Bernhard hat geschrieben:Welche konkret verändert werden können und welche nicht, kann nicht in ein paar Sätzen erörtert werden.
Es geht nicht darum, etwas zu veraendern, sondern um die Frage, inwiefern die Ernennung eines Bischofes durch den Papst Teil des religioesen Rituals ist. Das ist leider eine Frage, wo man wohl aber keinen gemeinsamen Nenner finden kann, bzw. sehe ich da kein Argument, welches mich davon ueberzeugen wuerde, dass dem so ist.
Religionsfreiheit bedeutet auch, ein Bekenntnis unverfälscht hören zu dürfen. Und für mich bedeutet es auch, einem Geistlichen vertrauen zu können. Ob das nach UN-Charta auch unter "Religionsfreiheit" fällt, weiß ich nicht. Aber wenn man als gläubiger Mensch mit seinen Geistlichen praktisch nicht offten reden kann, weil man nicht weiß, was dann in die Kanäle der atheistischen Staatspartei weitergetragen wird, dann ist das zumindest sch....lecht.
Noch gravierender wird es, wenn diese Geistlichen der Politik der KP mehr Loyalität entgegenbringen als der Lehre der Kirche, bzw. die christliche (Moral-)Lehre nach Bedürfnissen der KP bzw. der Regierung verbiegen.
Das ist eine der ueblichen Unterstellung ganz nach westlichem Schema: von der KP ernannte Bischoefe muessen per se schlecht und nicht vertrauenswuerdig sein. Da wird gar nicht darauf geschaut, welche Arbeit diese wirklich verrichten...denn dann koennte man vielleicht sogar feststellen, dass die eine bessere Arbeit ableisten, als irgendein vom Papst ernannter bischoeflicher? Jetzt nur mal in den Raum gestellt.
Stichwort "Vertrauen": Warum sollte jemand, der der KP vertraut, kein Vertrauen zu einem durch die KP eingesetzten Bischof haben? Oder umgekehrt, warum sollte jemand, der dem Papst nicht traut, einem von ihm ernannten Bischof trauen? Das "Vertrauen" als Wegmarke fuer "Religionsfreiheit" ist denkbar ungeeignet, denn die von mir hier angefuehrten Gedankenspiele bestehen theoretisch, aber werden - eben typisch westlich - direkt fuer abwegig gehalten. Und da sage noch einer, wir im Westen waeren objektiv und nicht voreingenommen.
Ich beurteile nicht alles nach westlicher Perspektive. Aber wenn jede Organisation vom Staat kontrolliert werden muss, bedeutet das wohl im Umkehrschluss, dass die Regierung es als ihr Recht ansieht, die Gedanken und Äußerungen ihrer Bürger komplett zu kontrollieren.
Ja, wenn man es in einem Negativismus sehen moechte. Positivistisch gesehen koennte man aber auch sagen, dass die Regierung in China eben alles unternimmt, um groesstmoeglichen Schaden vom Volke abzuwenden. Dazu gehoert es auch, Organisationen zu kontrollieren, um eventuellen, die Staatsordnung gefaehrdenden und destabilisierenden Entwicklungen vorbeugen zu koennen. Problem: Der Westen befleissigt sich einer sehr negativen Sichtweise in bezug auf die chinesische Regierung (ist ja auch der olle Systemfeind!), waehrend sich die KP selbst natuerlich bis zum Erbrechen im positiven Lichte glaenzen sieht (sozusagen als der atheistische Messias!).
Bedenke: Es gibt auch keine unabhängigen Gewerkschaften und ähnliches. Und solche Dinge wie Bürgerinitiativen (z.B. gegen ein geplantes AKW) werden meines Wissens als "Widerstand gegen die Staatsgewalt" angesehen und entsprechend sanktioniert. Und ich weiß nicht, ob so eine Einstellung von "der Staat darf alles, wenn's der Staatsraison dient" wirklich traditionell chinesisch ist oder nicht doch eher kommunistisch.
Nein, Buergerbegehren gibt es schon in einer gewissen Form, jedoch sind die Huerden vor einem solchen Begehren enorm und betreffen zumeist lokale Angelegenheiten, wie Verschoenerung der Wohnanlage und aehnliches. Auch ist die Erfolgschance ungleich geringer. Uebrigens darin Deutschland nicht ganz unaehnlich, denn da duerfen ja Buergerbegehren sich auch nur auf regionale oder lokale Angelegenheiten beziehen, wie den Bau einer Moschee in der Nachbarschaft oder aehnliches. Was die Gewerkschaften betrifft, wird meines Wissens nach - vor dem Hintergrund der Tragoedien bei Foxconn und den Zustaenden bei Honda - derzeit in China daruber diskutiert betrieblichen Gewerkschaften mehr Unabhaengigkeit einzuraeumen. ic hsag mal: 慢慢来.
Diese "Staatsphilosophie", von der du sprichst, ist uebrigens nicht "kommunistisch" in dem Sinne, denn sie folgt schlicht und ergreifend einer alten chinesischen Denkrichtung, dem sich schon die alten Konfuzianer feindlich gegenueber sahen: Dem Legismus mit dessen Oheim, Guan Zhong (725 - 645 v.u.Z.), der durch andere Theoretiker (eigentlich eher Praktiker) wie Xunzi (313 - 238 v.u.Z.), Han Feizi 280 - 233 v.u.Z.) elaboriert und von Li Si (280 - 208 v.u.Z.) unter dem ersten Kaiser zur absoluten Staatsraeson erhoben worden ist. Alle anderen Dynastien haben in der Folge wesentliche Elemente des Legismus, insbesondere die institutionelle Ausformung mit dem ganzen Beamtenapparat, uebernommen. Bereits der Konfuzianismus der Han-Zeit (ca. 206 v. - 220 n.u.Z.) - und erst in der Han-Dynastie wird der Konfuzianismus zur vorherrschenden Staatsdoktrin - ist bereits kein reiner Konfuzianismus mehr, sondern eine Vermischung des urspruenglichen Konfuzianismus mit legistischen und kosmologischen (Yin-Yang-Schule) Ideen. Eine geniale "Erfindung", die auf den Gelehrten Dong Zhongshu (179 - 104 v.u.Z.) zurueckgeht und das politische Leben Chinas bis in die Gegenwart hinein gepraegt hat (der Vergleich Mao Zedongs mit Qin Shihuangdi kommt nicht von ungefaehr).
Nachtrag: Damit kein Missverstaendnis aufkommt, aber Guan Zhong ist nur Pate des Legismus bzw. repraesentiert den ersten Schritt hin zu einer "Oekonomisierung" der politischen Macht. Er selbst wuerde sich kaum als Legisten gesehen haben, zumal der Begriff "Legismus", also "Gesetzesschule", eine spaetere Wortschoepfung ist. Auch Xunzi selbst wuerde fuer sich verneinen, dass er Legist sei, da er sich selbst als Konfuzianer sah, der aber nunmal in seinen Schriften wesentliche legistische Tendenzen aufweist. Der demnach erste "reine" Legist, der in diesem Bewusstsein auch handelt und schreibt, waere Han Feizi - sozusagen der God-Father of Legismus - der aber einer Intrige seines Schuelers und "Neidhammels" Li Si erlegen ist.
Sorry, fuer den historischen Ausflug, aber mir war als ollem Sinologen gerade danach...man, habe mich schon lange nicht mehr mit sowas beschaeftigt *schnueff*
