch auch nicht: "Hitler hat zwar Millionen von Menschen umgebracht, aber immerhin hat er Autobahnen gebaut und Arbeitsplätze geschaffen." (den Vergleich habe ich natürlich nicht gebracht, und mir ist auch schon klar, dass es große Unterschiede zwischen Hitler und Mao gibt).
Der Vergleich hingt natürlich gewaltig. Ein viel besserer Vergleich ist Mao und auf westlicher Seite die katholische Kirche.
Wang hat geschrieben:Alleine diese Aussage, dass ich Mao nicht für so einen tollen Typen halte, hat bei einer Person sogar zu Tränen geführt... :roll: Andere werden einfach nur total wütend und meinen sofort, ich würde China ja eigentlich hassen, blabla. Ich würde ja denlen, dass dies nur Extremfälle seien, aber ich beziehe mich hier nicht auf 2 oder 3 Chinesen, sondern eher auf 50. Und darunter waren auch einige, die ich als wirkliche Freunde bezeichne, und die trotzdem für einige Stunden wirklich sauer auf mich waren, nur weil ich der Partei kritisch gegenüber stehe.

Eigentlich vermeide ich das Thema bei denen, die ich nur entfernter kenne, aber ich habe so eine Macke, dass ich immer zu allem meine Meinung sagen muss und das nicht einfach so schlucken kann :wink: Wenn mir z.B. jemand wieder von den "verdammten Japanern" erzählt, die ja immer ihre Geschichtsbücher fälschen und die Vergangenheit überspielen wollen, kann ich es mir meistens nicht verkneifen, zu sagen, dass China doch im Grunde genommen nicht viel besser ist (1989, wirkliche Ausmaße von Maos glänzenden Ideen, usw).
Das Gleiche gilt, wenn mir Chinesen ihr Leid klagen, wie böse die armen Minderheiten in China doch sind und wie gut sie es doch hätten. Wenn man dann sagt, dass es genug Unzufriedene dort gibt, heißt es nur, dass ich das ja nicht beurteilen könne, weil ich schließlich nicht selber dort sei. Auf meine Frage, ob sie denn selber schonmal in Xinjiang gelebt hätten, kommt dann nur wieder eine aggressive Reaktion oder bei manchen sogar der Vorwurf, China spalten zu wollen :roll:
Tja, das passiert mir auch machmal, obwohl ich mir immer einbilde einen besseren Zugang zu den Chinesen zu haben. Mit Logik kann man zum Nachdenken anregen, aber man kann eben nicht erwarten, das man im laufenden Gespräch dafür geliebt wird :wink:
Wang hat geschrieben:Wie gesagt, ich fange normalerweise die Diskussionen über Politik eher ungern an, weil es immer sehr heikel ist und man deren Standpunkt eh nicht ändern kann.

Habt ihr auch dieselben Erfahrungen gemacht oder stoße ich nur auf die ganz extremen Fälle :?

Das extremste war übrigens eine Person, die ich aber Gott sei dank nicht weiter kenne, mir über Xiaonei, so etwas wie Facebook, geschrieben hat, ich sollte jeden töten, der China spalten will :roll: So was ist mir aber auch nur einmal passiert, und sowas halten selbst meine noch so parteifreundlichen Freunde für psychopathisch.
Wenn Patriotismus propagiert wird, kriegt man auch ne Menge Nationalismus als Geschenk dazu. Das kann sich auch so mancher westlicher Politiker mal hinter die Ohren schreiben. Habe sowas auch schon mal von einem Chinesen in einem deutschen Forum gelesen.
Wang hat geschrieben:Wie stehen die Chinesen, die ihr so kennt, oder ihr selber, wenn ihr welche seid, zu der Partei? Interessant wären vor allem Meinungen von festen FreundINNen bzw. Ehepartnern oder sonstigen engen Freunden, da man von denen schließlich eine ehrlichere Aussage erwarten kann...
Eine chinesische Bekannte, die demnächst einen guten Kumpel heiraten wird, hat für sich die Formel Mao war zu 70% gut und zu 30% schlecht aus einer deutschen Zeitung umgemünzt. Ich glaube das stand da mal anders herum.
Sie hat mir auch erklärt, wie großzügig es von Mao war, HongKong nicht mit einzunehmen, als das Land geeint wurde ...
Ist eben wie mit der Religionsgläubigkeit in D.. Solange Sie damit nicht missionieren geht, soll sie ruhig dran glauben.
Wang hat geschrieben:Was ich vorhin meinte, bezüglich Gefahren, mit Chinesen zuviel über Politik zu reden: Da es ja in China keine wirkliche Meinungsfreiheit gibt, habe ich mich schon öfter gefragt, ob es Auswirkungen haben könnte, wenn ich zu sehr über die chinesische Regierung ablästern würde (was ich mir immer, so gut es geht, verkneife, nur ein paar zumindest aus meiner Sicht eher "harmlose" Kommentare, zB. dass ich Mao nicht so toll finde, etc). Also, nehme man mal an, man würde richtig loswettern gegen die Partei und man vielleicht die falsche Person getroffen hat, könnte das sogar Auswirkungen auf zukünftige Visa haben?
Nö, hat für Dich keine Konsquenzen. Dafür das Du Dein Leben lang mit westlicher Propaganda geimpft wurdest, kannst Du ja nix (kleiner Scherz :mrgreen: )
Wang hat geschrieben:So, das wäre es erstmal mit dem Roman. Nochmal zur Zusammenfassung, mich würden eure Erfahrungen mit der Einstellung von Chinesen gegenüber der Partei und Mao interessieren und eure Einschätzung, inwiefern man mit Leuten, mit denen man nicht eng befreundet ist, "gefahrlos" über Politik reden kann.
Also ich spreche das auch nicht als Thema Nummer 1 an. Bei manchen merke ich auch sehr schnell, das sie über Politik gar nicht reden wollen. Dann laß ichs eben, irgendwann sprechen sie es selber an und sind etwas offener.
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von aquadraht »

