Grufti hat geschrieben:aquadraht hat geschrieben:Grufti hat geschrieben:...
Grufti, ich finde, Du machst es Dir auch zu einfach.
Ich sehe eigentlich keinen Widerspruch zu Deiner Meinung....
Lt Deinem Posting wäre Ö-U eigentlich ein Staat mit großer Zukunft gewesen... ist aber nicht zuletzt am Nationalismus der einzelnen Reichsvölker gescheitert
Naja, wenn ein Mensch an Aids stirbt, applaudiere ich normalerweise nicht dem Virus. Der Nationalismus hat in der Tat in Europa und Umgebung mit Ö-U und dem osmanischen Reich zwei der multinationalen Imperien zerstört und ein drittes, das russische Reich, ziemlich verkrüppelt. Viel Gutes ist dabei nicht rausgekommen, und eine Ironie der Geschichte ist, dass die aus diesen Wirren hervorgegangene führende Nation ihrerseits ein multinationales Imperium ist, wie das auch das britische Empire, solange es Führungsmacht war, gewesen ist. Und nachdem sich der europäische Nationalismus nach ein paar zigmillionen Toten etwas ausgetobt hat, und auch der Ausrottungsdrang der "westlichen Zivilisation" etwas nachlässt, kommen Staaten zustande, die ihrerseits eher multiethnisch sind. Selbst in Deutschland bemerkt man langsam, dass man nicht aus rassereinen Teutonen besteht.
Hätten die Ösis jeglichen Widerstand gegen ihr Regime gnadenlos niedermachen sollen, wie es in Beijing 1989 geschehen ist ??
Die Bilanz des "gnadenlosen Niedermachens" 1989 liegt laut en.wikipedia.org bei 300-800 Toten, davon 30-100 auf Regierungsseite. Der Blutzoll des sozialdemokratisch geführten deutschen Bürgerkriegs 1919-21 liegt weit über zehntausend. In Ungarn kamen bei der Niederschlagung der Räterepublik durch Horthy meines Wissens mehr Menschen um als bei Liusi. Man sollte eher fragen, ob Deng Xiao Ping so hätte reinschlagen sollen wie Noske. Ich finde, eher nicht.
Wir schreiben hier von zwei grundverschiedenen Mentalitäten, das was für China richtig sein mag, war in Europa undenkbar...
Das mag in einer Reihe von Punkten zutreffen. Ich plädiere aber für eher zurückhaltende Benutzung dieses Arguments. Verhältnisse und Mentalitäten stehen in Wechselwirkung miteinander, und wenn man das Mentalitätsargument überdehnt, landet man bei stumpfer Affirmation bestehender Verhältnisse.
schon aus dem einen Grund, weil die Bevölkerungsverhältnisse komplett anders sind...
In China besteht die Bevölkerung aus weit über 95 % Han-Chinesen, während es in Europa keine Nation gibt, die in einem ähnlich großén Gebiet auf einen annähernd gleichen %satz der Gesamtbevölkerung Europas kommt.
Rein faktisch: es sind 91,95% Han (2002), und der Anteil hat in den letzten dreissig Jahren etwas (ca.1,5%) abgenommen. Aber Han sind nicht eine geschlossene Ethnie, sondern das Catch-all für alle chinesischen Staatsbürger, die nicht einer der offiziellen 56 Ethnien angehören, darunter Sherpa, Russen, Japaner und Inder. Sollte ich je eine Einbürgerung in China anstreben und erhalten, wäre ich statistisch Han. Die Bevölkerungsgruppe, aus der gleichwohl die Han zum grössten Teil bestehen, ist ethnisch wie kulturell alles andere als homogen, sie zerfällt in 7 untereinander nicht oder schlecht verständliche "Dialekte", die eigentlich, trotz weitgehend gleicher Grammatik und Schrift, eigene Sprachen sind.
Übrigens kennt keine der Kulturen des asiatischen Raums ein "Rassekonzept". Bekanntlich ist die 2. Frau des berühmtesten Königs der tibetischen Yarlung(Tubo)-Dynastie eine chinesische Prinzessin. Niemand, weder in Tibet noch in China, würde die Nachkommen als "Halbchinesen" ansehen, so dass durch eine weitere chinesische Einheirat die tibetischen Könige "dreiviertelchinesisch" geworden wären. Auf solchen Quatsch sind nur die Europäer gekommen. Wenn in Dongguan ein Zhuang eine Miao heiratet und die Nachkommen sich nicht um den Minderheitenstatus kümmern, sind sie Han. Das ist nicht wie bei "Russlanddeutschen".
Dadurch hatte der Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Nationen die bekannten Ausmaße angenommen, der letztendlich zur Eroberung der restlichen Welt und der Dezimierung anderer Völker geführt hatten.
Das vermag ich nicht so zu sehen. Die Zeit der europäischen "Entdecker" begann im 14. Jahrhundert mit dem Frühkapitalismus als Reaktion auf die islamische Seeherrschaft im Mittelmeerraum. Diese Epoche der "Entdeckungen" ist von Beginn eine Epoche der Ausrottungen.
Nachdem die europäischen Nationen dann seit dem 18. Jahrhundert an Macht gewannen, gingen sie einander und der Welt an die Kehle. Woher genau die Präferenz der "westlichen Zivilisation" für Ausrottungen kommt, weiss ich nicht und verstehe ich auch nicht ganz. Vielleicht liegen die Wurzeln bereits in der Römerzeit, als ganze Völker in die Sklaverei verschleppt wurden, wo sie bald zugrunde gingen, und ihr Land an die siegreichen Legionäre verteilt wurde.
Der Nationalismus ist dabei ein aus der Aufklärung entstandenes Konzept, das die Staatszugehörigkeit zum Wert an sich stilisiert. Per se ist das nichts "Böses", sondern eine Form von kollektiver Identifikation, die Zusammengehörigkeitsgefühle stiftet, was mit der Infragestellung des Gottesgnadentums der Monarchen auch notwendig und sinnvoll war und als emotionale Widerspiegelung der Volkssouveränität gerechtfertigt werden kann. Es wird radikalisiert durch die (einer Perversion des wissenschaftlichen Weltbilds entspringende) ethnische und rassebiologisch verengte Sicht auf das "Staatsvolk" und/oder die Bewertung des jeweils eigenen Kollektivs als besser, höherwertiger, als "Herrenvolk", "God's own country", "global leader" etc. Genau an dem Punkt wird Nationalismus gefährlich und potenziell tödlich.
Bei allen dunklen Punkten, die ich in China und bei den Chinesen ausmache, vermag ich ein solches aggressives Überwertigkeitsgefühl so wenig auszumachen wie den Anspruch, dem Rest der Welt den eigenen Lebensstil aufzunötigen.
Gruss, a^2