Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von Pherp » 30.05.2010, 08:13

Ganz ehrlich? Bin ich der einzige abgesehen von Hk_Yan dem auffälllt das die Foxconn Mitarbeiter ein extem gutes Gehalt haben?
Ich möchte meinen das die Leute für die Qualifikationen die Sie mitbringen absolut überbezahlt werden.

Ich war für 2 Firmen in Shenzhen tätig, Management im Export Geschäft. Dort haben unsere Angestellten mit akademischen Abschluss ( Bachelor für BWL, Germanistik, Business Englisch, Finanzwesen, Touristmanagement uvm ) gerade mal 200€ Grundgehalt + Gewinnzulage bekommen ( welche Sie sich mit langer Mitarbeit erarbeiten können , leider ist Job hopping gerade in China absolut Trend ).

Wenn dann eine Foxconn Mitarbeiterin im in der Produktion am Fließband 200-230€ Grundgehalt + Spesen bekommt... dann kann ich nichts anderes sagen als "wow ein wirklich guter Job"! Wo soll denn hier das Problem sein?
Mehr geht halt nicht, da fragt man sich doch echt warum die Leute in China solange studieren wenn ein Fabrikarbeiter ohne Bildung fast mehr bekommt als ein Bachelor der gerade sein Studium beendet hat.

Ich habe darüber auch im Golem.de Forum mit verschiedenen Leuten diskutiert, aber die Deutschen sind einfach unbelehrbar!
Das Bild, das quasi in China alle Arbeiter mit eisernen Fußfesseln durch Steinminen gepeitscht werden, hat sich absolut festgefahren. Bemerkenswert wäre es wenn sich die Leute
mal mit den Hintergründen beschäftigen würden, anstatt über Sachverhalte zu diskutieren die weit gefehlt von der Realität sind.

Aber das wäre wohl zuviel verlangt, die Leute LEBEN lieber den Medien Hype.
Die Erkenntnis warum sich nichts ändert, werden die wohl Nie bekommen, denn wo keine Veränderung benötigt wird ist eben keine Änderung Nötig.

Das beste Beispiel dafür ist der User Ting Budong, der auf einer Schiene abseits jeglicher Realität fährt.
Ting Budong hat geschrieben: Warum erhoeht Foxconn den Lohn um 20%? Das ist ne Menge Geld bei 400.000 Mitarbeitern. Und es ist doch alles rosig!
Du hast so überhaupt GARKEINE Ahnung von Unternehmensführung oder?
Die Lohnerhöhung ist kein Schuldeingeständnis, sondern die Firmenleitung versucht so das angerissene Image wieder herzustellen, welches durch die Medien verursacht wurde!

Den bleibt garkeine Wahl, denn für die Gesellschaft ist Foxconn ja der Übeltäter, um hohe Verkaufseinbußen zu vermeiden.
Ting Budong hat geschrieben: Und manche begehen auch noch Suizid. Nur um Foxconn in ein schlechtes Licht zu ruecken.
Nicht um Foxconn in ein schlechtes Licht zurücken. Die Suizid Fälle sind alle auf soziale Probleme zurückzuführen. Das findest du nicht nur bei Foxconn sondern überall.
In Shanghai bringen sich zb. jede Woche Stundenten um( wie in allen Städten Chinas), ob das an den Arbeitsbedingungen liegt? Eher nicht.

Du hast überhaupt keine was in China gang und gebe ist, warst du da überhaupt mal abseits des Tourismus für längere Zeit in China?
Ist ja unfassbar was du dir hier zusammenschreibst, das ist so typisch Deutsches Gerede. Die Realität kennst du wohl nur aus hören/sagen und Zeitungsberichten.

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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von HK_Yan » 30.05.2010, 08:35

Pherp hat geschrieben:Ganz ehrlich? Bin ich der einzige abgesehen von Hk_Yan dem auffälllt das die Foxconn Mitarbeiter ein extem gutes Gehalt haben?
Ich möchte meinen das die Leute für die Qualifikationen die Sie mitbringen absolut überbezahlt werden.
Danke für den Zuspruch. Wenn man etwas Erfahrung hat in der Industrie in China kann man das leicht nachvollziehen.

