"Es ist nicht verbreitet in China, eine Nummer im Bus oder im Restaurant "oefter" einfach zugesteckt zu bekommen. "
Okay, zu Beginn meines Textes hier ein Hinweis: Weder ist mit den nächsten Zeilen eine Selbstbeweihräucherung verbunden, noch finde ich mich sonderlich herausragend gegenüber anderen europäischen Männern. Ich möchte euch jediglich als Durchschnittskerl meine Erlebnisse zu diesem Thema erzählen.
Ich weiß ja nicht wie das inzwischen in China so abläuft, aber als ich vor etlichen Jahren als 20-jähriger in Beijing, Jilin und Tsingdao weilte, war das Zustecken von Zetteln oder Ansprechen in Bars, auf der Straße, beim Einkaufen keine Seltenheit. Sowohl mir, als auch anderen Kerlen aus meiner Sprachschule passierte dies öfters. Warum, weiß ich nicht, jedoch denke ich, dass ich mit langen blonden Haaren und einer Größe von 1,98m auch ziemlich aus der Masse herausstach.
Ein guter Bekannter den ich in Tsingdao kennenlernte war immer ganz aufgelöst deswegen, weil er nie so direkt angesprochen/angegangen wurde. Er war Amerikaner, kurze schwarz gelockte Haare und etwa 1,70m groß. Er passte wohl nicht ganz in das Schönheits- bzw. Exotenideal dieser Zeit und musste immer hart kämpfen um von den chinesischen Damen beachtet zu werden.
Der Punkt ist jedoch, dass private Telefonnummern oder "Datingzettel" (Willst du mit mir gehen? Ja, nein?) auch in China vorkommen und zwar gar nicht so selten, wie mancher es denkt. In 1,5 Jahren habe ich einige dieser Zettel gesammelt, mündlich angesprochen wurden wir allerdings noch sehr viel mehr.
Zum Thema Prostitution in China:
Vielleicht hat sich ja nach der Olympiade einiges geändert, aber wenn ich daran denke, dass man als Ausländer 2003/2004/2005 allein in SanLiTun (Beijing) und anderen Städten oder Vierteln mit hoher Kneipendichte permanent mit: "Massage, Massage?", "Beautiful Girls", "Do you want to KTV?", etc. beschallt wurde... da fällt es schwer zu Glauben, dass einige hier noch keinerlei Prostitution in China erlebt haben wollen.
Ich bin aus Kuriosität und jugendlichem Leichtsinn einmal auf solch ein "Massage, Massage" Angebot eingegangen. Zwei Freunde sind zusammen mit mir und dem chinesischen "Ausrufer" zwei Blocks weiter in ein sehr ansehnliches Gebäude rein und dort mit dem Fahrstuhl in einen Mix aus Massagesalon/KTV/Puff. Die Damen dort waren sehr ahnsehnlich und zu meinem Erstaunen waren wir die einzigen drei Ausländer dort. So wie es aussah entspannten sich im dortigen Wellnessbereich Geschäftsmänner in Anzügen, aber auch Chinesen der unteren Mittelschicht.
Alles lief sehr freundlich und förmlich ab. Und nein, ich hatte keinen Sex diese Nacht. Ich war schon zu Müde und Alkoholisiert, sodass eh nichts mehr drin gewesen wäre. Ich habe mich dann mit einer Dame in eine Karaokenische verzogen und Erdnüsse gefuttert, während sie (zu meinem Erstaunen) wirklich gut chinesische Lieder gesungen hat. Eine Stunde später, Katsching: 300RMB weniger im Portemonnaie.
Ich könnte jetzt noch mehr berichten, von wilden Nächten im Uni-Wohnheim, Damen vom Straßenstrich die sich als brave Töchter von Geschäftsmännern entpuppten, Roomservice der anderen Art, überraschende Friseurbesuche, einem chinesischen Luden, der zwei ganze Wagenladungen voller Mädchen antanzen ließ (seine Visitenkarte habe ich heute noch), reife Chinesinnen die etwas Abwechslung suchen, Sportsbars in denen Sport eine neue Bedeutung bekommt, etc. aber das lasse ich lieber. Es werden ohnehin wieder einige User hier Moralapostel spielen und mit der "Westlichen Barbarenkeule" kommen.
Folgende Aussagen und Urteile fallen hier ja sehr schnell und sehr oft:
- "Wie konntest du nur? Abartig!"
"Typisch Laowei!"
"Sowas machen nur die hässlichen Chinesinnen, die schönen bleiben zu Hause am Herd oder Lernen fleissig."
"Nein, MEIN China sieht aber ganz anders aus!"
"Was, sowas in China? Unmöglich! Nein, die KPCh lässt sowas nicht zu."
"Das waren böse Chinesinnen, gute machen sowas nicht."
Dazu kann ich nur sagen, jeder erlebt China anders. Bevor ich meine chinesische Ex-Freundin kennenlernte (mit der ich fast 3 Jahre zusammen war), hatte ich eine sehr wilde Zeit in China. Aber und das möchte ich Unterstreichen,
dies ist KEINE typisch westliche Besonderheit! Sex, Prostitution und wildes Nachtleben gibt es überall auf der Welt und das schon seit ewigen Zeiten. China, wie auch jedes andere Land dieser Erde, besteht aus mehr als nur seiner Kunst, der Sprache, dem Essen oder der KPCh. Egal wo ihr euch auf der Welt befindet, es gibt immer junge Menschen (und natürlich auch ältere) die Feiern möchten und auf mehr als nur einer Tasse Tee aus sind. Die Frage ist nur, wie wird damit umgegangen? Was uns zur Ausgangsfrage des TE führt. Ich bin der Meinung, dass es in China nicht anders ist als hier. Bürokraten sehen das horizontale Gewerbe vielleicht als Dienstleistung, vielleicht auch manche Ehefrau, aber generell ist es doch eher eine Erscheinung die sehr abhängig von den betroffenen Personen ist. Statussymbol? Zwang? Drang? Oder doch eher Flucht aus dem Alltag?
Ich würde nicht sagen, dass es als Serviceleistung eher akzeptiert wird als anderswo auf der Welt.
Edit: Wer sich derzeit in Beijing aufhält und wirklich noch nie Prostitution in China mitbekommen hat, der kann ja mal eine Abstecher in "Maggie´s Bar" machen. Ich glaube nirgendwo in China werdet ihr einen offenkündigeren Fall von Prostitution finden als dort. Mein Fall war es nicht, aber vielleicht gefällt es ja jemanden hier. Obwohl die Hot Dogs und das Billiard da nicht übel sind.
http://www.maggiesbar.com/