In China gilt das römische Recht und der Rechtsgrundsatz in dubio pro reo. Demnach sollte bei Strafprozessen die Beweislast beim Staat liegen (also der Beweisst für die Schuld des Angeklagten erbracht werden müssen), nicht umgekehrt. Es kann natürlich schon auch sein, dass hier in gewissen Fällen eine Spezialregelung herrscht...Unklar ist mir, warum der Angeklagte in der Pflicht ist, was zu beweisen und nicht der Kläger. Vielleicht liegt es an den unterschiedlichen Rechtssystemen? Ich weiß es nicht so genau.
Was aber die meisten Abschrecken dürfte, ist nicht eine mögliche Gefängnisstrafe. Dank Kameras und so ist der Beweis der Unschuld ja heute auch denkbar einfach zu erbringen - ich würde das Risiko auf mich nehmen.
Das grössere Problem ist der zivilrechtliche Aspekt. Als Westler ist man, wie bereits beschrieben, in einer komfortableren Lage als der Durchschnittschinese und riskiert im schlimmsten Fall empflindliche Geldzahlungen (was natürlich unschön ist, aber durchaus das Retten eines Menschenlebens wert ist).
Als Chinese droht einem jedoch der Privatkonkurs, wenn man plötzlich ein paar hunderttausend Yuan bezahlen muss. Und einfach ins Ausland abhauen kann man da auch nicht.
Somit riskiert ein Chinese quasi das Wohl seiner ganzen Familie, wenn er eine helfende Hand reicht. Das braucht schon sehr viel Grösse, um da zu reagieren. Ich wüsste wie gesagt nicht, ob ich wenn ich ein Chinese wäre den Mut hätte, einem Unfallopfer zu helfen, wenn ich damit riskiere, das Schulgeld meiner Kinder und das Geld für die Krankenversorgung meiner Eltern zu verlieren.
Grundsätzlich glaube ich kaum, dass hier ein Unterschied zwischen den Völkern besteht - der einzige Unterschied besteht in der jeweiligen Situation der Individuen. Daher würde ich nicht von einer kranken Gesellschaft, sondern von einem kranken politischen System in China sprechen.