jadelixx hat geschrieben: ..
Ich snippe mal alles, schlicht, weil ich Deiner Meinung bin :D

Ich hatte mal die interessante Erfahrung, dass ein chinesischer Bekannter sehr vorsichtig die Sprache auf die Menschenverluste durch die Hungersnot 1959-61 brachte. Nachdem ich die ihm nicht bekannte Information beigesteuert hatte, dass die chinesische Regierung sich intensiv um den Kauf von Lebensmitteln aus dem Ausland bemüht hatte, das aber an der Blockadepolitik der USA scheiterte, durch die auch die Importe aus Australien und Kanada um rund 1 Million t Getreide im Jahr zurückgingen, war eine viel offenere Diskussion über die Fehler und den Irrsinn der KP-Politik möglich. Ich bin, nebenbei gesagt, in der Tat der Meinung, dass eher Eisenhower und Dulles (beide) die Mörder der 1959-61 verhungerten Chinesen sind als Mao.

Mein Eindruck ist, dass die meisten Westler, auch die, die intelligenter sind als bossel (was nicht viel Mühe macht), gar nicht merken, wie selbstgerecht, arrogant und predigend sie auftreten.
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von Wang »

no1gizmo hat geschrieben:Über die aktuelle KP sind die meisten Chinesen froh, da sie den Wirtschaftsboom gebracht hat (allerdings kann man entgegenhalten: Warum erst vor 10-20 Jahren? Warum nicht schon 1950, so wie Japan - Die Gründe liegen auf der Hand)
Ich hab es bisher nur genau andersrum erlebt. Im Auto hängt am Spiegel der gute alte Mao, während der Fahrt wird aber über die (heutige) Partei gelästert.
Von denjenigen, die Kritik an der Partei äußern, finden aber fast alle Mao immer noch toll.

Natürlich sehen auch die Chinesen Mao nicht ganz undifferenziert, bisher hat jeder zu mir gesagt, dass er natürlich auch Fehler gemacht hat, vor allem Kulturrevolution und auch Großer Schuss in den Ofen... ach, großer Sprung nach vorn, mein ich natürlich. Nur eben, dass die meisten Chinesen irgendwie zu glauben scheinen, dass das alles nicht so große Auswirkungen hatte.
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Re: Mit Chinesen über Politik reden

Beitrag von aquadraht »

Mal eine Frage abseits des Schlagabtauschs: Kann es sein, dass die chinesische und die europäische, besonders die deutsche, Kultur, sich bezüglich der Diskursformen, vor allem der "Streitkultur" fundamental unterscheiden? Ich hatte diesen Eindruck schon im Vergleich des Verlaufs von - vorwiegend politischen - Debatten in USA und in Deutschland, und noch viel mehr in China. In Deutschland scheint mir eine Vorliebe (von der ich selbst keineswegs frei bin) zur Debatte der härtesten Art zu herrschen. Die Minderbegabten werden dabei schnell beleidigend, die Intelligenteren und Eloquenteren kultivieren eine nicht minder boshafte Polemik. Beides gibt sich nicht viel, es ist jeweils auf "Gewinnen" der Diskussion und Runtermachen des Kontrahenten gerichtet.

Schon in den USA fiel mir auf, dass solche Zuspitzungen in Debatten eher vermieden werden, man gibt dem Insistierenden eher wider besseres Wissen recht. In China scheint mir dieses Harmoniebedürfnis noch viel stärker zu existieren.
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