Chinesische Soziolekte

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Chinesische Soziolekte

Beitrag von rundherum » 13.01.2016, 11:11

Ich finde die Frageob es soziolekte in China gibt, eigentlich auch interessant. Der entsprechende Thread ist leider gelöscht worden als ich diesen Post schrieb, aber ich würde es dennoch gerne diskutieren.

Soziolekte im erweiterten Sinn spielen doch durchaus auch eine wichtige Rolle in China. So geniesst z.B. das "saubere" Pekinger Hochchinesisch in der chinesischen Gesellschaft ein höheres Ansehen als beispielsweise ein ländlicher Süd-Sichuan Dialekt. Abgesehen davon gibt es, wie von Laogai bereits angedeutet, viele Ausdrücke, die in gehobener Gesellschaft nicht gebraucht werden. So z.B. der Ausdruck "老子" für "Ich".

Mir wäre jedoch, abgesehen von der Wortwahl und den geographischen Dialekten, kein Soziolekt im Sinne einer unterschiedlichen Aussprache innerhalb eines Dialektes zur demonstration der sozialen Zugehörigkeit aufgefallen. Der Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg scheint in China auch weniger argwönisch betrachtet zu werden als in oxidentalischen Gesellschaften. Dies könnte mit dem Zeitgeist zu tun haben, da sich in China erst seit den 1980ern eine gesellschaftlich relevante Elite bilden konnte und gesellschaftlicher Aufstieg noch jedem möglich ist - während es in Europa eher selten ist, dass ein Arbeiterkind in die Oberschicht aufsteigt, da der Aufstieg oft mehrere Generationen dauert.
Somit gibt es auch keinen "Arbeiterstolz" - wer Arbeiter oder Bauer ist hofft zu recht immer noch, auch schnell reich und erfolgreich zu werden (暴富).
Weiss jemand, wie das im alten China, als die Gesellschaft statischer war, aussah? Gab es da Soziolekte im westlichen Sinne?
Laogai: "Zum "Assi-Slang" in Deutschland gehört auch die Verwendung von "Mandarin" als Bezeichnung für die chinesische Sprache. Von daher bin ich mir nicht sicher ob das, was ich im Folgenden schreibe, intellektuell bei dir ankommt."
Was ist denn das Problem mit dem Ausdruck "Mandarin"? Deutsch ist zwar nicht meine Muttersprache, aber mir wäre nicht aufgefallen, dass sich der Ausdruck "Mandarin" einem bestimmten Soziolekt zuordnen liesse. Gibt es da regionale Unterschiede in Deutschland?

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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von Grufti » 13.01.2016, 13:45

rundherum hat geschrieben:
Laogai: "Zum "Assi-Slang" in Deutschland gehört auch die Verwendung von "Mandarin" als Bezeichnung für die chinesische Sprache. Von daher bin ich mir nicht sicher ob das, was ich im Folgenden schreibe, intellektuell bei dir ankommt."
Was ist denn das Problem mit dem Ausdruck "Mandarin"? Deutsch ist zwar nicht meine Muttersprache, aber mir wäre nicht aufgefallen, dass sich der Ausdruck "Mandarin" einem bestimmten Soziolekt zuordnen liesse. Gibt es da regionale Unterschiede in Deutschland?

Mir ist auch ziemlich schleierhaft, wieso Laogai zu dieser seiner Ansicht kommt.... :roll:

Wie aus Wikipedia zu erfahren ist, ist "Mandarin" der englische Ausdruck für "Nordchinesische Dialekte (Bedeutung im Englischen)


getz fehlt nur noch, dass Laogai alle Leute, die "Taiwanesisch / Taiwanese (das kommt auch aus dem Englischen :!: )" verwenden, ebenfalls zu "Assis" erklärt....


geht´s noch ????
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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von ingo_001 » 13.01.2016, 15:24

Vielleicht wurde sein Account gekapert?
Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist.

