2. Ich möchte noch einmal klar stellen, dass ich den Dalai Lama hier nicht als herzlose Bestie anprangern will. Wie auch im Original Posting.
"fehlt ihm jegliches Gespür für Pietät und Angemessenheit und sind ihm die Opfer einfach egal? Mmmh, das würde hier zwar auf der Hand liegen, aber das geht nun doch etwas zu weit. Auch wenn ich kein Dalai Lama Fan und sogar ein Kritiker in vielen Punkten bin, ist er für mich kein menschenverachtender Unmensch wie er bei Goldner oder Trimondi oft dargestellt wird."
3. Meine Meinung warum er das gesagt hat.
Ich habe den Eindruck, dass der Dalai Lama hier in einem Rollenkonflikt steht. Wenn der Dalai Lama z.B eine Trauerfeier vor seiner tibetischen Gemeinde in Dharamsala hält, bin ich mir sicher, dass er wenig bzw. überhaupt keine Witze macht. Hier hält er aber eine Trauerfeier vor einem anderen Publikum und hier kommt der Dalai Lama in einen Konflikt.
Wenn man sich schon mit mehreren Veranstaltungen des Dalai Lama bzw. Interviews für ein "westliches" Publikum auseinandergesetzt hat, fällt dem kritischen Betrachter auf, dass er steht’s ein gewisses Muster einhält. Der Dalai Lama wechselt sehr stark zwischen traurigen und/oder ernsthaften Themen und Witzen/Slapstick bzw. positiven Aussagen hin und her. Besonders wenn über China oder Tibet geredet wird, gibt es oft Momente in denen der Dalai Lama wirklich bedrückt wird und man manchmal sogar fast Tränen wahrnehmen kann, innerhalb von einer Minute ist der Dalai Lama aber wieder fröhlich und verbreitet gute Stimmung. Für mich ist gerade dieses Verhalten ein Grund für die Beliebtheit und Unterstützung des Dalai Lama. Er weiß genau, dass er mit einer depressiven oder traurigen Stimmung die Menschen bedrückt macht und diese dann schnell dazu neigen sich abzuwenden. Niemand möchte traurig sein. Deswegen achtet er sehr darauf die Menschen zu berühren aber ja nicht zuviel um sie nicht zu verschrecken. Ein ähnliches Muster kann man in diversen Vorabend Serien erkennen, in denen sich Drama und Comedy abwechseln und am Ende oft eine einfache aber schöne moralische Botschaften stehen. Ein Beispiel dafür wären Serien wie z.B. eine himmlische Familie, die Bill Cosby Show oder sogar Scrubs.
Bei seinen Auftritt in Taiwan, war der Dalai Lama mit einem Publikum konfrontiert, welches nicht zu seinen "tibetischen" gehört und eher dem Publikum ähnlich ist, welches er bei seinen Touren in den USA, Deutschland oder sogar Japan vorfindet. Der Unterschied ist vielleicht, dass er bei diesem Auftritt um Katastrophenopfer betet, während die anderen Auftritte nicht in diesem besonderen Kontext stattgefunden haben. Das Publikum in Taiwan dürfte aber ein ähnliches gewesen sein. Ich gehe einmal davon aus, dass die Anzahl der Angehörigen der Opfer bzw. Opfer bei dieser Veranstaltung gegen 0 tendierte. Die Personen in den Katastrophengebieten (jetzt abgesehen von ihrer eher christlichen, daoistischen oder Chen buddhistischen Zugehörigkeit) haben im Moment andere Sorgen als in die Stadt zu fahren und einer Großveranstaltung teilzunehmen. Sagen wir es direkt, die Veranstaltung war eher das, was man unter einer Charity Veranstaltung versteht, in dem lokalen Politiker, Angehörigen der gehobenen Mittel - bis Oberschicht und diverse religiöse Würdenträger auftreten. Nichts gegen Charity Veranstaltungen, aber es hilft uns zu verstehen warum der Dalai Lama hier wieder sein klassisches wie oben beschriebenes Muster abgespielt hat. Ein wenig traurig sein und dann schnell wieder ein Witzchen bevor die Stimmung kippt.
Problem - er tritt hier zwar für das übliche Publikum auf, aber der Kontext ist eine Katastrophe.
Er kann nicht die Rolle die er vielleicht für sein rein tibetisches Publikum bei einer Trauerfeier darstellt einnehmen, sondern muss ein anderes Publikum "unterhalten" ("unterhalten" ist wirklich das passende Wort hier). Die Situation würde aber die andere - ernsthaftere Rolle - verlangen.
Und aus diesen Rollen/Situationskonflikt heraus, kann es dann passieren, dass er Witze macht (die er ja machen muss) die daneben gehen können und rückblickend pietätlos waren.
Das fällt jetzt dem anwesenden Publikum nicht auf (wie gesagt, die Anzahl der Opfer darunter dürfte ja sehr gering gewesen sein) und die echten Opfer würden davon nichts mitbekommen und auch seine Kritiker nicht (also ich) - wenn nicht die Medien darüber berichten würden.
