Im Fall von Mao Zedong und He Zizhen handelte es sich natürlich um etwas anderes. Es war mitten während des langen Marsches und kleine Babies wären da nur ein Hindernis gewesen. Trotzdem beschäftigte mich diese Geschichte sehr, bis ich mich wieder daran erinnerte, dass es bei vielen meiner chinesischen Freunde (hauptsächlich diejenigen, die im Ausland lebten) durchaus üblich war, ihr Kind kurz nach der Geburt der Großmutter in China zu geben und es erstmal bei ihr zu lassen.
Während bei uns im Westen die „frühe Bindung“ großgeschrieben wird, sehen Chinesen das offenbar anders. Eine Freundin erklärte es damit, dasss die Kinder doch noch so klein seien und eh noch nichts davon mitkriegten und für die jungen Paare sei diese Regelung optimal, da sie sich nicht ums Kind kümmern müssten und sich ganz der Arbeit oder dem Studium widmen könnten.
Diese Kinder kommen im Alter von zwei oder drei Jahren also zu Eltern, die sie höchstens von kurzen Besuchen kennen und die Eltern nehmen ein Kind zu sich, das sie ebenfalls nur von kurzen Besuchen kennen. Im Westen schrillen in solchen Fällen die Alarmglocken der Entwicklungspsychologen. Dazu kommt, dass von den heute über 40-jährigen Chinesen viele in ihrer Kindheit zwischen Eltern, Großeltern und Kinderheimen hin und hergeschubst wurden, je nachdem, wer grade Zeit hatte, sich um sie zu kümmen. Nach unserem westlichen Verständnis müssten diese Kinder alle geschädigt sein. Sie sind es aber nicht, im Gegenteil. Sie wachsen zu gesunden und fähigen Mitgliedern der Gesellschaft auf und zeigen keinerlei psychische Störungen.
Sehen Chinesen die Eltern-Kind-Beziehung vielleicht grundsätzlich anders als wir? Ist ihnen emotionale Bindung weniger wichtig, dafür vielmehr Respekt und Gehorsam der Kinder ihren Eltern gegenüber? Ist es für Chinesen allgemein wichtiger, von ihren Kindern im Alter finanziell unterstützt zu werden, als eine gute Beziehung zu ihnen zu haben?
(Kann ich davon ausgehen, dass es für He Zizhen weit weniger grausam war, ihre Kinder wegzugeben, als ich es mir vorstelle – zumal es ja „nur“ Töchter waren? Dass sie mir auch sonst leid tut, ist eine andere Geschichte
Was meint Ihr zu dem Thema? Vielleicht wäre das Thema ja auch was fürs Buchprojekt, dazu müssten aber ein paar Antworten auf meine vielen Fragezeichen kommen
Babs

