Aremonus hat geschrieben:..Ich habe nicht gesagt, dass die chinesische Regierung die norwegischen Wissenschaftler dafür bezahlt hat, Liu den Preis zu verleihen. Aber sie hat eben versucht, das beste aus der Situation zu machen und irgendwie davon zu profitieren - und das gelang ihr auch. Wie hätte sie dann Deiner Meinung nach reagieren sollen?
Naja, sie hätte kurz Stellung nehmen können, dass sie es Scheisse findet - die Äusserungen Lius geben da genug Anlass. Das machen die chinesischen Medien (Renmin Ribao und die englischsprachigen regierungsnahen Zeitungen und Webauftritte) inzwischen gar nicht so verkehrt.
Ich fand da auch den Vorwurf der ARD, das sei eine Hetzkampagne und alles aus dem Zusammenhang gerissen, hilflos und ein Zeichen, dass die Chinesen da nicht alles falsch machen. Aber offizieller Druck, ein Übermass offizieller Statements etc., das fand ich over the top. Grufti schreibt ja z.B. auch, dass auch seine Frau es übertrieben fand.
Warum hast Du das Gefühl, dass die Regierungen im Westen Einfluss auf das Nobelpreiskomitee nahmen?
Das Komittee für den Friedenspreis ist ein politisch handverlesenes reichlich rechtsgestricktes und hundertfünfzigprozentig NATO-treues Gremium, das von norwegischen Parlament bestimmt wird. Wenn ich mir die Lage von Menschenrechten und der Behandlung von Oppositionellen anschaue, dann ist China im Vergleich zu etwa Honduras oder Kolumbien, oder auch Ägypten, Saudiarabien und Kuwait in dieser Hinsicht ein Damenkaffekränzchen. Der Liu bekommt regelmässig Besuch, seine Frau kann aus dem "Hausarrest" fröhlich twittern und telefonieren, die anderen Verfolgten sind eher von westlichen Nachrichtenagenturen verfolgt. In den Vergleichsländern sind dagegen 10.000 Verschwundene in 5 Jahren, die sich dann in irgendwelchen Massengräbern wiederfinden, Alltagspraxis, Journalisten, Gewerkschafter, politische Aktivisten und einfache "Verdächtige", die unter die Räder gekommen sind.
Der Hase läuft doch ganz anders: wir haben hier im Westen eine individualistisch-liberale Kultur, in der das Wohl des Einzelnen im Zentrum steht. China ist jedoch noch immer ein kollektivistischer Staat, ähnlich wie Europa noch vor knapp 100 Jahren - und entsprechend ähnlich ist auch die Situation und Argumentation der chinesischen Regierung.
Ach Quatsch. Ich habe schon von Chinesen gehört, dass sie die Deutschen, nicht nur mit ihrem Regel- und Ordnungssinn, sondern auch mit ihrem Mangel an Kritik an der Regierung, als reichlich autoritär und überangepasst empfunden haben, und ehrlich gesagt ist da was dran. Die Platitüde westlicher Individualismus vs. östlicher Kollektivismus ist schlicht Grütze.
Da müssen die Regierungen keinen Einfluss ausüben, damit China kritisiert wird - Individualisten fürchten sich vor dem Gedanken, dienen zu müssen.
Das nenne ich nun mal Realitätsverlust. Ich kenne reihenweise Expats, die stockkonservativ und dabei ultraindividualistisch sind und sich in China als Flüchtlinge vor Regelwut und Anpassungsdruck empfinden. Auch wenn ich das in China zum Teil als Modernisierungsdefizite und damit als Teil des Problems, nicht - oder nicht ausschliesslich - der Lösung sehe, ist da was dran. Dienen und buckeln muss man eher in unserem freiheitlichen Westen. Ok, dafür haben wir mehr Wohlstand und Sicherheit.
Meiner Meinung nach stammt Liu Xiaobos Argumentation, dass China kolonialisiert sein müsste, daher, dass er an eine kulturelle Anpassung glaubt und Hongkong als Beispiel nimmt. Er hat sich aber zugegebenermassen ziemlich dämlich ausgedrückt - er sollte doch die Situation der chinesischen Mehrheit kennen und wissen, wie das verstanden wird.
Das verharmlost Du. Er hat Chirac und Schröder rüde beschimpft, weil sie nicht beim Überfall auf Irak mitgemacht haben. Er hat nie ein böses Wort gegen Pinochet oder Uribe gesagt, geifert aber hasserfüllt über Cuba. Er hat auch den Überfall auf Jugoslawien gutgeheissen, und die Intervention in Afghanistan sowieso. Das mit der Kolonisierung hätte man als Jugendsünde abtun können, aber er hat das letztlich eher bekräftigt als widerrufen.
Sicher ist er kein Monster. Er glaubt fest daran, dass die gewalttätigen Umstürze und Kreuzzüge, die er gutheisst oder erhofft, zu etwas Besserem führen. Allerdings sind für Ihn auf diesem Weg ein paarhunderttausend oder selbst ein paar Millionen Tote und millionenfaches menschliches Leid kein Problem. Darin ist er nicht anders als Stalin, Mao oder Pol Pot. Ich halte eine solche Position aber nicht mehr für zeitgemäss, wenn sie das je war.
Ohne jetzt Sinologen diskreditieren zu wollen... aber wären sie die richtigen Experten für die Thematik? Hier wäre doch eher ein Feld für Politikwissenschaftler, Historiker und Soziologen?
Naja, sie können Chinesisch, was für ein glaubensfestes Urteil über China eher ein Hinderungsgrund ist. Ansonsten, gewiss ist ein Sprachwissenschaftler nicht automatisch ein Experte in Recht, Wirtschaft oder Kultur des Sprachraums, dessen Sprache er beherrscht. Bloss würde jeder einen Lateinamerikakorrespondenten, der kein Spanisch kann, so wenig ernstnehmen wie einen UK-, USA- oder Canadakorrespondenten, der kein Englisch kann.
Man muss eigentlich nicht mal Sinologe sein, um die chinesischen Medien, die ungeheuer vielfältig (und meist extrem trashig) sind, zu verfolgen und kommentierend zu begleiten. Aber wer ausser Sinologen tut das? Da will doch jeder von den vom allmächtigen Politbüro zentral gelenkten Ameisen hören. Das Problem ist nicht, dass Sinologen ein Monopol in der Beurteilung Chinas beanspruchen, sondern dass das generelle Chinaurteil im Westen so vernichtend inkompetent ist.
Als Fach ist die Sinologie eine Sprach- und Kulturwissenschaft, insofern ohnehin eine Human- und Sozialwissenschaft. Strukturalismus ist eine bestimmte kulturwissenschaftliche oder kulturphilosophische Strömung, die von dem französischen Philosophen Claude Levi-Strauss ausging. Ich wüsste offhand keinen einzigen strukturalistischen Sinologen. Mag aber welche geben.
Gruss, a^2