Ich möchte das etwas mäßigen, ich denke mal das Gehalt dort ist Durchschnitt. Vielleicht auch guter Durchschnitt, man will ja die Leute halten. Ich würde aber nicht soweit gehen und es extrem gut nennen. Ich schätze das Gehalt mit Überstunden ist RMB 1600-2000 für Arbeiter die unter 1 Jahr dort sind. Unterkunft und Essen ist normalerweise frei.

Ich rate mal das 90% der Arbeiter dort Frauen sind, das ist in der Elektronik normal. Die Arbeiten dort in der Regel bis sie um die 25 sind. Dann wurde genug gespart, das Arbeitsleben wird dann beendet und es wird in der Provinz wo sie herkommen geheiratet.
Das Bild, das quasi in China alle Arbeiter mit eisernen Fußfesseln durch Steinminen gepeitscht werden, hat sich absolut festgefahren.
Das passt eben gut in's Chinabild.
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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von Laogai » 30.05.2010, 22:55

aquadraht hat geschrieben:Ich kann Dir aus dem Handgelenk 5-10 Modelle konstruieren, bei denen sich zehnmal so viele oder ein Zehntel der Mitarbeiter der Firma das Licht ausknipsen, ohne dass das der nationalen Suizidrate widerspricht.
Das Angebot nehme ich gerne an! Acht Modelle würden mir schon reichen.
aquadraht hat geschrieben:Mein Argument war, dass die stumpfe Gleichsetzung von "n Personen von 100k/a begehen Selbstmord" und "n Mitarbeiter von Unternehmen f begehen im Jahr Selbstmord" Bogus ist.
Als Antwort auf:
HK_Yan hat geschrieben:Die Selbstmordrate ist dort unter dem chinesischen Durchschnitt
Die Selbstmorde haben mit Foxxcon nichts zu tun
Es fehlen Selbstmordraten aus anderen Firmen
Berichte über Selbstmord motivieren selbstmordgefährdete Menschen
Foxxcon ist supermodern und hat gute Arbeitsbedingungen
Da Südchina Arbeitermangel hat ist niemand dort gebunden
Chinas Selbstmordrate ist um die 15 per 100.000 . Foxxcon hat 400.000 Leute, damit wären 60 im Jahr 'normal'.
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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von da hai » 31.05.2010, 13:25

Pherp hat geschrieben: Wenn dann eine Foxconn Mitarbeiterin im in der Produktion am Fließband 200-230€ Grundgehalt + Spesen bekommt... dann kann ich nichts anderes sagen als "wow ein wirklich guter Job"! Wo soll denn hier das Problem sein?
Ich glaube das Gehalt spielt auch eine eher untergeordnete Rolle. Hast du denn mal am Fließband gearbeitet um beurteilen zu können was ein guter Job ist? Also meine Frau hat in Deutschland als Student am Fließband gearbeitet um sich ihr Studium zu finanzieren. Für sie war das der letzte Scheißjob den sie je gemacht hat - inkl. McD. Das Problem war nicht die Schwere der Arbeit, wie bspw. HK_Yan es erwähnte - denn körperlich anstrengend ist diese Arbeit nicht. Es ist schlicht und ergreifend dumpfe, stupide Arbeit. Wenn dann aber noch hinzukommt, dass man evtll. sieben Tage die Woche a 12 Stunden täglich arbeiten muss, getrennt ist von der Familie, ohne je einen Hoffnungsschimmer auf Besserung zu haben, relativiert sich der wirklich gute Job recht schnell.

Wichtig wäre es m.M.n. die Arbeitsbedingungen an sich zu verbessern - Überstundenabbau, es den Mitarbeitern ermöglichen mehrere Male im Jahr nach Hause zu fahren (sowohl zeitlich als auch finanziell), Schaffung von Freizeitmöglichkeiten - Ausflügen aber auch Weiterbildungsangebote um den Mitarbeitern eine Perspektive für die Zukunft zu schaffen (weiß nicht in welchem Rahmen es sowas schon im Unternehmen gibt).

