Politische Ziele der Zero-Covid-Politik - "Verschwörungstheorien"
Verfasst: 03.01.2022, 16:46
Hallo
Vorbemerkung 1: ich habe das Reizwort "Verschwörungstheorie" in die Überschrift gesetzt, aber natürlich will ich hier nicht über "Bill Gates", "5G" oder "eingeimpfte Chips" diskutieren, sondern über rationale, plausible Erklärungen für die chinesische Politik. Da aber keiner von uns hier (nehme ich zumindest an) im Volkskongress sitzt oder gar im Politbüro, kann das natürlich nur Spekulation sein, die "Wahrheit da draussen" kennt keiner von uns. Daher ist alles nur Spekulation und daher irgendwie auch "Verschwörungstheorie".
Vorbemerkung 2: es gibt einen anderen, langen Thread zum Thema Covid unter "Aktuelles" viewtopic.php?t=34795
Ich eröffne diesen getrennten Thread, weil ich nicht so sehr über medizinische Einzelheiten oder aktuelle kleinteilige Massnahmen sprechen möchte, sondern mich "das große Ganze", die Einbettung des Umgangs mit Corona in das gesamt-politische Konzept der chinesischen Regierung, interessiert.
Vorbemerkung 3: ich habe seit 2004 geschäftlich und später dann auch privat jedes Jahr China einmal oder mehrfach besucht, zuletzt noch im Januar 2020. Auch wenn ich als Ingenieur mich nur peripher um Politik gekümmert habe, so bilde ich mir doch ein, ein wenig von der chinesischen Politik zu verstehen, und meine Erfahrung bislang war eher die, dass technisch-rationale Vernunft, eine Zweckrationalität die Politik bestimmte. Dass also keine kurzfristigen Scheinziele verfolgt werden, sondern volkswirtschaftliche Vorteile angestrebt werden, langfristige Planung und das Aufschliessen und Überholen westlicher Industriestaaten in Plänen wie "Made in China 2025" voranstehen.
Daher glaube ich nicht, dass die Corona-Politik Chinas irgendwie planlos und getrieben geschieht, sondern durchaus einem politischen Plan folgt. Nur welchem?
China hält auch nach zwei Jahren noch immer an "Zero-Covid" fest, und setzt dies, gerade aktuell in Xian, mit aller Konsequenz durch! Nun haben auch andere, auch demokratische Staaten sich an einer Zero-Covid Politik versucht, Australien, Neuseeland und Singapur beispielsweise. In der ersten Welle war dies auch noch rational verständlich, man wusste zu wenig über Covid19, und da lag es nahe, erstmal auf Vorsicht zu setzen. Gerade in China erinnerte man sich noch an SARS 2003 und daher war ein Zero-Covid-Versuch erstmal verständlich.
Aber nun sind zwei Jahre vergangen und man weiss inzwischen viel mehr über Covid19, es gibt Impfungen (die vielleicht weniger wirksam sind, als man sich erhofft hatte, aber dennoch zumeist vor schweren Verläufen schützen), die Risikogruppen sind bekannt und können entsprechend gezielt geschützt werden, Kinder, Jugendliche und insbesondere auch die Jahrgänge der arbeitenden Bevölkerung zählen zumeist nicht dazu, die Mortalitätsraten sind verglichen mit anderen Erkrankungen niedrig, das Virus mutiert zu milderen Varianten (Omikron). Einige Länder (zB. in Afrika) konnten nie echte. wirksame Anti-Corona-Massnahmen durchsetzen, trotzdem kam es zu keinen humanitären Katastrophen dort, anderen Ländern (zB. Indien) entglitt die Kontrolle und dennoch blieb die Welle überschaubar und es gab kein Massensterben, andere Länder haben schon immer (zB. Schweden) auf Eigenverantwortung gesetzt oder sind inzwischen dabei, auf solche umzuschwenken (aktuell zB. UK, Spanien) und trotzdem ist es dort zu keinen signifikanten Problemen gekommen. All dies und noch viele weitere Erfahrungen aus den letzten zwei Jahren kann man als "learning points" im Umgang mit Covid nehmen. Und auch Länder, die bislang auf Zero-Covid gesetzt hatten, rücken inzwischen davon ab, weil das Konzept sich eben auf Dauer als nicht ohne extreme Massnahmen aufrecht erhalten lässt.
