@aquadraht
"Ich kann nicht viel über die Uighuren sagen, aber schon einiges über die Tibeter und über das Schulsystem für Minderheiten. Die lernen alle Putonghua als erste Sprache - und so ziemlich alle Tibeter unter vierzig oder fünfzig, mindestens in den Städten, sprechen auch Putonghua."
Ja - in den Städten. Aber nicht unbedingt immer die ländliche Bevölkerung. Bei der ist der Bildungsstand generell sehr schlecht. Ist auch ein Problem mit der Lebensweise. Ich hab einmal einen Bericht über tibetische Nomaden gesehen, in denen eine Familie ihre Kinder vor den Behörden versteckte die vorbei kam und die Kinder in die Schule bringen wollte. (Nein, nicht aus den Gründen die bei uns oft genannt werden

) Der Grund war einfach der, dass die Kinder monatelang weg gewesen wären und sie als Arbeitskräfte gebraucht werden. Diese Kinder werden einmal Erwachsen und wollen keine Nomaden mehr sein, dann kommen sie in die Stadt und dann stehen sie an. Diese Problematik gibt es übrigens nicht nur in China, sondern auch in der Mongolei.
Viele Uiguren aus Kashgar und vor allem aus den Dörfern sprechen oft sehr schlecht bis gar nicht Putong Hua.Die Uiguren aus Urumqi natürlich schon. Die mangelnden Putong Hua Kenntnisse dürften schon ein gravierendes Problem sein.
"Tibeter verschiedener Regionen können einander in ihren "Dialekten" genauso schlecht verstehen wie Kantonesen und Wu, die drei tibetischen Hauptsprachen Khams, Amdowa und Dbus (letzteres ist der Dialekt von Ü-Tsang, die "tibetische Hochsprache") sind untereinander nicht verständlich. Selbst in Dharamsala habe ich gehört, wie sich Tibeter - gerade Ältere - untereinander in Putonghua verständigten. Soweit ich allerdings Behörden im Autonomen Gebiet Tibet mitbekommen habe, wird dort sehr wohl im Publikums- und Aktenverkehr Tibetisch angewendet."
Ja, da gibt es auch Konflikte bei den Exiltibetern. Bei denen wurde das Lhasa tibetisch als Standardsprache eingeführt (dafür gab es keine einheitliche Sprache), gleichzeitig benützen die Jugendlichen auch viele Hindi Wörter oder englisches Vokabular. Die Neuankömmlinge aus Tibet sprechen meist nur ihren lokalen Dialekt fliessend und greifen daher oft in der Kommunikation miteinander auf Putong Hua zurück. Auch benützen sie viele chinesische Worte.
Das hat schon zu vielen Spannungen geführt und die Neuankömmlinge werden oft deswegen diskriminiert (keine "echten" Tibeter) und auch oft des "Spionageverdachts" ausgesetzt. Hab mal da einen interessanten Artikel über das Sprachwirrwar und Folgen unter den Exiltibetern gefunden. Falls du ihn noch nicht kennst, kann ich ihn dir gerne raussuchen.
"In den Minderheitenschulen wird die Minderheitensprache als eigenes Sprachfach ab dem zweiten Schuljahr unterrichtet (Grundzüge lernen sie bereits im Gesamtunterricht des ersten Schuljahrs). Hier beginnt das Problem: Die Schüler in den allgemeinen Schulen lernen stattdessen Englisch. Damit fangen die Minderheitenschüler erst optional in den letzten Grundschuljahren an. Karrierebewusste Eltern der Minderheiten schicken ihre Kinder daher oft in Schulen, die keine Minderheitenschulen sind, wodurch diese teilweise zu Restschulen der ärmeren und weniger gebildeten Schicht werden oder zu Schulen für die, die eine Karriere im Minderheitenbildungssystem oder dem Bereich der Minderheitenkultur und Kulturwissenschaften anstreben (das Problem besteht aber eher in den tibetischen Minderheitengebieten in Qinghai, Sichuan etc., und, wie ich mal gelesen habe, sehr stark bei den Uighuren). Bei den Tibetern im Ostteil des Autonomen Gebiets in Qamdo, denen in Sichuan, Yünnan, Qinghai und Gansu wird überdies in der Schule Dbus, also "Hochtibetisch" unterrichtet, das mit dem lokalen Dialekt nur Schrift und Grammatik gemein hat. Da entstehen Bildungsbarrieren, die existierende soziale Rückstände zementieren."
Damit bin ich zuwenig vertraut, kann da nicht viel dazu sagen. Ergibt aber einen Sinn.
Deinen Vorschlag, die Han und anderen in den Minderheitengebieten sollten die Minderheitensprache lernen, in allen Ehren, aber auf wen soll sich das alles erstrecken? Ich habe in Tibet im Hotel und im Reisebüro mit Mädchen aus Qinghai und Shaanxi gesprochen, die dort für ein paar Monate arbeiteten - natürlich sprachen die nur Putonghua.
Naja, die gehen auch nicht zur Schule
"Allerdings: In Indien gibt es seit der Unabhängigkeit eine Pflicht, mindestens eine Minderheitensprache als Unterrichtsfach zu lernen - viel gebracht hat das auch nicht. Ist ein ungeliebtes Nebenfach, das abgesessen wird."
Ja, das kann schon sein.
Ein Versuch wäre es trotzdem wert. Wunder braucht man sich sicher keine zu erwarten, aber Schaden dürfte es mit Sicherheit nicht.
@Laogai - was falsches gegessen? Mir ist es wurscht, ob da jemand "springt" sagt oder nicht. (Was ich übrigens auch jetzt nicht erkennen kann. Du anscheinend vorher auch nicht, da auch du schon in diesem Thread einen Beitrag gepostet hast - sogar schon lange vor Aquadraht.

) Die Posting von aquadraht lese ich übrigens immer gerne. Sind oft Infos dabei, von denen ich bis dato nichts wusste. z.B. der Punkt mit "Dbus" und dem Schulsystem.
Aber sogar wenn Abendländler irgendwelche finsteren Absichten verfolgt (was für welche? Klär uns auf), hätte ich nicht die Tastaturen zum "glühen" gebracht, hätte ich diese Infos nicht erfahren. Also wer ist hier der "Blöde".