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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von HK_Yan » 31.05.2010, 13:56

da hai hat geschrieben:Wenn dann aber noch hinzukommt, dass man evtll. sieben Tage die Woche a 12 Stunden täglich arbeiten muss
Die Arbeitszeit ist 40 Stunden die Woche, plus maximal 36 Überstunden im Monat. Der gesetzliche Rahmen ist seit 2008 sehr genau vorgegeben.
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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von Complex » 31.05.2010, 14:03

Ich denke, in dieser Diskussion wird vor allem auch die Deutsche Mentalität offensichtlich :lol:

Ich meine damit, dass sich die Auffassung, für was ein Arbeitgeber eigentlich da ist, doch ziemlich unterscheidet. (Eigentlich ist "Arbeitgeber" ein ziemlich unpassendes Wort, denn meine Arbeit bringe laut Dienstvertrag doch ich als "Arbeitnehmer" ein, gebe sie also, aber das nur nebenbei).

Der Arbeitgeber nimmt die Arbeitsleistung in Anspruch und entlohnt dafür entsprechend. Das steht mal so in jedem (noch so einfachen) Arbeitsvertrag. Der Arbeitgeber gibt also Lohn für Arbeit. Wieso sollte der Arbeitgeber nun auch verpflichtet sein, Freizeitmöglichkeiten, Ausflüge etc. bereit zu stellen? Freie Tage bzw. Urlaub ja - Urlaubsgestaltung? Eher nicht. Oder ist das Obrigkeitsdenken denn schon so weit ausgeprägt, dass Ihr Euch nicht vorstellen könnt, ohne dass der Chef (oder der Staat?) Ausflüge organisiert, Eure Freizeit sinnvoll zu gestalten?

Der Arbeitgeber muss also dafür sorgen, dass die Mitarbeiter genug verdienen, um damit über die Runden zu kommen. Das ist bei Foxconn offenbar nicht das Problem.
Der Arbeitgeber muss dafür sorgen, dass die Mitarbeiter zeitweise frei haben, um sich zu erholen bzw. ihre Verwandten, etc. zu besuchen. Wie das bei Foxconn ist, weiß ich nicht.
Der Arbeitgeber muss dafür sorgen, dass die Mitarbeiter im Zuge ihrer Arbeit möglichst wenig gesundheitsschädlichen Einflüssen ausgesetzt sind. Dürfte im Elektronikbereich nicht so ein Thema sein wie im angesprochenen Kohleabbau.

Der Arbeitgeber muss nicht (und kann nicht) dafür sorgen, dass im Privatleben seiner Mitarbeiter alles eitel Wonne ist.
Der Arbeitgeber muss nicht (und kann nicht) dafür sorgen, dass seine Mitarbeiter eine "Zukunftsperspektive" haben. Das muss doch wohl jeder für sich selbst wissen und entscheiden.
Ich kann Dir aus dem Handgelenk 5-10 Modelle konstruieren, bei denen sich zehnmal so viele oder ein Zehntel der Mitarbeiter der Firma das Licht ausknipsen, ohne dass das der nationalen Suizidrate widerspricht.
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Ich auch. Aber mir reicht schon jeweils eines, sollte reichen, um das Prinzip zu verstehen.

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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von beowulf » 31.05.2010, 14:39

@was man tun kann.

Die Lohnerhöhung von Foxconn zielt alleine auf den Imageaufbau ab. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es wirklich etwas an der Problematik ändern kann. Wie ich schon anklingen habe lassen, sehe ich eher den Werther Effekt als den "Hauptschuldigen" bei der Selbstmordserie (ich denke auch, dass die Suizidrate statistisch höher liegt als im Vorjahr bei Foxconn. Es also nicht ein vollständig unbegründeter Hype ist. Ich teile hier die Meinung von Aquadraht, dass es kein rein statistisches Spielchen ist und es wirklich zu einer Häufung gekommen ist. Alleine die Ähnlichkeit der Art des Selbstmordes spricht für einen Zusammenhang)

Ebenso bei den Kindergartenmorden (von der Zahl der Amokläufe vielleicht statistisch gesehen, im Mittelmass. Aber die Methode und Wahl des Ortes und der Opfer deutet auf eine Verbindung hin - nämlich dem Werther Effekt). Als Lösung wäre hier eine Einschränkung der Berichterstattung. "Angeblich" soll das bei dem Thema Foxconn schon passiert sein. "Angeblich" hat die KP schon Anweisung erteilt über weitere Kindergartenmorde und Selbstmorde nicht mehr zu berichten. Ich habe zwar dazu noch nix handfestes dazu gelesen, aber schon diverse "unglaublich empörte" Aufschreie vernommen. :roll:

