@ Essenz des lamaistischen Glaubens - Das ganze Reinkarnationssystem der Lamas (nicht die Reinkarnation an sich) wurde ja aus politischen Gründen (Vermeidung Kampf um Thronfolge, Bildung von Dynastien etc.) geschaffen.
Das ist die Schwierigkeit - die Essenz des lamaistischen Glaubens gibt es meiner Meinung nach nicht. Es ist eine Mischung die aus politischen, religiösen (andere Religionen, Volksglauben etc.) und natürlich auch kulturellen Gründen. Daher ist der tibetische Lamaismus auch so einzigartig und auch gleichzeit weit entfernt von ursprünglichen Buddhismus.
Aber das ist gar nicht das Kernproblem bei einer Abschaffung des Ritus - das größere Problem ist, dass der Lamaismus auch eine durch und durch konservative u. traditionelle Religion ist und vor allem keine Einheitliche und Riten/Zeremonien (ich verweiße hier nur auf die berühmten Orakel) und daher Veränderung bzw. Reformen immer mit Konflikten belastet sind. Besonders da Veränderungen auch diverse Positionen überflüssig machen und die Machtverteilung neu ordnen können.
Auf der anderen Seite ist, die exiltibetische Gemeinde durch den äußeren "Feind" KP auch jetzt geschlossen und der Dalai Lama ist eine charismatische und anerkannte Figur.
Woran ich nicht glaube, sind die Äußerungen des Dalai Lama ala (kein weiterer DL mehr, ein demokratisch gewählter, eine Frau oder was weiß ich noch - müsste einmal die diversen Aussagen sammeln und näher analysieren).
Das sind so radikale Änderungen die meiner Meinung nach mit Sicherheit gewaltige Konflikte - wenn nicht sogar eine Spaltung bewirken würden. Abgesehen von Machtverhältnissen, werden dabei sogar Glaubenscredos richtig "zerrissen".
Meiner Meinung nach sind solche Äußerungen entweder sehr unüberlegt oder (und dazu tendiere ich) sind sie für allem für das westliche Publikum gedacht um dem (westliche Wunsch-)Bild einer toleranten, modernen Religion zu entsprechen.
@KP und Vorteile - naja das ist Politik
Die chinesische Regierung hat als absolute oberste Maxime die Einheit und Stabilität des Landes (neben dem Wunsch an der Macht zu bleiben) Sie werden kein Instrument aufgeben, mit dem sie die Kontrolle bis zu einem gewissen Grad behalten können bzw. anti-chinesische Kräfte in die Schranken weisen können. Man kann es aber auch positiv und Zukunftsorientiert sehen - durch solche "Bestätigungsregeln" ist - wie in der Kaiser- oder Republikzeit - eine Koexistenz Lamas und Zentralregierung möglich.
Das wichtigste ist, dass der Druck abnimmt und eine sachlichere Ebene eingeschlagen wird.
Es ist kein Geheimnis, dass der Druck auf Tibet im letzten Jahr aufgrund der Unruhen und Proteste zugenommen hat. Es ist auch kein Geheimnis das viele China/Tibet Kenner genau davor gewarnt haben. Die KP wird Tibet nicht in die Unabhängigkeit entlassen und kein Risiko eingehen - es steht mehr als Tibet auf dem Spiel. Die Angst vor einem Zerfall des Landes und einer Wiederholung des blutigen 19. u. 20 Jahrhundert steckt zu tiefst in den Knochen.
Nur durch Entspannung wird die KP bereit sein Zugeständnisse zu machen - erst wenn sie dem DL vertraut, wird sie eine Rückkehr akzeptieren. Der Haken an der Sache ist, dass viele Forderungen des Dalai Lama (auch wenn sie in sich geschlossen noch so moralisch richtig wären) einen derartigen Kontrollverlust der KP in sich tragen, dass sie ihn schon fast so stark Vertrauen müssten, wie die westliche Fangemeinde
Die Leidtragenden sind in erster Linie die Bevölkerung (Tibeter, Han oder Hui) wie bei fast jeden politischen Konflikt.
@"Ich bin kein glühender Verehrer des Dalai Lama"
Mir ist auch klar, dass du kein glühender Verehrer der KP bist.
Aber du versuchst sowohl KP als auch DL nüchtern (ich glaube, dass ist das große Zauberwort bei China Diskussionen) zu sehen und zu behandeln und stellst deine "westliche" Sichtweise nicht automatisch als Patentlösung bzw. Einzig richtige hin. Deswegen diskutiere ich gerne mit dir und habe großen Respekt vor dir.
- noch etwas - auf China Observer schreibt ein Poster Bernhard das er es nicht in Ordnung findet wenn die KP einen Lama ernennt.
Meines Wissens ernennt auch die KP nicht, sondern bestätigt/anerkennt nur. Der Prozess wird von (prochinesischen und/oder Druck) tibetischen Mönchen geleitet. Was realpolitisch auf das selbe hinausläuft - in den religiösen Prozess selber greifen sie nicht ein.
Die Sache mit den Panchen Lama bedarf eines genaueren Blickes - hab schon einmal was dazu gefunden, was ich mich erinnern kann war genau der Punkt mit der Bestätigung durch die Zentralregierung der Ausgangspunkt für den Konflikt. Der Dalai Lama (die Exiltibeter wurden von der KP eingeladen an der Suche teilzunehmen, was sie auch machten) erklärte den Jungen zum Panchen Lama und setze sich über den letzten Teil des Ritus (Bestätigung durch Zentralregierung) hinweg. Hätte der Dalai Lama auf die Bestätigung durch die Zentralregierung gewartet - gäbe es die Kontroverse vielleicht gar nicht. Nur hätte der Dalai Lama damit indirekt offiziell bestätigt, dass er der Zentralregierung politisch untergeordnet ist wie damals in der Republik oder Kaiserzeit.
(Finde leider meine Ursprüngliche Quelle nicht mehr - Es ist ein Wahnsinn wieviele Artikel es zum Panchen Lama gibt - aber es ist irgendwie immer der gleiche

)
Aber hier im Wiki stehen ein paar Zeilen über den Streit der zur Eskalation führte:
http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%AAd%C ... igyi_Nyima" target="_blank
http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%AAd%C ... igyi_Nyima" target="_blank