Aremonus hat geschrieben:..
Sowohl bei den Klimakonferenzen als auch bei den G20 und den Weltwährungsgesprächen zeigte sich, dass die NATO-/OECD-Fraktion zunehmend in die Isolation gerät, während Versuche, Indien, Brasilien oder die ärmeren Entwicklungsländer gegen China auszuspielen, auf wenig Resonanz stossen.
Also in Klimafragen ist es ja vor allem so, dass es ein Kampf zwischen den USA und dem Rest der Welt (inklusive China ist). ..
Naja, nicht wirklich. Die USA sind von allen Industrieländern an Nachhaltigkeit am Radikalsten im Hintertreffen, und nicht besonders bereit, das zu ändern. China hat traditionell eine ungünstige Struktur vor allem der Energieproduktion (ca. 70% Kohle), ist aber das Land, das weltweit in Sachen Umbau der Energiewirtschaft am meisten tut. Das Hacken auf China wird praktisch in allen (naja, ausser dem Menschenrechtsparadies Saudiarabien) Entwicklungsländern als ein Knüppel zwischen die Beine werfen aufgefasst.
Ansonsten ist China eher in einer schwierigen Situation. Als Exportnation ist das Land darauf angewiesen, dass andere seine Produkte kaufen und daher extrem anfällig auf Zölle.
China ist nicht nur Exportnation, und die Bedeutung des Exports für die Gesamtwirtschaft ist bereits seit 2007 rückläufig - durch die Finanzkrise erheblich beschleunigt. Exportabhängiger ist z.B. Deutschland mit einem Exportanteil von 43% des Sozialprodukts, der derzeit sogar noch steigt. China hat mit den Entwicklungs- und Schwellenländern eine eher ausgeglichene Handelsbilanz, das Hauptproblem ist das Ungleichgewicht mit den USA, in geringerem Masse mit der EU. Dabei ist allerdings auch zu berücksichtigen, dass China seit der Asienkrise zunehmend Endproduzent für verschiedene asiatische Länder, besonders Japan, Taiwan und Südkorea, geworden ist, deren Exportüberschuss in die (anderen) OECD-Länder seither rückläufig ist. China ist da in einer robusten Situation: aussenwirtschaftliche Erpressungen der USA dürften da zu einer Umlenkung der Handelsströme (Endproduzent HK, TW, ASEAN) führen, ohne den USA zu helfen. Die EU hat da eh kein einheitliches Interesse und keinen Hebel.
In der Wechselkursfrage ist China auch in einer schwierigen Lage, denn was immer es tut, es nützt den USA. Wertet es auf, verliert das Land an Wachstum und das politische Regime wackelt.
Das ist so falsch. Die Vorstellung, dass "das politische Regime wackelt", ist meines Erachtens Wunschdenken. Selbst in einer schweren Krise, die nicht in Sicht ist, dürften die Chinesen eher hinter ihrer Regierung stehen. Liusi ist Geschichte und ebenso die naive Begeisterung der Chinesen für alles aus dem Westen, auch wenn man noch so viele Unentwegte mit Geld, Preisen und westlicher Presseaufmerksamkeit überschüttet. Egal ob Politik oder Währung, wenn die chinesische Regierung sagt "behutsame Schritte statt radikaler Schnitte", hat sie mit Sicherheit die gewaltige Mehrheit der Chinesen hinter sich - und zusätzlich eine grosse Zahl informierter Menschen in der ganzen Welt. Foxnews und WSJ sind nicht der Nabel der Welt.
Wertet es nicht auf, bezahlt es weiterhin den USA die Verschuldung und zementiert den Machtanspruch der USA. Das einzige, was China tun kann, ist, vermehrt in Europa zu investieren - aber die EU ist China auch nicht viel besser gesonnen als die USA und viel stabiler als der Dollar ist der Euro auch nicht...
Im letzten Jahrfünft sind die Investitionen Chinas ausserhalb der OECD weit überproportional gestiegen. Da diese Wirtschaftsräume auch schneller wachsen, ist nicht zu erwarten, dass sich das ändert. Und China schliesst ein Währungsswapabkommen nach dem anderen mit vielen Ländern, zuletzt mit der Türkei.