Was die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse betrifft, habe ich schon eine wirkliche gute Nachricht gelesen. Foxconn plant(e?) die Produktion weiter in die hinteren Provinzen (ich glaub Qinghai) zu verlegen, damit die Arbeiter vor Ort rekrutiert werden können und diese nicht aus ihren sozialen Netz gerissen werden. Wenn also die Produktion, zumindest teilweise, wirklich in die hinteren Gebiete verlegt wird, klatsche ich hier mit Freuden in die Hände.
1. verbessert es wirklich die Situation der Mitarbeiter
2. wird der Standard (Lohn, Arbeitszeiten, Arbeitsumfeld) anderer Firmen durch die "modernere" Konkurrenz angehoben
3. trägt dies natürlich zur Entwicklung der Regionen bei.

Wenn die Lohnerhöhung aber jetzt bedeutet, dass dieser andere Plan eingestellt wird (da dies ja noch mehr Kosten verursachen würde), hält sich meine Euphorie aber stark in Grenzen. Im Worst Case Fall, kann dies übrigens auch bedeuten, dass Foxconn schritt für schritt Angestellte entläst und dafür selber Teile der Produktion an Zulieferer auslagert, welche noch weniger Gehalt zahlen.

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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von HK_Yan » 31.05.2010, 16:06

beowulf hat geschrieben:Als Lösung wäre hier eine Einschränkung der Berichterstattung. "Angeblich" soll das bei dem Thema Foxconn schon passiert sein. "Angeblich" hat die KP schon Anweisung erteilt über weitere Kindergartenmorde und Selbstmorde nicht mehr zu berichten. Ich habe zwar dazu noch nix handfestes dazu gelesen....
Ich hab in der letzten Woche von keinem neuen Kindergartenfall gelesen, also wirkt die Pressesperre schon.
beowulf hat geschrieben:Was die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse betrifft, habe ich schon eine wirkliche gute Nachricht gelesen. Foxconn plant(e?) die Produktion weiter in die hinteren Provinzen (ich glaub Qinghai) zu verlegen, damit die Arbeiter vor Ort rekrutiert werden können und diese nicht aus ihren sozialen Netz gerissen werden.
Das ist etwas Augenwischerei. Die Arbeiter kommen immer noch von weit her, dann eben nicht mehr nach Shenzhen sondern nach woauchimmer. Im dünn besiedelten Qinghai wird kaum genug Leute finden. Der wahre Grund wird wohl eher sein das...:

1. Die Kosten in/um Shenzhen enorm steigen
2. Es sehr schwer ist in/um Shenzhen genug Arbeiter zu finden
3. Mehr Firmen in's Hinterland gehen, ergo weniger Arbeiter nach SZ kommen
4. Die Kosten in der Provinz günstiger sind

Arbeit in die Provinzen zu bringen ist natürlich eine sehr positive Entwicklung.
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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von da hai » 31.05.2010, 16:22

@HK_Yan Theoretisch ist es auch so. Praktisch eben aber nicht. Übrigens auch in Deutschland nicht - habe oft genug bis 23 Uhr oder später gearbeitet und musste am nächsten Morgen wieder um 8 auf Arbeit sein. Und was hier in Deutschland schon kaum ein Schwein interessiert, wird in China nicht viel anders sein.

@complex Es ist sehr wohl üblich in guten chinesischen Unternehmen oder beim Staat, dass die Mitarbeiter zusammen ab und zu im Jahr wegfahren oder das ihnen Möglichkeiten wie bspw. verbilligter/kostenloser Eintritt in Schwimmbäder o.ä. gegeben werden. Das schafft eben auch Verbindung zum Unternehmen - mir ist nicht so ganz klar was das mit Obrigkeitsdenken zu tun hat. Und einfach mal so zu ihrer Familie zu fahren, dürfte wohl kaum drin sein, wenn diese ein bis zwei Tagesreisen entfernt wohnt.