Bislang mag China ökonomisch mit Zero-Covid nicht schlecht gefahren sein, die Währung ist eher gestärkt, die Wirtschaft hat noch wenig Einbussen. Das liegt aber auch daran, dass weltweit die meisten Industriestaaten mehr oder minder restriktive Massnahmen ergriffen haben und daher überall wirtschaftliche Einschnitte passierten, die mit frisch gedrucktem Geld, was die Währungen unter Druck setzt, mehr schlecht als recht abgefedert werden. Wenn nun aber mehr Staaten ein "Leben mit Covid" akzeptieren, ihrer Wirtschaft die Bremsschuhe abnehmen, dann dürfte für China eine Beibehaltung von Zero-Covid kaum ohne wirtschaftlich einschneidende Probleme möglich sein. Ein plötzliches radikales Aufgeben dieser Politik jedoch würde ebenso zu Problemen führen, da dann das Virus plötzlich auf eine große empfangsbereite, noch nicht durchseuchte Bevölkerung treffen würde und das dann in kurzer Zeit wirklich zu medizinischen Problemen führen würde. China wird also mit einer Öffnung zwingend den anderen hinterherhinken müssen.
Die Frage also bleibt, wieso hält die chinesische Politik an Zero-Covid fest?
Dass Covid vorsätzlich freigesetzt wurde, einem bösen Plan folgt, aus einem Labor entwischt ist, all das halte ich für unsinnige Verschwörungstheorien ohne jede Basis, wenn dem so wäre, wäre der Umgang mit Covid auch von Anfang an anders gewesen. Natürlich könnte man die Theorie vertreten, dass China die Lage dramatisiert hat, um westliche Nationen in einen Lockdownzu "nudgen", um die Wirtschaft im Westen zu schädigen und somit sturmreif zu machen für chinesische Investments, Aufkäufe etc. Und manches spricht tatsächlich dafür, beispielsweise die anfängliche Vebreitung von Bildern, wo angeblich Menschen in Wuhan plötzlich auf der Straße zusammenbrachen, angeblich aufgrund Covid-Erkrankung. Das waren definitiv Fake-News ( https://www.dailymail.co.uk/news/articl ... Wuhan.html ), und es stellt sich die Frage, welche Ziele damit verfolgt wurden, diese Fakes sowohl dem einheimischen Publikum wie auch international vorzuführen! Und da könnte man auf den Gedanken kommen, dass das Ziel war, die westlichen Staaten in eine übertriebene Reaktion zu drängen. Aber das ist insoweit fraglich, weil China selbst ja noch extremer als die meisten westlichen Staaten reagiert hat...
Dass die chinesische Führung Zero-Covid aus reiner Menschenliebe betreibt, um jedes Menschenleben zu retten, halte ich ebenfalls für Unsinn. Wirtschaftliche Einschränkungen durch die Massnahmen richten jedenfalls überall mehr Schaden an, als es der Tod von ein paar Menschen täte. Zumal wir ja nun wissen, dass Covid vorrangig, ja beinahe nur unter den Alten, Kranken und Schwachen wütet, während junge Menschen und Menschen mittleren Alters das zumeist problemfrei wegstecken. Und auch wenn es extrem zynisch klingt, rein volkswirtschaftlich betrachtet wäre in einem Land mit einem demographischen Überhang, einer Überalterung der Gesellschaft wie in China nunmal vorhanden, eine Krankheit, die fast ausschliesslich die Alten, Kranken und Schwachen betrifft, schon fast segensreich und könnte geradezu entspannend wirken hinsichtlich demographischer Probleme.
Nun könnte das Ziel von Zero-Covid auch nur Mittel zum Zweck einer Abschottung Chinas von der Welt sein. In der Tat dient Zero-Covid dazu, extrem restriktive Einreiseregeln durchzusetzen, es dient dazu, Auslandsreisen von Chinesen zu unterbinden, es dient dazu, in internationalen Joint-Ventures Expats durch Lokalkräfte zu ersetzen. Aber wirtschaftlich hat das nicht unbedingt nur Vorteile, abgerissene Bindungen lassen sich nicht immer einfach wieder aufbauen. Gerade "Belt and Road" kann ja nicht ohne auch personellen Austausch funktionieren. Ob eine Fokusierung allein auf den Binnenmarkt, selbst wenn dieser durch "Störfreimachung" geschützt wird, ausreicht, um dies auszugleichen, scheint mir fraglich.
Die chinesische Führung könnte sich natürlich gezwungen gesehen haben, eine solche Schliessung zu veranlassen, um ausländische politische Einflussnahme zu unterbinden. Die Demonstrationen in Hongkong 2019 hatten ja in der Tat Verbindungen ins Ausland, zT. Charakteristiken der von aussen angestachelten "Farbenrevolutionen" im arabischen Raum. Aber es bestand doch nie eine Gefahr, dass sowas auf Mainland China übergreifen könnte, eine so strikte Abriegelung wäre damit kaum sinnvoll begründbar.
Es bleibt für mich daher weiterhin die Frage bestehen, was könnte das politische Ziel hinter dem Festhalten an der Zero-Covid-Politik sein?
