Topas hat geschrieben:und wofür gibt es dann Ideologien ? Die Menschen werden in drei Klassen eingeteilt : die wissenschaftlich denkenden ( beweisbasiert ), die ideologisch denkenden ( vermutungsbasiert ) und die gläubigen ( erzählbasiert ). Fragt mich nicht wo ich dass her habe, ich weiss es nicht mehr. Es fiel mir in dem Zusammenhang gerade nur so ein.
Natürlich sind die wissenschaftlich denkenden nach deiner Meinung die besseren Menschen, oder? Sie argumentieren ja beweisbasiert.
Nun ja, das Ende der Demokratie ist die Konsequenz. Ich war mal für die Pressearbeit einer grünen Fraktion zuständig, allerdings nicht auf Landesebene sonder etwas tiefer.
Ideal ist es, wenn man über dritte Statistiken oder wissenschaftliche Berichte in Umlauf bringt, die nicht mit einem selbst direkt als Auftraggeber in Zusammenhang gebracht werden. Wenn sie dann publiziert werden kann man sich auf diese berufen, obwohl man sie selbst verursacht hat. Eine Methode die immer gut funktioniert. Man gibt sich selbst eine Vorlage. Es ist eine der Hauptaufgaben der Pressearbeit. Der Acker muss bestellt werden damit das Stimmvieh herangezüchtet wird, ups, die geschätzten Wählerinnen und Wähler natürlich. Sie sollen "unabhängige" Fakten in die Hand bekommen damit sie im gewünschten Sinne argumentieren können.
Als Beispiel braucht man nur mal die Biographien der Experten im Gesundheitswesen zu untersuchen (Lauterbach zum Beispiel). Auch was die Rentenfrage angeht, immer sind die sogenannten Experten im Auftrag dritter handelnde Interessenvertreter, zum Beispiel der Versicherungswirtschaft.
Eine Meinung zählt nur noch etwas, wenn sie durch Statistik- und wissenschaftliche Beweise untermauert wird. Das ist aber keine Demokratie. Darüber sollten einige hier im Forum mal nachdenken. Es ist das Gegenteil von Demokratie.
Demokratie beinhaltet das Recht auf freie Meinungsäußerung. Wenn jemand im persönlichen Umfeld eine Erfahrung macht hat er das Recht dazu aus dieser Erfahrung heraus eine eigene Meinung zu entwickeln, auch sie zu äußern. Sie muss nicht irgendwelchen wissenschaftlichen Untersuchungen oder Statistiken genüge sein. Wenn Meinungen nämlich immer den statistischen, bzw. wissenschaftlichen Ergebnissen entsprechen müssen, brauchen wir keine Wahlen und auch keine Demokratie mehr sondern können alle Entscheidungen entsprechend den wissenschaftlichen Ergebnissen fällen.
Jeder der die Meinung eines anderen versucht mit einer Statistik oder einem wissenschaftlichen Bericht zu entkräften zeigt damit:
1. Er erwartet vom anderen nicht mit seiner Meinung akzeptiert zu werden sonder er benötigt Beweise die ihn stützen.
2. Er gibt nicht seine Meinung wieder sondern nur von dritten veröffentlicht Ergebnisse, damit entmündigt er sich selbst.
3. Er hat nicht verstanden das publizierte wissenschaftliche Berichte im Auftrag erstellt werden. Für jede Statistik, für jede wissenschaftliche Arbeit gibt es einen Auftraggeber.
Persönliche Erfahrungen sind viel wichtiger. Der Mensch kann es pyschisch nur schwer ertragen, wenn seine persönlichen Erfahrungen in Frage gestellt werden. Er hat ja etwas direkt erlebt, warum also soll das nun falsch sein?
Umgekehrt verlieren Menschen die sich nur nach wissenschaftlichen Untersuchungen und Statistiken richten schnell den Boden unter den Füssen, wenn gerade sie eine Situation trifft, die sie nach diesen Erkenntnissen nicht zu erwarten gehabt hätten. Aber ein Mensch mit persönlichen Erfahrungen hätte den Braten vielleicht schon vorher gerochen und wäre nicht in diese Situation gekommen.
Wenn Person A zum Beispiel in China etwas negatives erlebt hat, hat er das Recht sich negativ zu äußern. Wenn Person B dort etwas positives erlebt hat, kann er eine positive Meinung zu China haben. Je mehr Menschen positive Erlebnisse haben, je besser wird die Meinung über China. Ob es in China tatsächlich mehr positive oder negativer Ereignisse gibt ist dabei unerheblich. Wichtig ist nur wie sie erlebt und wahrgenommen werden und welche Meinungen sich daraus ableiten.
Aus ihren Erlebnissen lernen sie Situationen einzuschätzen, positiv oder negativ. Ihre Wahrnehmung der Situationen und Veränderungen wird geschärft. Situationsänderungen werden nun wahrgenommen und es kann darauf reagiert werden. Jemand ohne persönliche Erfahrungen, nur mit den wissenschaftlichen Fakten im Aktenkoffer, hat diese persönliche Wahrnehmung nicht, seine persönliche Reaktion ist eingeschränkt, vielleicht sogar falsch.
Beispiel: Ein deutsches Ehepaar geht über die Nathanroad, sie haben die Information, Hong Kong ist eine sehr sichere Stadt. Ein Inder will ihnen einen Anzug verkaufen und geht neben ihnen her. Die Frau und der Mann bekommen Angst weil sie nicht wissen wie sie sich verhalten sollen. Die Frau sagt ängstlich zum Mann: Nachher haut er uns noch eine rein!
Mit mehr persönlicher Erfahrung kann man die Situation besser einschätzen, die Statistik und der Reiseführer haben hier nicht weitergeholfen. Im Augenblick der Unsicherheit sind beide in ihrer Wahrnehmung eingeschränkt weil sie nur noch Angst haben. Sie werden diese Erfahrung weitergeben.
Wenn die Presse hier so schreibt, das es nicht mit den Meinungen der Menschen übereinstimmt, die positive Erfahrungen in China gemacht haben, dann werden sie von ihnen als kleinkariert abqualifiziert.
Menschen, die noch nie in China waren und deshalb auf die Informationen der Presse vertrauen, werden bei negativer Berichterstattung ein negatives Bild haben. Sie können dann wieder wie oben schon beschrieben fleißig zitieren, was sie wo gelesen haben und es als Beweise anführen.
Ein wichtiges Ziel im Leben eines Menschen sollte es sein, nicht Trugbildern zu erliegen sondern eigene Urteilskraft und Urteilsfähigkeit zu entwickeln. Sie sind die Grundlagen der Vernunft, der Mangel an eigener Urteilskraft ist das was man gemeinhin als Dummheit bezeichnet.
Urteilen kann man aber in erster Linie am besten aus eigener Erfahrung, eigenem Erleben. Jede Statistik und wissenschaftliche Untersuchung stammt aus der Bewertung von Situationen durch einen anderen Menschen.
Dann will ich noch mal kurz anfügen, dass ich keine Nationalität genannt habe. Da gibt es inzwischen keinen Unterschied mehr, deutsche Jugendliche sind an den von mir genannten Erlebnisse genauso beteiligt wie ausländische.