4. Warum berichten die Medien (hier Taipei Times) überhaupt von diesen "Witz"?
Da ich mir sicher bin, dass diese den Dalai Lama nicht schaden wollen, fällt mir nur eine Erklärungsmöglichkeit ein. Der Dalai Lama wird nicht als "normale" Person wahrgenommen. Er ist als charismatische Führungsfigur in erster Linie eine Projektionsfläche. Und wie es sich bei Projektionsflächen gehört, wird einfach das hinauf projiziert was man sich wünscht. Das kann dann soweit gehen, wie hier, dass gar nicht bemerkt wird, was die angehimmelte Figur da vorne überhaupt für einen Stuss daherredet. Gerade beim Dalai Lama ist es oft beeindruckend/bedrückend wie oft das vorkommt.
Z.B. Der Dalai Lama wird zum Klimawandel befragt, zur US-Wahl oder zur Finanzkrise (also alles was die Leute so gerade bewegt). Der Dalai Lama verfügt aber über keine Kompetenz in diesen Bereichen bzw. kann er, sogar wenn er eine Ahnung davon hätte, nichts kritisches sagen, da er dadurch automatisch in einer gewissen Art und Weise "Partei" ergreifen müsste (z.B. Obama oder McCain, Finanzkrise - Manager, Politiker vs. Arbeiter usw.) und dadurch automatisch in Kritik der Gegenseite kommt. Der Dalai Lama achtet aber sehr darauf, sowohl bei Links und Rechts gut dazustehen. Er trifft sich mit Grünen sowie mit Rechsausenpolitikern. Ergo, er kann nur inhaltloses Blabla abgeben und das tut er auch. Dieses Blabla ist aber soweit gefasst, dass jeder das hinein interpretieren kann was er möchte.
Wie gesagt, die ideale Projektionsfläche.
(kleines Beispiel egal ob Kontext Finanzkrise oder Naturkatastrophe in Taiwan sagt er beidesmal ähnliche schwammige Aussagen:
Finanzkrise: "Die Finanzkrise ist von den Menschen selbst gemacht, sie selbst haben dafür gesorgt, dass ihr System zusammengebrochen ist. In der Vergangenheit ist es aber immer so gewesen, dass von Menschen gemachte Probleme, auch von Menschen wieder gelöst wurden."
http://www.bild.de/BILD/politik/2009/08 ... -dazu.html" target="_blank
Besuch in Taiwan:
Most of the problems that trouble our world are manmade, he said, and they can only be resolved when people consider all 6 billion human beings as brothers as sisters.
http://www.taipeitimes.com/News/front/a ... 2003452594" target="_blank)
Deswegen ist es den Taipei Times Journalisten gar nicht aufgefallen, was das für ein Schwachsinn war. Er hat einfach die Witze, bei denen am meisten gelacht wurde hinein genommen und es automatisch positiv interpretiert, weil er es so verstehen wollte. Ihm kam nicht einmal der Gedanke, dass dieser "Witz" vielleicht nicht ganz angebracht ist bzw. einigen Leuten nicht gefallen könnte. Wäre im dieser Gedanke gekommen, hätte er einfach einen der zahlreichen anderen harmloseren Witzen genommen.
Hier wirkte meiner Meinung nach, der übliche Mechanismus, der bei Führungsfiguren (egal ob gut oder schlecht) ständig losgeht. Egal ob Obama, Bono, Mao oder gar Hitler. Das kritische Denken wird ausgeschaltet und jede Aussage des Idols in ein rosarotes Licht getaucht. Wenn irgendjemander anderer dies gesagt hätte, hätte es vielleicht große Empörung gegeben. Aber bei der Projektionsfigur ist die Aussage natürlich gaaaaanz anders zu verstehen und war natürlich angebracht. Der charismatische "Führer" macht keine Fehler.
Quod licet Iovi, non licet bovi sagt der Lateiner
Der Vorfall mit diesem Witz ist an sich ein unwichtiger. Ich glaube kaum, dass viele Leute davon etwas mitbekommen haben und die Katastrophenopfer die Aussage einfach ignoriert haben. Schaden ist eher nicht dadurch entstanden. Ich denke vom Dalai Lama auch nicht besser/schlechter als vorher.
Ich habe diese Geschichte nur deswegen gebracht, weil sie meiner Meinung nach sehr gut wiedergibt, was mir beim Dalai Lama und den Trubel der um ihn gemacht wird, immer wieder auffällt.
ps - bevor es jetzt jemand noch falsch versteht. Wenn der Dalai Lama eine Trauerfeier für z.B. einen guten Bekannten abhält, spielt er auch eine Rolle. Das soll nicht bedeuten, dass er falsch oder verlogen ist. Menschen spielen in Kontakt mit anderen Menschen immer verschiedene Rollen. Eine Frau die ihr Kind füttert ist in diesem Kontext in einer ganz anderen Rolle (Mutter) als wenn sie mit ihren Mann essen geht (Ehefrau). Rollen können bewusst oder unbewusst eingenommen werden. Näheres dazu siehe Rollentheorie z.B. bei Dreitzel