Vorbemerkung 1: ich habe das Reizwort "Verschwörungstheorie" in die Überschrift gesetzt, aber natürlich will ich hier nicht über "Bill Gates", "5G" oder "eingeimpfte Chips" diskutieren, sondern über rationale, plausible Erklärungen für die chinesische Politik. Da aber keiner von uns hier (nehme ich zumindest an) im Volkskongress sitzt oder gar im Politbüro, kann das natürlich nur Spekulation sein, die "Wahrheit da draussen" kennt keiner von uns. Daher ist alles nur Spekulation und daher irgendwie auch "Verschwörungstheorie".
Vorbemerkung 2: es gibt einen anderen, langen Thread zum Thema Covid unter "Aktuelles" viewtopic.php?t=34795
Ich eröffne diesen getrennten Thread, weil ich nicht so sehr über medizinische Einzelheiten oder aktuelle kleinteilige Massnahmen sprechen möchte, sondern mich "das große Ganze", die Einbettung des Umgangs mit Corona in das gesamt-politische Konzept der chinesischen Regierung, interessiert.
Vorbemerkung 3: ich habe seit 2004 geschäftlich und später dann auch privat jedes Jahr China einmal oder mehrfach besucht, zuletzt noch im Januar 2020. Auch wenn ich als Ingenieur mich nur peripher um Politik gekümmert habe, so bilde ich mir doch ein, ein wenig von der chinesischen Politik zu verstehen, und meine Erfahrung bislang war eher die, dass technisch-rationale Vernunft, eine Zweckrationalität die Politik bestimmte. Dass also keine kurzfristigen Scheinziele verfolgt werden, sondern volkswirtschaftliche Vorteile angestrebt werden, langfristige Planung und das Aufschliessen und Überholen westlicher Industriestaaten in Plänen wie "Made in China 2025" voranstehen.
Daher glaube ich nicht, dass die Corona-Politik Chinas irgendwie planlos und getrieben geschieht, sondern durchaus einem politischen Plan folgt. Nur welchem?
China hält auch nach zwei Jahren noch immer an "Zero-Covid" fest, und setzt dies, gerade aktuell in Xian, mit aller Konsequenz durch! Nun haben auch andere, auch demokratische Staaten sich an einer Zero-Covid Politik versucht, Australien, Neuseeland und Singapur beispielsweise. In der ersten Welle war dies auch noch rational verständlich, man wusste zu wenig über Covid19, und da lag es nahe, erstmal auf Vorsicht zu setzen. Gerade in China erinnerte man sich noch an SARS 2003 und daher war ein Zero-Covid-Versuch erstmal verständlich.
Aber nun sind zwei Jahre vergangen und man weiss inzwischen viel mehr über Covid19, es gibt Impfungen (die vielleicht weniger wirksam sind, als man sich erhofft hatte, aber dennoch zumeist vor schweren Verläufen schützen), die Risikogruppen sind bekannt und können entsprechend gezielt geschützt werden, Kinder, Jugendliche und insbesondere auch die Jahrgänge der arbeitenden Bevölkerung zählen zumeist nicht dazu, die Mortalitätsraten sind verglichen mit anderen Erkrankungen niedrig, das Virus mutiert zu milderen Varianten (Omikron). Einige Länder (zB. in Afrika) konnten nie echte. wirksame Anti-Corona-Massnahmen durchsetzen, trotzdem kam es zu keinen humanitären Katastrophen dort, anderen Ländern (zB. Indien) entglitt die Kontrolle und dennoch blieb die Welle überschaubar und es gab kein Massensterben, andere Länder haben schon immer (zB. Schweden) auf Eigenverantwortung gesetzt oder sind inzwischen dabei, auf solche umzuschwenken (aktuell zB. UK, Spanien) und trotzdem ist es dort zu keinen signifikanten Problemen gekommen. All dies und noch viele weitere Erfahrungen aus den letzten zwei Jahren kann man als "learning points" im Umgang mit Covid nehmen. Und auch Länder, die bislang auf Zero-Covid gesetzt hatten, rücken inzwischen davon ab, weil das Konzept sich eben auf Dauer als nicht ohne extreme Massnahmen aufrecht erhalten lässt.
