Aremonus hat geschrieben:@Huangming: Danke für den bisher geistreichsten Post in diesem Thread.
Was könnten die Chinesen tun, um diesen extrem energieraubenden "Minderwertigkeitskomplex" (sorry für den Ausdruck) loszuwerden?
Wie erlebst Du das Ganze persönlich?
Das Thema ist wirklich sehr komplex.Ich denke, mehrere Faktoren spielen da eine Rolle. Ein Faktor, der zu diesem Minderwertigkeitskomplex geführt hat, ist sicher das öffentliche Erziehungssystem in der Volksrepublik.Dort wird im Rahmen der patriotistischen Erziehung wirklich sehr auf die sogenannte Demütigung und Ohnmacht des Kaiserreiches durch die Kolonialen Mächte des 19. Jh fixiert, als wäre das erst gestern passiert. Die jüngste Geschichte in China dagegen, das heißt, die verschiedenen politischen Bewegungen/Kampagnen und Repressalien der Kommunistischen Partei, liegt weit im Dunkeln und wurde mir erst bewusst, nachdem ich nach Deutschland gekommen war.Chinesen sind von klein auf indoktriniert worden, dass China ein Opfer ausländischer Mächte sei und der Westen eine übermächtige Imperatistische Macht.Dabei wird die
Überlegenheit des Westen und die
Unterlegenheit des eigenen traditionellen Chinas nicht in Frage gestellt, übrigens sieht sich die KPCh darin auch ihre Legitimation, da den Chinesen gesagt wird, dass der Koreakrieg, in dem China unter kommunistischer Führung angeblich als Sieger hevorging, der erste Krieg überhaupt sei, in dem China zum ersten Mal in der Geschichte über eine westliche Macht gesiegt haben soll. Diese auf die Opferrolle Chinas fixierte Erziehung führt bei den Chinesen schon bei jeder westlichen Kritik reflexartig auf die kolonialen Demütigungen des 19. Jh und macht jede konstruktive Diskussion unmöglich.
Neben diesem Erziehungssystem spielt auch das gesellschaftliche Umgehen der Chinesen miteinander einen entscheidenden Faktor. China ist in Wirklichkeit eine extrem hierarchische Gesellschaft.Wer ein Bauer ist, der bleibt sein Leben lang auf dem Papier ein Bauer, sein Sohn und sein Enkelsohn werden auch ihrerseits ein Bauer auf dem Papier bleiben.Umgekehr gilt es auch für die Stadtbürger.Solidarität und gesamtgesellschaftlicher Zusammenhalt sind kaum existent, Menschen anderer gesellschaftlicher Klassen werden nicht als ebenbürtige Menschen angesehen. Ich behaupte nicht, dass es in anderen Ländern nicht auch so ist, aber in China ist das besonders ausgeprägt. Diese gesellschaftliche Realität spricht der offiziellen Propaganda eines geschlossenen, solidarischen chinesischen Volkes Hohn. Die offizielle patriotistische Erziehung wirkt demnach sehr realitätfern und hölzern angesicht der Wirklichkeit, die in China vorherrscht.
Jeder von euch hat bestimmt mal von Chinesen seufzen hören:"中国人太多了",
das wird als die Hauptursache für den derzeitigen Rückstand Chinas gesehen. Menschen, also die eigenen Landsleute werden in erster Linie als Ressorcenverschwender angesehen, aber nicht als wertvolle Angehörige des eigenen Volkes, Mitglieder der eigenen Gesellschaft.Ich habe schon zig mal von Chinesen gehört, dass es China deutliche besser gehen würde, wenn China nur die Hälfte seiner Bevölkerung hätte.Vergessen ist die tatsache, dass der Mensch nicht nur bloss Resourcen verbraucht, sondern auch erfinderisch ist, wenn nur genug Bildung seitens des Staates in ihn investiert würde.
Es herrscht generell eine unglaubliche Menschenverachtung den eigenen Mitbürgern gegenüber. Nachdem die Ideologie des Kommunismus seit den 90er Jahren ihre Glaubwürdigkeit verloren hat, kann ein neues Wertsystem auch nicht hergestellt werden.Es herrscht der Glaube an die Macht des Geldes.Der Materialismus zurzeit ist weltwelt kaum zu übertreffen.
in diesem Sinne, in so einem gesamtgesellschaftlichen Klima, wo die Mitbürger oder Landsleute dermaßen als Abfall abgetan werden, wo einzig allein das Geld den Wert eines Menschen definiert, kann keine normale Selbstachtung der eigenen Kultur und der eigenen Identität aufgebaut werden.
in diesem Sinne ist es nur konsequent, dass Ausländer, vorallem Europäer und Nordamerikaner/Australier, die aus dem sagenhaft materiell reichen und fortschrittlichen Westen stammen, als etwas hochwertigere angesehen werden.