TaugeNix hat geschrieben:Jedoch: nun stelle dir mal vor, du lebst in einem Land, und dieses Land wird unaufhörlich kritisiert. Dieses Land ist momentan stolz auf bisher erreichtes, und bekommt statt eines Lobs und Tadel eigentlich ausschliesslich Tadel, Beschimpfungen, mitunter Hass entgegen geworfen.
Ich lebe in einem Land, das ständig von China getadelt wird und nicht nur das, also funkt das Argument bei mir auch irgendwie nicht.
TaugeNix hat geschrieben:Ich beziehe mich hier jetzt nur auf einige Medien, aber viel mehr beziehe ich mich auf den normalen Nicht-Chinesen, der (und das dürften vielleicht 98% der nichtchinesischen Weltbevölkerung sein) noch nie in China gewesen ist.
Du wirst die Welt nicht bekehren können, eher wirst du daran zu Grunde gehen und verbittert enden. Verstehe nicht, wie du die Meinung von Leuten, die keine Ahnung haben ernst nehmen kannst.
TaugeNix hat geschrieben:Was ich von diesen Medien lese und diesen Menschen höre, ist teilweise eine Beleidigung jedes einzelnen (!) Chinesen, das ist keine Kritik mehr, auch keine Schmähkritik, sondern bisweilen oben genanntes.
In meinen Augen Paranoia. Ich halte das chinesische Volk für durchaus in der Lage mit Kritik umgehen zu können, wenn es sich denn frei über deren Hintergründe informieren könnte. Dass diese Hintergründe nicht über alle Maßen glänzen, braucht zwischen uns beiden wohl nicht mehr erwähnt zu werden, aber so pechschwarz wie du sie hier darstellt sind sie sicherlich nicht.
TaugeNix hat geschrieben:Dass die Chinesen es nun teilweise persönlich nehmen, kann ich verstehen. Denn immerhin gilt (eigentlich nur) ihnen der Verdienst, aus einem abgeschotteten Land mit extremer Armut (usw..), ein Land gemacht zu haben, in der es der Mehrheit nun besser (wie auch immer man besser definiert) geht. Dass nicht alles so ist, wie es sein sollte: bitte, dass wissen sie selbst und leiden auch sehr darunter. Aber ihnen jeglichen Fortschritt abzusprechen, insbesondere allein mit oben genanntem zu agieren, halte ich nach wie vor für beleidigend.
Würde ich als Deutscher im Übrigen auch.
Bei deiner Argumentation habe ich irgendwie das Gefühl, dass du die z.T. von dir verlinkten Artikel der FAZ vorübergehend vergessen hast. Es gibt doch genügend Beispiele für eine faire Berichterstattung. Wo tauchen diese Beispiele übrigens in der chinesischen Presse auf? Es stimmt schon. Wenn ich nur das Negative weiterleite, kann auch nichts anderes als ein negativer Eindruck entstehen.
Ich gehe aber davon aus, dass du dich bei den Auslösern deiner Kritik per Leserbrief oder anderer Beteiligung mal gemeldet hast. Hier im Forum werden deine Aussagen ziemlich wenig an der allgemeinen Situation ändern.
TaugeNix hat geschrieben:Denn bei den meisten Menschen hat die Kritik die Ebene einer wertvollen Kritik schon längst verlassen. Warum auch immer..
Und auf der anderen Seite bin ich froh, dass Kritik überhaupt noch in China ankommt - so selbstbewusst wie andere Länder und Ohren auf Durchzug, wäre das eine Alternative?
Siehe oben, die Kritik kommt nicht nur an, sie wird auch gut für eigene Zwecke genutzt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass du einer der ersten hier im Forum warst, die sich aus der Tibet Diskussion aufgrund der heftigen Reaktionen wegen dieser durchgelassenen Kritik zurückgezogen haben, genau so wie ich. So ganz froh darüber kannst du also doch nicht sein.
TaugeNix hat geschrieben:Darf ich dich daran erinnern, wie "gut" mein Chinesisch ist?

Wenn die Propaganda allerdings auch mich erreicht, dann ist sie wirklich gut..

Sie erreicht dich, davon bin ich ziemlich überzeugt. Ob das zum Lachen ist, musst du selbst entscheiden.
TaugeNix hat geschrieben:Naja, dass mit dem "drüberstehen" ist einfacher gesagt als getan.
In China war es leicht, da konnte ich dem allem aus dem Weg gehen. Hier in Deutschland ist es schon weniger leicht.