Bislang mag China ökonomisch mit Zero-Covid nicht schlecht gefahren sein, die Währung ist eher gestärkt, die Wirtschaft hat noch wenig Einbussen. Das liegt aber auch daran, dass weltweit die meisten Industriestaaten mehr oder minder restriktive Massnahmen ergriffen haben und daher überall wirtschaftliche Einschnitte passierten, die mit frisch gedrucktem Geld, was die Währungen unter Druck setzt, mehr schlecht als recht abgefedert werden. Wenn nun aber mehr Staaten ein "Leben mit Covid" akzeptieren, ihrer Wirtschaft die Bremsschuhe abnehmen, dann dürfte für China eine Beibehaltung von Zero-Covid kaum ohne wirtschaftlich einschneidende Probleme möglich sein. Ein plötzliches radikales Aufgeben dieser Politik jedoch würde ebenso zu Problemen führen, da dann das Virus plötzlich auf eine große empfangsbereite, noch nicht durchseuchte Bevölkerung treffen würde und das dann in kurzer Zeit wirklich zu medizinischen Problemen führen würde. China wird also mit einer Öffnung zwingend den anderen hinterherhinken müssen.
Die Frage also bleibt, wieso hält die chinesische Politik an Zero-Covid fest?
Dass Covid vorsätzlich freigesetzt wurde, einem bösen Plan folgt, aus einem Labor entwischt ist, all das halte ich für unsinnige Verschwörungstheorien ohne jede Basis, wenn dem so wäre, wäre der Umgang mit Covid auch von Anfang an anders gewesen. Natürlich könnte man die Theorie vertreten, dass China die Lage dramatisiert hat, um westliche Nationen in einen Lockdownzu "nudgen", um die Wirtschaft im Westen zu schädigen und somit sturmreif zu machen für chinesische Investments, Aufkäufe etc. Und manches spricht tatsächlich dafür, beispielsweise die anfängliche Vebreitung von Bildern, wo angeblich Menschen in Wuhan plötzlich auf der Straße zusammenbrachen, angeblich aufgrund Covid-Erkrankung. Das waren definitiv Fake-News ( https://www.dailymail.co.uk/news/articl ... Wuhan.html ), und es stellt sich die Frage, welche Ziele damit verfolgt wurden, diese Fakes sowohl dem einheimischen Publikum wie auch international vorzuführen! Und da könnte man auf den Gedanken kommen, dass das Ziel war, die westlichen Staaten in eine übertriebene Reaktion zu drängen. Aber das ist insoweit fraglich, weil China selbst ja noch extremer als die meisten westlichen Staaten reagiert hat...
Dass die chinesische Führung Zero-Covid aus reiner Menschenliebe betreibt, um jedes Menschenleben zu retten, halte ich ebenfalls für Unsinn. Wirtschaftliche Einschränkungen durch die Massnahmen richten jedenfalls überall mehr Schaden an, als es der Tod von ein paar Menschen täte. Zumal wir ja nun wissen, dass Covid vorrangig, ja beinahe nur unter den Alten, Kranken und Schwachen wütet, während junge Menschen und Menschen mittleren Alters das zumeist problemfrei wegstecken. Und auch wenn es extrem zynisch klingt, rein volkswirtschaftlich betrachtet wäre in einem Land mit einem demographischen Überhang, einer Überalterung der Gesellschaft wie in China nunmal vorhanden, eine Krankheit, die fast ausschliesslich die Alten, Kranken und Schwachen betrifft, schon fast segensreich und könnte geradezu entspannend wirken hinsichtlich demographischer Probleme.
Nun könnte das Ziel von Zero-Covid auch nur Mittel zum Zweck einer Abschottung Chinas von der Welt sein. In der Tat dient Zero-Covid dazu, extrem restriktive Einreiseregeln durchzusetzen, es dient dazu, Auslandsreisen von Chinesen zu unterbinden, es dient dazu, in internationalen Joint-Ventures Expats durch Lokalkräfte zu ersetzen. Aber wirtschaftlich hat das nicht unbedingt nur Vorteile, abgerissene Bindungen lassen sich nicht immer einfach wieder aufbauen. Gerade "Belt and Road" kann ja nicht ohne auch personellen Austausch funktionieren. Ob eine Fokusierung allein auf den Binnenmarkt, selbst wenn dieser durch "Störfreimachung" geschützt wird, ausreicht, um dies auszugleichen, scheint mir fraglich.
Die chinesische Führung könnte sich natürlich gezwungen gesehen haben, eine solche Schliessung zu veranlassen, um ausländische politische Einflussnahme zu unterbinden. Die Demonstrationen in Hongkong 2019 hatten ja in der Tat Verbindungen ins Ausland, zT. Charakteristiken der von aussen angestachelten "Farbenrevolutionen" im arabischen Raum. Aber es bestand doch nie eine Gefahr, dass sowas auf Mainland China übergreifen könnte, eine so strikte Abriegelung wäre damit kaum sinnvoll begründbar.
Es bleibt für mich daher weiterhin die Frage bestehen, was könnte das politische Ziel hinter dem Festhalten an der Zero-Covid-Politik sein?