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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von Ajiate » 13.01.2016, 16:11

Ich erinnere nicht den Vorbeitrag, auf den sich Laogai bezieht und kenne mich auch nicht aus.
Er hat "Assi-Slang" in Anführungszeichen gesetzt - also zitiert . Vielleicht meint er das hier:

'Das Hochchinesische seinerseits heißt übrigens auch nur in einigen europäischen Sprachen "Mandarin". Auf Hochchinesisch sagt man "Putonghua", Normal- oder Standardsprache, die weitgehend mit dem in Peking gesprochenen Dialekt identisch ist."
hier aus:http://www.taz.de/!5172122/

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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von GigiPineapple » 13.01.2016, 17:48

Ich denke auch, dass es ihm darum ging, dass Mandarin ein veralteter Ausdruck ist. Putonghua wäre heutzutage eher angebracht. Das hat auch punisher2008 bereits des Öfteren kritisiert.

Ähnlich wie wenn man Tsingtau, Kanton, Peking, Szechuan, etc schreibt
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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von rundherum » 13.01.2016, 18:44

Ich denke auch, dass es ihm darum ging, dass Mandarin ein veralteter Ausdruck ist. Putonghua wäre heutzutage eher angebracht. Das hat auch punisher2008 bereits des Öfteren kritisiert.

Ähnlich wie wenn man Tsingtau, Kanton, Peking, Szechuan, etc schreibt
Putonghua ist doch einfach der chinesische Ausdruck für Mandarin - warum sollte man das jetzt plötzlich übersetzen?

Bei den Städtenamen ist es verständlich, dass Sinophile eine Änderung fordern - hier werden englische Romanisationen der kantonesischen Aussprache durch die nordchinesische Aussprache mit einer neuen Romanisation der Volksrepublik ersetzt, was ja eine gewisse politische Dimension hat. Aber auch hier wäre es doch etwas anmassend zu sagen, die alte Romanisation sei "falsch" - gerade im Falle Kantons, wo die alte Romanisation die Aussprache der Lokalbevölkerung viel besser wiedergibt wie Pinyin.

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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von Ajiate » 13.01.2016, 19:20

Ganz so einfach ist es wohl nicht.
Hier ein interessanter Beitrag zu diesem Thema:

http://www.shanghaiexpat.com/phpbbforum ... 21802.html
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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von Grufti » 13.01.2016, 22:07

GigiPineapple hat geschrieben:Ich denke auch, dass es ihm darum ging, dass Mandarin ein veralteter Ausdruck ist. Putonghua wäre heutzutage eher angebracht. Das hat auch punisher2008 bereits des Öfteren kritisiert.

Ähnlich wie wenn man Tsingtau, Kanton, Peking, Szechuan, etc schreibt
Erzähl mal einem Deutschen, der mit China nix am Hut hat, dass Du "Putonghua " lesen sprechen oder beides kannst.

Der wird dich ansehen wie ein lebendiges Fragezeichen, aber wenn du ihm sagst, dass das Chinesisch ist , wird er zu 99 % ein Grosses Aha-Erlebnis haben und fragen, ob das das gleiche wie Mandarin sei.


MANDARIN ist ein Wort, das nur Leute benutzen, die keine "Insider" sind,' aber daran einen "Assi" -"Status" festmachen zu wollen -- egal ob mit oder ohne "" ist Blödsinn :!:


Die "altertuemliche〞Schreib/Sprechweise von geografischen Bezeichnungen ist mir immer noch lieber, als wenn etwas komplett verkorkstes dabei herauskommt:

Kanton ist fuer mich akzeptabler als "Guansu" , Tsingtao 100 mal besser als "Kwingtao"
**Kotz-Smiley**

Gottseidank arbeitet der Kollege, der das täglich x mal verwendet,am anderen Ende unseres Büros also ca 30 m von mir entfernt (mit 3 Buerotischgruppen dazwischen)
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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von Linnea » 13.01.2016, 23:08

rundherum hat geschrieben:Weiss jemand, wie das im alten China, als die Gesellschaft statischer war, aussah? Gab es da Soziolekte im westlichen Sinne?
Allein die Fähigkeit zu schreiben, könnte man bereits als Soziolekt auffassen, die sie passend auszudrücken (vor Gericht mussten Anklageschriften z.B. möglichst kurz gehalten werden) als einen weiteren, was bei Beamtenprüfungen gefordert war unterschied sich ebenfalls vom 白话. Kommt das ungefähr in die Richtung, die von dir angedacht wurde?