Zudem ist die chinesische Regierung gezwungen, den Yuan nicht aufzuwerten, da sie sonst ihr Gesicht verlieren würde.
Das ist schlicht falsch. Die chinesische Regierung hat seit 2000 den Yuan um gut ein Viertel gegenüber den wichtigsten Währungen aufwerten lassen, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Es geht dabei auch nicht um mianzi, sondern um die Handlungsfähigkeit der Zhongguo Yinhang. Wenn die Chinesen über die Stöckchen der USA hüpfen würden, wären sie so im Würgegriff der Spekulation und der westlichen "Finanzindustrie", wie der Rest der sich entwickelnden Welt es bislang war.
Die USA spielen das Game eben schon extrem gut, auch verglichen mit Europa...
Sie machen überwiegend Innenpolitik, mit zunehmend rassistisch-nationalistischen Tönen.
.. ich meinte die Kultur im Sinne von struktureller Macht. Hier existiert inzwischen eine Weltkultur - fast alle Länder pflegen Beziehungen mit einander und es gibt gewisse politische Grundvorstellungen. Konkret bedeutet dies, dass die Chinesen ihre Interessen rechtfertigen müssen, während die Interessen des Westens als normal gesehen werden: das Ausland verlangt von China, dass es die Menschenrechte besser wahrt - China gerät in die defensive, da es selbst weiss, das es dies tun sollte.
Naja. So wie "der Westen" weiss, dass er nicht drei Viertel der Weltressourcen verprassen sollte, nicht wahllos andere Länder überfallen sollte, nicht Mordautomaten in andere Länder schicken sollte, nicht entführen und foltern sollte, nicht enge Verbündete haben sollte, bei denen in wenigen Jahren zehntausend Regierungsgegner verschwinden und als Leichen wieder auftauchen ..
Im Grunde weiss jeder auf der Welt, dass das Menschenrechtsgetöse des Westens Propaganda und Machtspiel, dazu Doppelstandard und Heuchelei ist.
Umgekehrt verlangt China vom Westen, dass er mehr Entwicklungshilfe leisten sollte. Der Anspruch verhallt aber ungehört, da es legitim ist zu sagen, dass man nur ein bisschen Entwicklungshilfe leistet (was ja nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist).
In wessen Augen ist das "legitim"? Das Problem für den Westen ist eher, dass China Probleme anspricht, die mehr Menschen auf dem Erdball auf den Nägeln brennen.
(China hatte meinem ehemaligen Geschichtsprofessor in China zufolge nur Ende des 16. Jahrhunderts das welthöchste BIP, danach war es Indien, dann Europa - die Zahlen sind aber alle höchst Umstritten, da es hart ist zu sagen, wie viel Korn ein Kilo Reis wert ist - die Güter wurden nicht gehandelt).
Sicher handelt es sich um Schätzungen. Was ist "Indien", das Mogulreich von Agra, das Gebiet der heutigen Indischen Union, oder das britische "Vizekönigreich Indien" mit dem heutigen Indien, Pakistan und Bangladesh sowie Nepal? Es wäre mir auch neu, dass der indische Subkontinent im Jahrhundert vor dem Überfall und der Plünderung durch Grossbritannien nach 1780 China im Wachstum überholt haben soll. Gleichwohl: "Indien" war im 17. und 18. Jahrhundert kein Land, "Europa" auch nicht, China schon. Mein Punkt war aber kein Schwanzvergleich, sondern die Feststellung, dass eine jahrhundertelange Vormachtstellung Chinas nicht die katastrophalen und destruktiven Folgen hatte, die der Aufstieg der "europäischen Weltwirtschaft" (Wallerstein) für praktisch alle diesem Aufstieg ausgelieferten Gebiete hatte. Insofern ist die Aussicht einer Renaissance der chinesischen Bedeutung auch nicht sehr furchterregend.
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