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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von beowulf » 31.05.2010, 16:24

Das ist etwas Augenwischerei. Die Arbeiter kommen immer noch von weit her, dann eben nicht mehr nach Shenzhen sondern nach woauchimmer. Im dünn besiedelten Qinghai wird kaum genug Leute finden. Der wahre Grund wird wohl eher sein das...:
Ich bin mir nicht ganz sicher ob es Qinghai war, vielleicht war es auch Sichuan. Die von dir angeführten Punkte stimmen alle und eine Schrittweise Verlagerung der Produktion lässt sich in den letzten Jahren immer deutlicher wahrnehmen. Wenn aber diese Selbstmordserie und die damit verbundene Kritik zumindest dazu führt, dass dieser Schritt früher und größer durchgeführt wird, hat es etwas gutes. Zumindest wäre dies meiner Meinung nach besser und nachhaltiger (aber halt weniger medienwirksam), als die vorgeschlagene Lohnerhöhung. Wobei ich natürlich nicht sagen will, dass ich gegen eine Lohnerhöhung bin. Ich bin halt nur etwas skeptisch, ob die entstandenen Kosten dann nicht auf eine andere Art und Weise ausgeglichen werden.

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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von Complex » 31.05.2010, 16:56

@da hai: Ob es solche Programme bei Foxconn gibt, weiß ich nicht. Gebe aber zu bedenken, dass so manches mittlere Reisebüro sich nach 420.000 Kunden im Jahr alle zehn Finger abschlecken würde. Mal rechnen - wenn da jeden einzelnen Tag im Jahr so ein Betriebsausflug ins Grüne statt findet (weil alle gleichzeitig ist doch schlichtweg unmöglich), sind das immer noch 1150 Leute pro Tag. Also 23 Busse voll ... Bezweifle ich also.

Aber selbst wenn es so wäre - einmal im Jahr ein Ausflug mit der Abteilung wird wohl niemanden vom Selbstmord abhalten. Genausowenig wie noch so viele ermässigte Eintrittskarten. Mit so etwas kann man durchaus die Verbindung zum Unternehmen stärken, wie sehr das aber die Zufriedenheit des Einzelnen fördert sei dahingestellt. Zumal man ja leicht argumentieren kann, dass es vielen Arbeitern sicher lieber wäre, den Betrag der (hypothetischen) Schwimmbad-Ermäßigung stattdessen auf dem Lohnzettel zu finden. Ist ja schon so, dass sehr viele Wanderarbeiter nur das Allernötigste am Ort ihrer Arbeit ausgeben und Monat für Monat so viel wie nur irgendwie möglich heimschicken.

Mit "Obrigkeitsdenken" meinte ich die Vorstellung mancher Leute, dass es so etwas wie verordnetes oder organisiertes Lebensglück geben kann. Wenn der Arbeitgeber oder der Staat nur genug für seine Leute tut, werden diese glücklich und zufrieden sein. Wenn die Leute nicht glücklich sind und mit ihren privaten Problemen nicht fertig werden, ist der Arbeitgeber oder Staat schuld, weil er zu wenig getan hat. Ziele für mein Leben hat mir der Arbeitgeber oder der Staat zu definieren und ihre Erreichung zu ermöglichen :roll:
Und einfach mal so zu ihrer Familie zu fahren, dürfte wohl kaum drin sein, wenn diese ein bis zwei Tagesreisen entfernt wohnt.
Nicht ohne mal eine Woche Urlaub zu haben, so ist es. Deswegen finde ich ja auch, dass das schon mal drin sein muss. Aber selbst mit Urlaubsanspruch auf deutschem Niveau wäre das eng, allzu oft heimfahren wird sich da nicht ausgehen. Ich bin ja auch der Meinung, dass diese Entwurzelung mit ein Grund sein kann, wieso sich jemand das Leben nimmt. Ich könnte mir vorstellen (ist jetzt aber eine Vermutung!), dass die Suizidrate unter Wanderarbeitern höher ist als unter denjenigen, die nahe ihrer Heimat vergleichbare Tätigkeiten ausüben.

Aber was sagt das über die Foxconn-Fälle aus? Eigentlich nichts, weil die Situation bei jedem anderen Arbeitgeber in Shenzhen diesbezüglich gleich sein dürfte.

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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von beowulf » 31.05.2010, 17:05

Aber was sagt das über die Foxconn-Fälle aus? Eigentlich nichts, weil die Situation bei jedem anderen Arbeitgeber in Shenzhen diesbezüglich gleich sein dürfte.
Richtig - deswegen sage ich ja die ganze Zeit: "Werther Effekt, Werther Effekt, Werther Effekt" :lol:

Jetzt hat man schon ein sehr gut pyschologisch fundiertes Massenphänomen, welches sogar einen Deutschen Namen trägt und es wird in den Medien dann doch einfach so ignoriert. Und gerade die Medien sollten dieses kennen, da es verschiedene Richtlinien und sogar Verbote in den unterschiedlichen Ländern inklusive Deutschland dazu gibt.

