RoyalTramp hat geschrieben:
KONTRA: Für dich mag es derzeit Chaos sein, aber meiner Meinung nach ist es keins. Das Chaos tritt erst dann ein, wenn keiner mehr kapiert oder weiß, wie die gesellschaftlichen Schnittstellen funktionieren. Und das passiert exakt, würde man von heute auf morgen hier die Korruption beseitigen. Dann wüsste wohl mindestens die Hälfte der Menschen nicht mehr, was los ist und würde "wie kopflose Hühner durch die Gegend" herumlaufen. "怎么办 , 怎么办?" DANN würde meiner Meinung nach das Land erst
wirklich im Chaos versinken, dass dir das hiesige aktuelle Chaos dagegen vorkommt, wie das reinste Himmelsreich.
Wenn wir von der Vorstellung ausgehen, dass wir die Korruption (oder besser: das dafür nötige menschliche Fehlverhalten) einfach mit einem Schnipp wegzaubern könnten, würde ich dir zustimmen.
Aber in der Praxis würden wir schon unsere 20-50 Jahre dafür benötigen, durch Umerziehung, Aufklärung, Vermittelung von Disziplinen. Wenn sich jetzt die jungen Chinesen nicht an einem fairen System mit klaren Regeln verlassen und an einer festen Organisation orientieren können, wird China auch in der kommenden Zeit keinen westlichen Standard erreichen.
Und die Erreichung eines westlichen Standards meint keine "Verwestlichung", es ist nur unbestritten so, dass der Westen die reichsten (nicht nur wirtschaftlich, sondern auch hinsichtlich des Wohlbefindens) Bewohner hat, da will China ja auch hin. Zumindest gehe ich davon aus.
RoyalTramp hat geschrieben:
Diszipliniert? Mit Chinesen nicht möglich. Sorry, ich mag sie wirklich, aber disziplinierte Chinesen sind mir noch nicht wirklich begegnet. Das mag je nach Bildungshintergrund unterschiedlich sein, aber man lebt hier in China mehr nach dem Motto: "Alle 12 mal gerade sein lassen" bzw. "Pi-Mal-Daum-Mal-Paddelboot". Da ist kein "Zuch" hinter dem, was Chinesen machen, meiner subjektiven Erfahrung nach. Wo oberflächlich Disziplin vorhanden ist, ist sie von oben schlicht erzwungen und z.T. mit unschönen Mitteln!
Ich persönlich bin davon überzeugt, dass Disziplin vermittelt werden kann, denn Diszipliniertheit liegt nicht in den Genen, sondern ist Resultat eine Erziehung nicht nur durch die Eltern, sondern durch die Gesellschaft.
Ohne Disziplin leider kein Weg aus der Korruption und ohne Weg aus der Korruption wird dies auch nicht die Selbstdisziplin in der Gesellschaft motivieren. Ich sagte es bereits: Korruption führt dazu, dass sich 1/5 der Bevölkerung quasi fast alles erlauben darf ("ich brauch das ja nicht unbedingt beachten, also scheiß drauf") und sich bei 4/5 der Bevölkerung ein Ohnmachtsgefühl einschleicht ("ich kann ja eh nichts erreichen, als scheiß drauf").
Und wenn China da nicht an der Gesellschaft arbeitet und Chinesen Disziplin nicht für erstrebenswert erachten, dann brauchen sich Chinesen nicht wundern, wenn sie seitens des Westens und auch Japans als minderwertig angesehen werden.
Aber man sieht schon, dass zumindest die chinesische Regierung sich da bemüht, sonst wären (nur als Beispiel) die Schlafanzüge auf der Straße ja kein Thema.
RoyalTramp hat geschrieben:
Definitiv ja, aber fast alle spielen dieses Spiel mit, weil es ihnen diesbezüglich an einem derart ausgeprägten Unrechtsbewusstsein fehlt. Nochmal: Gib dem ärmsten Chinesen die Mittel, und er würde sie ohne schlechtes Gewissen ausnutzen, sich persönliche Vorteile zu erkaufen. Das gehört einfach zum "guten Ton" dazu.
Ja, ich fordere da mehr Aufklärung in China, warum Korruption das eigene geliebte Land schädigt.
Was darf ich fordern? Nichts, ich bin Ausländer. Fordern dürfen das nur Chinesen. Deswegen sollten wir aber auch mit Chinesen darüber reden und nicht einfach im Vorfeld aufgeben und sagen "es sind halt Chinesen". Das ist keine Lösung, sondern verstärkt nur die Abgrenzung. In den Dialog treten rate ich dazu.
RoyalTramp hat geschrieben:
Das habe ich doch gesagt! Der Grund, warum in der japanischen Gesellschaft das Niveau der Korruptionen sehr moderat ist, hat damit zu tun, dass man sich in Japan die Loyalitäten nicht erst erkaufen muss, sondern hier gilt wirklich noch das Gehorsamsprinzip gegenüber dem Vorgesetzten. ABER dies trifft auf China in diesem Umfang NICHT zu. In der Familie, ja (Stichwort: Familienethik), aber darüber hinaus ist dieses hierarchische Denken nur noch rudimentär in der chinesischen Gesellschaft verankert. Daher muss ja die KPCh z.B. diese Disziplin und den Gehorsam der Massen wirklich erzwingen, sonst würde es überhaupt nicht klappen! So meine persönliche Meinung.
Also ich weiß nicht, ob das so richtig ist. Ich denke schon, dass es in China sehr klare Hierarchien gibt. Wo sollte es denn welche geben, wo deiner Meinung nach keine sind? Der Chef in China gilt als große/wichtigste Person, darüber steht der Politiker usw. An der Uni ist der Professor die obere Hierarchiebene... also ich will jetzt keinen Roman schreiben, aber kurz gefasst sehe ich es sogar so, dass in China die Hierachie strenger respektiert wird, als in Deutschland (wo man mit dem Chef gerne mal die Probleme offenlegt, tratscht und mit ihm am selben Tisch sitzt).
In Japan sind die Geschenke (z. B. Student an Professor) auch sehr beliebt, Stellen werden über Beziehungen vergeben, es handelt sich auch bei Japan um eine krasse Arschkriechergesellschaft.
Aber bei wichtigen Dingen, werden Regeln beachtet. Wo es erlaubt ist, werden Beziehungen ausgenutzt, aber zu weit gehen ist verboten, Skandale in den Medien werden ausgeschlachtet... und kein Japaner will sein Gesicht vor dem ganzen Land verlieren, weil er Regeln gebrochen hat.