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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von Laogai » 13.01.2016, 23:10

Beruhigt euch bitte wieder :D! Mein von rundherum zitierter Ausspruch richtete sich an Burkhardt den 250sten (二百五) und war natürlich nicht ganz ernst gemeint :wink:

Wobei ich die Bezeichnung Mandarin schon für antiquiert halte und unpassend finde. Hochchinesisch wäre adäquater und auch für Deutsche, die nichts mit China am Hut haben, wesentlich verständlicher. Findest du nicht auch, Grufti?

Aber das nur am Rande, denn das eigentliche Thema lautet chinesische Soziolekte (uiuiui, dass ich auf meine alten Tage auch neue Fremdwörter lernen darf :D)! Das sollte hier behandelt werden und ich finde es sehr spannend. Auch wenn ich selbst nicht viel dazu beitragen kann, dazu fehlt mir das soziologische und linguistische Wissen :(

Der Ansatz von rundherum klingt sehr interessant, den muss ich mir mal in einer ruhigen Minute durch den Kopf gehen lassen.
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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von Laogai » 13.01.2016, 23:15

Linnea hat geschrieben:
rundherum hat geschrieben:Weiss jemand, wie das im alten China, als die Gesellschaft statischer war, aussah? Gab es da Soziolekte im westlichen Sinne?
Allein die Fähigkeit zu schreiben, könnte man bereits als Soziolekt auffassen [...]
Wie ich gerade gelernt habe bezieht sich Soziolekt allein auf die Sprache, nicht auf die Schrift :idea:
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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von Linnea » 13.01.2016, 23:20

Das Chinesische unterscheidet aber weitaus mehr als beispielsweise das Deutsche zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, sowohl was den Wortschatz angeht als auch was die Grammatik betrifft. (In vormodernen Zeiten noch viel mehr als heute). Von daher dürfte das ein Grenzfall sein, den die westliche Linguistik einfach nicht wirklich betrachten muss (?) (rundherum, was meinst du?).

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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von Laogai » 13.01.2016, 23:36

Linnea hat geschrieben:Das Chinesische unterscheidet aber weitaus mehr als beispielsweise das Deutsche zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, sowohl was den Wortschatz angeht als auch was die Grammatik betrifft.
Dann kann man aber nicht mehr von Soziolekte reden -äh- schreiben :wink:

Lass uns mal bei der Sprache bleiben. Wie du selbst angemerkt hast ist die Schrift im (klassischen) Chinesisch einfach zu weit entfernt von der Sprache.
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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von Laogai » 13.01.2016, 23:41

rundherum hat geschrieben:Der Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg scheint in China auch weniger argwönisch betrachtet zu werden als in oxidentalischen Gesellschaften.
Wie kommst du darauf, dass "der Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg" im Westen argwöhnisch betrachtet wurde oder wird?
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Re: Chinesische Soziolekte

Beitrag von Linnea » 13.01.2016, 23:49

Ein liguistisches Konzept, das von einer indogermanischen Sprache ausgeht, muss dann eben abgepasst oder es muss ein neuer Zweig erdacht werden; eine generelle Ablehnung schriftsprachlicher Varianten konnte ich allerdings nicht wirklich finden, eine abwertende Konotation hingegen schon. Ohne ein gewisses Bildungsniveau, das ohne (erweiterten) Schrifterwerb nicht zu erreichen war, wurden gewisse Vokabeln und Redewendungen vermutlich nicht erlernt, zumindest höchstwahrscheinlich mündlich nicht regelmäßig bis gar nicht verwendet.

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