punisher2008 hat geschrieben:..Eben weil manche Zeichen vereinfacht wurden ist es komplizierter. Die Schriftreform hat außer großer Verwirrung wenig gebracht, und viele vereinfachte Zeichen sind komplett daneben und unlogisch. Die traditionellen Zeichen sind außerhalb Festland China nicht nur erhalten geblieben, sondern sogar auch in China wieder im kommen. Man wird also teilweise mit beiden Versionen konfrontiert. Chinesen haben oft null Ahnung, wann man welche Form verwendet und mischen oft wild durcheinander. Hätte man die Reform ganz gelassen, hätte man es heute leichter beim lernen der Schrift.
Das ist nun mal wieder die typische Übertreibung, wie man sie eigentlich fast nur von westlichen Kurzzeichenhassern hört. Die meisten Kurzzeichen waren in der einen oder anderen Form schon vor der Reform in Gebrauch, die Zusammenfassung gleichlautender Zeichen unter einem Zeichen ist eine Entwicklung, die seit Jahrhunderten, fast Jahrtausenden stattfindet, das ist - in etwas speziellerer Form - das gegenläufige Spiel von Sprachentwicklung und Analogiebildung, wie es alle Sprachen kennen. Und Schrift- oder Rechtschreibreformen werden immer beklagt.
Die Reform selbst wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts vorgeschlagen und diskutiert, sie wurde Mitte der dreissiger Jahre von der Guomindangregierung ansatzweise in Angriff genommen und schliesslich von der Regierung der Volksrepublik in der jetzigen Form realisiert. Seither hat gut eine Milliarde Chinesen damit schreiben gelernt.
Worum es geht: Von einem aktiven Zeichenschatz von knapp 10.000 Zeichen (von dem 3000 Zeichen ca. 99% der üblicherweise benutzten darstellen) wurden etwa 530 Zeichen und 65 Zeichenelemente vereinfacht. Auswirkungen hat das auf ca. 1100 Zeichen des aktiven Zeichenschatzes. Ein paar der Vereinfachungen sind nicht ganz glücklich, in einigen Fällen wurden Phoneme unter einem Zeichen zusammengefasst, weswegen es zwischen vereinfachten und traditionellen Zeichen eine 1:n-Beziehung gibt.
Für das Schreiben der Zeichen stellt die Reform eine ausgesprochene Erleichterung dar. Bei einigen Zeichen geht allerdings, was oft kritisiert wird, ideographische Information verloren.
Die traditionellen Zeichen waren in China (ausser vielleicht lokal in einigen Exzessen der Kulturrevolution) nie "verboten" oder "unterdrückt". Sie galten und gelten als die festlichere und aufwändigere Schreibweise. Man sollte dabei bedenken, dass fast alle einigermassen gebildeten Chinesen ohne Probleme die erheblich stärker abstrahierte caoshu lesen können und traditionelle Zeichen oft mehrere Schreibweisen haben. Das Erlernen einer weiteren Schreibweise für ein paarhundert Zeichen hat in China gewiss niemanden überfordert. Klar verschreiben sich Leute auch mal, aber nicht nur in Sachen traditionelle vs. vereinfachte Zeichen.
Was die Durchsetzung sowohl der jiantizi als auch von Hanyu Pinyin über die Volksrepublik hinaus behindert hat, war der Kalte Krieg. Immer wieder wurde die Zeichenreform als kommunistische Kulturschande verteufelt. Dabei wurde unterschlagen, dass die Reformbewegung mit ihren Wurzeln bis tief ins 19. Jahrhundert reicht.
Es sollte auch nicht verschwiegen werden, dass der ursprüngliche Impetus eines Teils der Sprachreformer auf eine graduelle Abschaffung der chinesischen Schrift in Richtung auf eine Romanisierung zielte, da die Reformer die komplizierte Schrift, zusammen mit den formalisierten und bürokratischen Prüfungen, als Mittel der kulturellen Unterdrückung und Ausgrenzung der Volksmehrheit und als Hindernis des wissenschaftlichen und analytischen Arbeitens und Denkens empfanden. Bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren auch weltweit nicht wenige Sprachwissenschaftler von einem früheren oder späteren Absterben der CJK-Zeichen überzeugt.
Dem hat die Entwicklung der Computer als Lese- und Schreibinstrument entgegengewirkt. Der etwas komplexeren Eingabe steht die grössere Bündigkeit und Informationsdichte entgegen, so dass das Schreiben von CJK-Texten dem in alphabetischen Schriften kaum noch nachsteht. Als Kehrseite wird verschiedentlich der Verlust handschriftlicher Fertigkeiten beklagt, wobei nicht klar ist, wie weit das mehr ist als der übliche Intergenerations-Kulturpessimismus (schon die Vorsokratiker klagten, die Jungen würden Bücher lesen statt die klassischen Texte auswendig zu lernen).
Also nochmal Conclusio: Jiantizi schreiben sich bequemer, was das Elementarlernen, soweit durch Schreiben realisiert, erleichtert. Die Unterschiede zwischen den meisten Jiantizi und Fantizi sind relativ logisch, besonders bei den Zeichenelementen. Ein paar Zeichen kann man verunglückt finden, und eine vielleicht zweistellige Zahl jiantizi muss man mehr oder minder angestrengt lernen, vor allem in ihrer Beziehung zu 1 bis n fantizi.
Generell ist es die vielen Worte eigentlich nicht wert. Klar kann man auch in Orakelknochenschrift schreiben (wenn auch nicht alles).
just my wu mao, a^2