"Die" Chinesen haben zur großen Mauer ein ziemlich gemischtes Gefühl/Verhältnis. Einerseits gibt es natürlich Nationalstolz - der aber kommt primär aus der Anerkennung von außen. Für die Chinesen war früher eher ein pragmatisches Gefühl mit der Mauer verbunden (Schutzfunktion) oder sogar ein negatives (x Schauergeschichten um den Bau der großen Mauer). Wie dem auch sei, die Mauer ist vor allem eins: Extrem Lang. Und sie zeichnet sich noch durch ein zweites Prädikat aus - sie ist nicht einheitlich. An sich gibt es mehrere Mauerabschnitte und die unterscheiden sich nach dynastischen als auch Erhaltungskriterien. Es gibt große Mauerabschnitte die quasi nur Erdwälle sind und viele Mauerabschnitte die sich eigentlich nur durch Luftarchäologie ausmachen lassen. Dann gibt es anderseits hochstilisierte und restaurierte Abschnitte wie aus dem Mulan Disney Film. z.B. Badaling. Wobei diese natürlich älter als der Disney Schinken sind. Die Mauer wurde als Nationalsymbol eigentlich erst im letzten Jahrhundert politisch instrumentalisiert. Durchaus auch mit Erfolg, aber man darf nicht vergessen das Chinesen ein ähnliches Verhältnis zu "alten" Dingen haben wie Italiener oder Griechen. Es gibt einfach so viel davon im Land! Ähnlich wie Amerikaner ein Haus aus dem 19. Jahrhundert quasi als Pilgerstätte betrachten und im Gegensatz in Wien dann überhaupt nichts mehr gebaut/verändert werden dürfte, ist es in China. Natürlich bekommt das ganze eine andere Komponente, wenn die ehemaligen Kolonialstaaten involviert sind. Dann wird auch die an sich unwichtigste Vase, Steinhaufen oder Statue zum Reizobjekt. Jetzt könnte man sagen, dass ist dumpfer Nationalismus - aber das ist auch ein Verleugnen der Tatsache. Es geht hier viel um die Demütigung, Plünderung, Ausbeutung und vor allem geförderte Zerstörung des Landes unter der China im Halbkolonienstatus leiden musste. Für uns Europäer ist der Kolonialismus natürlich eine Geschichte von vorvorgestern und keine Sau interessiert es. Was aber dabei übersehen wird ist, dass der Kolonialismus maßträglich bis heute auf die jeweiligen Länder Einfluss genommen hat. Im Falle Chinas - ohne Kolonialismus kein Sturz des Kaiserhauses, keine Republik und vor allem keine Volksrepublik. Die KP zieht ihre historische Legimitation auch daraus, dass sie dem halb Kolonialenstatus ein Ende bereitet hat.Aremonus hat geschrieben:Ich weiss nicht... ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das die Mehrheit der Chinesen billigt. Aber ich kenne keine repräsentative Umfrage dazu.laogai hat geschrieben: Von wegen "Nationalsymbol". Solange Chinesen irgendwo auf einen Abschnitt der Mauer klettern können sind sie 好汉. Und solche Abschnitte gibt es genügend und es wird auch in vielen Jahren genügend davon geben.
ps. halb Kolonialerstatus klingt ein wenig verniedlichend. Ich bin mir nicht ganz sicher ob ein Vollkolonialer Status nicht besser für die hießige Bevölkerung ist als ein Halbkolonialer, der mit Warlords und Anarchie verbunden ist.
ps.2 Meiner Meinung nach sind teile Südamerikas und Afrikas noch heute im halbkolonialen Status gefangen, was ein Grund für die extremen Hungersnöte, korrupte und unfähige Regierungen und folglich Bürgerkriege ist. Aber jetzt weichen wir vom Thema weit ab.



