Petermedia hat geschrieben: 05.10.2022, 19:41
@ Tom
..kommt mir das ganze zu einseitig rüber
"Einseitig ..."
Offen gesagt, stelle ich all dies verbal schwächer da, als es ist.
Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass je ein Industriestaat vor solch einer Vielzahl gravierender Probleme stand.
Vielleicht kann man es noch mit Japan vergleichen.
Wir erinnern uns: Japan hatte nach dem Zweiten Weltkrieg ein ähnliches "Wirtschaftswunder" wie Deutschland, auch ohne Maschall-Plan. Und kam besser durch die Ölkrise als andere. Jahrzehntelange Vollbeschäftigung, ein geradezu
extremer Aufstieg in Bildung, Beschäftigung, Innovation und Effizienz der Wirtschaft.
China kann hier sehr viel lernen, wenn es nur könnte.
In den 1980er Jahren wurde Japan durch Dynamik und Innovationsfähigkeit
"Motor" der Weltwirtschaft, Technologieführer besonders in der Hightech- und Elektroindustrie, später auch Automobilindustrie.
Das "Wirtschaftswunder" in Japan ließ das deutsche "Wunder" hinter sich.
Japans BIP war 1990 fast doppelt so hoch wie in Deutschland, die durchschnittlichen Löhne waren dreimal so hoch wie in Deutschland.
Der Yen wurde Weltwährung und neben dem USD die wichtigste Währung der Welt. Längst reichten die Arbeitskräfte nicht mehr und Singapur, Malaysia und Südkorea wurden zur "verlängerten Werkbank".
1990 war Japan der Klassenprimus !
Zu diesem Zeitpunkt verlegte China gerade Stromkabel in Haushalte mit 3 Ampere Anschlusswert
Danach kam die Japan-Krise.
Die Gründe:
Mitte der 80er Jahre begann die japanische Zentralbank die Leitzinsen zu senken, Geld war billig zu haben. Ab 1987 wurden die letzten Staatsunternehmen an die Börse gebracht und sorgten für einen Börsenboom. Gleichzeitig verließ die Regierung nach 40 Jahren ihren bewährten Kurs und beschloss hohe öffentliche Investitionen, obwohl dies nicht nötig war, da die boomende Wirtschaft keiner Unterstützung bedurfte.
Ende der Achtziger Jahre hatte der Boom gigantische Ausmaße angenommen.
Die Immobilienpreise hatten sich in 8 Jahren mehr als vervierfacht.
Der Börsenboom sorgte dafür, dass Großunternehmen ihre eigenen Grundstücke beliehen (also Schulden machten) und an der Börse investierten. Auch Immobilienfirmen beliehen ihre Grundstücke und unfertigen Bauten, 120% war keine Seltenheit. Überall wurde investiert, auf Pump.
Niemand dachte daran, dass diese Preisspirale mal ein Ende nehmen könnte.
Ab 1988 kam erste Arbeitslosigkeit auf, weil immer mehr Rationalisierungen griffen. Viele Familien konnten sich aufgrund der hohen Preise keine eigene Wohnung mehr leisten und mussten mit teureren Mietwohnungen vorlieb nehmen, was die Kaufkraft einschränkte. Zudem wuchs auch die innere Staatsverschuldung stetig an und erreichte im Jahr 1988 bereits die Hälfte des Bruttosozialprodukts. Allein die Tilgung der Zinsen erforderte damals fast ein Fünftel der Staatsausgaben.
Während die Nationalbanken in den USA oder Deutschland 1987/1988 die Leitzinsen wieder anhoben, tat dies Japan
nicht.
Spätestens Mitte 1990 erreichte Japan die
Schuldentragfähigkeitsgrenze. Erstes sichtbares Zeichen dafür waren
kleinere Banken, denen die Insolvenz drohte.
Verzweifelte Versuche der Zentralbank, den Leitzins in großen Schritten nach oben zu ziehen, zeigten viel zu spät eine Wirkung.
Die hohen Zinsen führten zu zahlreichen Insolvenzen, auch bei Banken. Die Börse implodierte in den kommenden Monaten förmlich.
Grundstücks- und Hauspreise fielen um 75%.
Banken saßen auf ihren faulen Krediten, deren Höhe die des Wertes der hinterlegten Grundstücke und Gebäude weit überstieg. Faktisch waren so viele Banken und Unternehmen durch Insolvenz bedroht, dass dies von der Regierung durch Gesetze 1991 gestreckt werden musste.
Japan stürzte in eine 13-jährige Rezession.
Glück im Unglück hatte Japan mit seinen auf Weltniveau ausgebildeten Arbeitskräften, sehr gute Universitäten, hoher Diversifizierung der Wirtschaft, hunderten von internationalen Patenten und Disziplin der Unternehmen und Arbeitnehmer.
Trotz der Rezession war die Arbeitslosigkeit moderat und lag meist deutlich unter der deutschen Quote.
Der Primus Japan war an seinen Schulden gescheitert.
Die Regierung hatte sich auch in Boomzeiten gigantisch verschuldet, hatte zugelassen, dass die Geldmenge durch leichtfertige Kreditvergabe ständig größer wurde, dass die Immobilienpreise auf Rekordhöhen stiegen, die sich keiner mehr leisten konnte, hatte erste Bankenpleiten nicht genügend ernst genommen, hatte die rasch ansteigende Arbeitslosenzahl ignoriert. Die Zentralbank senkte Leitzinsen, während die Welt in der Gegenrichtung unterwegs war.
Also damals genau das gemacht, was China heute macht.
Mit dem Unterschied, dass Japan ein sehr hochentwickeltes Land war, mit einer innovativen, kreativen, leistungsfähigen und wettbewerbsfähigen Wirtschaft, auffangenden Sozialsystemen, weltweit bekannter Forschung und hochgebildeter Bevölkerung.
Alles, was China nicht hat.
Deshalb traut man China ein "soft landing" nicht (mehr) zu.
Zudem sind die Zahlen, über die wir heute sprechen, gegenüber der damaligen Situation "peanuts".
Auch die 200 Mrd EURO welche Deutschland einsetzen will, um die Folgen des russischen Überfalls zu mildern, sind kaum erwähnenswert, wenn man sie mit den zig Billionen vergleicht, die Beijing in den letzten Jahren verballert hat.
Und China hat ja nicht nur eine Schuldenkrise, sondern auch eine Finanzkrise, Wirtschaftskrise und Vertrauenskrise.
Und "Zero Covid", also das Einsperren von Bürgern um ein Virus auszusperren. Selbst meine Tochter kann darüber nur noch lachen.
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In den späten 1990er Jahren hatten natürlich auch noch andere Staaten Problem, als der Massenmörder und Terrorist Saddam Hussein den Nachbarn Kuweit überfiel, den ersten Golfkrieg auslöste und damit eine weltweite, kleinere Rezession.