Versteh mich nicht falsch, ich will ja nicht nur "Liebesgedichte" an das "schönste Land" der Welt lesen, das wäre absurd. Jedoch gilt nach wie vor, dass auch das Gegenteil der "Wahrheit" nicht gerrecht wird. Aber nur dieses Gegenteil oftmals praktiziert wird.
Und ich deshalb bei vielen Dingen reflexartig reagiere - einfach weil ich es in einem Zusammenhang sehe, den du so nicht sehen kannst, da wir einfach verschiedene Hintergründe und v.a. Interessen haben.
Kann ich nur leicht mit den Schultern zucken. Wie ebenfalls schon eben beschrieben, du wirst es nie ändern können, deswegen nach wie vor meinen Rat an euch eure Zukunft nicht langfristig in Deutschland zu suchen. Besser wird die von dir angesprochene Situation nämlich sehr wahrscheinlich nicht.
TaugeNix hat geschrieben:Humm.. Ich glaube kaum, dass die Menschen, die sich für Veränderungen in China einsetzen, nicht wollen. Und auch ich möchte von mir schon oftmals kritisierte Punkte gerne ändern. Aber zwischen "wollen" und "können" liegt eine ganze Menge.
Interessieren würden mich die Gründe, warum du es nicht kannst. Die Menschen in China wissen doch angeblich, was nicht so gut läuft. Wenn du zudem die Menschen noch überzeugen kannst, dass Veränderungen ihr Leben noch positiver gestalten können, wo liegen dann noch die Hindernisse?
TaugeNix hat geschrieben:Insgesamt möchte ich sagen: Kritik ist gerechtfertigt, Lob aber ebenso.
Wie was in welchem Maße geschieht, und warum, passt eben dem einem, dem anderen nicht.
Und da ich nunmal eine andere Erfahrung gemacht habe, als z.B. Dennis (wie lange warst du eigentlich jemals im Mainland?), sehe ich manche Dinge anders, so wie Leute mit anderen Erfahrungen (ich war noch nie auf Taiwan) eben andere Erfahrungen dort gemacht haben.
In deinem Fall reichen deine Erfahrungen aber aus, um das Selbstbestimmungsrecht von 23 Millionen Menschen in Frage zu stellen. Versuch mir das mal gegenüber China vorzuwerfen. Im Übrigen bin ich wohl eher als du in der Lage Unterschiede speziell zwischen Taiwan und China festzustellen zu können ohne auf beiden Seiten gleichzeitig gelebt zu haben. Und warst nicht du derjenige, der sich zeitweilig mal für Taiwan interessierte, es aber dann nicht sehr lange verfolgt hat? Find ich schade, dass du aufgrund dieser Tatsachen versuchst, meine Berechtigung an Kritik in Frage zu stellen.
TaugeNix hat geschrieben:Meine Reaktionen sind hin und wieder deshalb "falsch", weil ich diese ständige Kritik und auch den teilweisen dumpfen Hass (nicht unbedingt hier im Forum) einfach nicht so unkommentiert stehen lassen kann, da sonst der Eindruck entsteht (zumindest bei mir), dass es eigentlich überall besser ist, ausser in dem Land, dass ich persönlich für liebenswert (aber bei weitem nicht als perfekt und schon gar nicht über jeden Tadel erhaben) erachte.
Was ja vollkommen okay ist. Nur bei mir verfestigt sich immer mehr der Eindruck, dass du bei kritischen Dingen die du selbst unterstützt zwei Gänge zurückschaltest, damit dein Image des Chinaliebhabers bloß keinen Schaden nimmt.
Und abschließend mal die Frage meinerseits: Bist du der Ansicht, ich würde China hier meinen dumpfen Hass entgegenschleudern? Empfindest du meine Kritik (...die teilweise auf Quellen beruht, die du im Moment nicht nachvollziehen kannst) unberechtigt? Sollte ich mich mir, zum Wohle meiner Frau und meiner Kinder (...die, was ich jetzt entschieden habe in Taiwan aufwachsen sollen) nicht Gedanken machen, was sich in China alles zum Guten verändern könnte und dieses so deutlich wie möglich ansprechen?? Geraden zu den Leuten, die zukünftig mehr Einfluss auf die chinesischen Bürger haben werden als ich? Ich hoffe, dass Jiran und du euch eines Tages über die genau dieselben Dinge konkret Gedanken machen könnt, wie es meine Frau und ich zur Zeit machen müssen und machen wollen. Du kennst meine Geschichte besser als jeder andere hier im Forum, deswegen weiß ich, dass du diesen Hinweis sehr gut nachvollziehen kannst.