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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von HK_Yan » 31.05.2010, 17:26

da hai hat geschrieben:@HK_Yan Theoretisch ist es auch so. Praktisch eben aber nicht.
Ich denke du meinst damit die 40 Stunden pro Woche und die 36 Stunden OT im Monat. Die Firmen die ich kenne halten das sehr genau ein. Sonst werden die Firmen von die Arbeiter erpressbar weil die Strafen doch recht hoch sind und immer irgendwo unzufriedene Arbeiter gibt die 'singen'.

In welchen Industrien und wo in China hast du diese Erfahrung gemacht? Es geht auch nur um nach 2008, davor war es nicht so stramm geregelt.
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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von xihouwang » 10.06.2010, 14:18

hmm...

Ich denke, gerade in China kann Liebeskummer eine ziemlich direkte Folge von Gehalt und Arbeitsbedingungen sein. Auch wenn 2000 Kwai / Monat vergleichsweise viel sind für Arbeiter ohne Studium; für eine vernünftige Wohnung, etwas Privatsphäre, oder, je nach Lage von Firma/Wohnheim, auch nur gelegentliche Trips ins Stadtzentrum reicht es oft nicht. Ganz zu schweigen vom Kauf eines schwiegermütterlich geforderten eigenen Apartments oder Wagens. Und nebendran dann die Geschäftsmänner und Expats, die ein Vielfaches dieser Summe an einem Abend versaufen...

Die Reduktion auf "die hatten alle Probleme, die mit der Arbeit nix zu tun hatten.." halte ich da doch für äußerst fragwürdig. Da Foxcom aber eher noch bessere Arbeitsbedingungen hat als vergleichbare Unternehmen, sollte vielleicht lieber über den chinesischen Turbokapitalismus nachgedacht werden.

Andererseits.. Es geht hier nicht um den Hersteller von Billigprodukten. Foxcom stellt iphones her, Lifestyleprodukte für Leute mit Geld. Für Apple, das sind die Guten.
Wenn das iphone für'n Hunderter zu haben wär, hätte ich mit den Arbeitsbedingungen moralisch gesehen auch nicht mehr so das Problem.

PS: wer Sarkasmus findet, darf ihn rot anmalen und einrahmen

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Re: Chinesische Arbeitnehmer und Selbstmord-Verzicht?

Beitrag von beowulf » 10.06.2010, 18:35

xihouwang hat geschrieben: Die Reduktion auf "die hatten alle Probleme, die mit der Arbeit nix zu tun hatten.." halte ich da doch für äußerst fragwürdig.
Das macht ja auch keiner. Im Gegenteil in den Medien ist eher das hysterische Narrativum zu lesen, dass die unterdrückten Sklavenarbeiter in China nur mehr einen Ausweg im Freitod sehen (der ihnen jetzt auch noch verboten wurde).

Ich halte dies für zumindest genauso fragwürdig und ich vermute die Motivation ist in den westlichen Medien einerseits China Bashing zu betreiben (verkauft sich gut) und Schadenfreude (Apple).
Andererseits.. Es geht hier nicht um den Hersteller von Billigprodukten. Foxcom stellt iphones her, Lifestyleprodukte für Leute mit Geld. Für Apple, das sind die Guten.
Wenn das iphone für'n Hunderter zu haben wär, hätte ich mit den Arbeitsbedingungen moralisch gesehen auch nicht mehr so das Problem.
Abgesehen davon, dass es den meisten Arbeiter relativ egal ist ob das Produkt in Europa 500 Euro oder 100 Euro kostet, sprichst du natürlich einen grundlegenden Punkt an. Der Profit aus der Produktion zu niederst Löhnen und Ausbeutung fliesst selbstverständlich in (westliche) Konzernzentralen. Aber hier wären wir bei einer generellen Kapitalismuskritik angelangt. Die ich zwar teile, aber bis jetzt als einzigen realistischen Ausweg denjenigen sehe, den China/Korea/Japan gegangen sind bzw. noch gehen. Und das ist halt leider bei diesem Spiel mitmachen, aber dabei achten, dass man es mindestens genauso gut spielt wie der gegenüber. :lol:

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