Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hassen

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markvong
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Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hassen

Beitrag von markvong » 08.02.2013, 01:55

Hallo Forummitglieder....

habe folgendes Problem: Ich bin von meiner Firma wegen meiner Chinesischkenntnisse für vier Jahre nach China geschickt worden. Zwei habe ich bereits hinter mir. Zwei weitere habe ich vor mir. Da ich vietnamesische Wurzeln habe, sehe ich nicht nur asiatisch aus, sondern habe leider etwas Erwartungshaltung zuhause in Deutschland, so dass ich nicht einfach alles abbrechen und einfach nach Deutschland zurück kann.

Das große Problem: Ich hasse China. Als Nation und als Volk. Der einzelne Chinese kann durchaus nett sein und sogar ein durchaus passabler Freund werden. Aber als Gesamtes finde ich die Chinesen einfach nicht menschlich (nicht im positiven Sinne).

Warum sage ich das? Nun, nicht unbedingt, weil mir gleich im ersten Jahr zwei gute Fahrräder trotz Bao-An Schutz geklaut worden sind. Auch nicht, weil in meiner Wohnung innerhalb von zwei Jahren 3x eingebrochen wurde, obwohl es ein bewachtes und vollkommen abgezäuntes Xiaoqu ist und ich die Schlösser regelmäßig austausche. Denn ganz sicher (?) passiert das auch in anderen Ländern....

Auch kann ich es gerade noch ertragen, dass Mann, Frau und Kind (!) die Straßen vollrotzten, Kinder die Straßen vollkacken, Müll einfach suibian auf die Straßen, in Flüssen, auf Seen und in den Park geschmissen werden. Ich habe auch schonmal als Fußgänger aus einem fahrenden Bus heraus eine halbvolle Fangbianmianschüssel ins Gesicht geschmissen bekommen. Alles Geschichten, die Anekdoten werden. Auch darüber, dass Köche, Ärzte und Krankenschwester ihre Hände nach einem längeren Toilettengang nicht waschen, kann ich zuweilen lachen.

Aber ich kann es nicht tolerieren, wenn systematisch Fahrerflucht betrieben wird, Verletzte, sogar Kinder einfach hilflos auf der Straße liegen gelassen werden. Zwei Begebenheiten haben mir den Rest gegeben:
1.) Ein eigener Unfall. Ich fahre bei Grün mit dem Fahrrad über eine Kreuzung als ein Porsche Cayenne ohne Nummerschild bei Rot drüberrauschen will. Der Fahrer sieht mich, bremst scharf, kommt zum Glück stehen - ich werde dennoch leicht touchiert und liege auf dem Boden, die Knie aufgeplatzt. Leute kommen - sie machen Fotos - gaffen - laufen weiter - der Porschefahrer macht einen Bogen, überfährt den hinteren Teil meines Fahrrads und braust wieder davon...

2) Kind wird überfahren: Ein Sanlunchefahrer (Motorisiertes Dreirad) übersieht ein die Straße überquerendes Kind und überfährt es. Das Kind liegt regungslos auf der Straße. Das Sanlunche fährt auf und davon. Ich sehe die Szene von einer Brücke aus, die ein ganzes Stück aufwärts der Straße liegt. Kein Mensch hilft. Ich überlege kurz, ob ich weiterlaufen soll, weil ich bereits befürchte, bei etwas Pech beschuldigt werde, das Kind verletzt zu haben. Dann denke ich, dass ich nach fast zwei Jahren Zeit in China fast genauso pervers wie der Durchschnittschinese denke und raffe mich auf, um zur Unfallstelle zu rennen. Es hat sich mittlerweile eine große gaffende Menschenmenge gebildet, die das Kind anstarrt. Es blutet aus der Stirn und aus der Nase - doch alle Passanten stehen bloß in einem Halbkreis ca 15 Meter entfernt rum. Ich schreie zweimal, "you ren jiao jiuhuche ma?" ("Hat jmd. den Krankenwagen gerufen?") Ob es mein schlechtes Chinesisch war? Keiner reagiert, manche tuscheln nur miteinander. Ich wähle die 120 und tatsächlich, für chinesische Verhältnisse schnelle 20 Minuten später kommt ein Rettungswagen.

In diesen zwanzig Minuten versuche ich Kontakt zum Kind aufzunehmen und es redet sogar mit mir, sagt mir Namen und Alter (9). Letztendlich scheint es nur eine Platzwunde und höchstens die Nase gebrochen zu haben. Bis die Sanitäter kommen, nehme ich eine Hand vom Kind und versuche mit meinem bescheidenen Chinesisch, das Kind zu beruhigen. Ich sage ihm, "jiuhuche mashang lai", "bu yao danxin" und "wo hui yu ni tongzai". Die Sanitäter kümmern sich um das Kind und bringen es in ein nahes Krankenhaus.

Leider darf ich nicht nach Hause, sondern muss mit auf die Polizeiwache und muss aussagen. Es gibt eine lange Diskussion zwischen Polizei und einem Onkel des Kindes - und ich bange die ganze Zeit, ob ich nun beschuldigt werde. Der Onkel des Kindes tritt vor mich, er spricht aber einen Dialekt, den ich kaum verstehe. Verstehen tue ich aber die Polizisten, die fragen, wieviel ich denn bereit wäre zu zahlen...

Es passiert tatsächlich das Worst Case: Anscheinend versuchen die Eltern oder zumindest dieser Onkel mich in Regress zu ziehen. Doch ich bin vorbereitet und habe bereits die Anwaltskanzlei unserer Firma angerufen, die auf den Weg in die Polizeistation sind. Nach einigen Diskussionen zwischen Anwalt, Polizei, Onkel und den Eltern des Kindes im Krankenhaus - und anscheinend auch einem kurzen Verhör mit dem verletzten Kind entscheidet die Polizeistation mich ohne weiteres gehen zu lassen. Das sogar ohne, dass ein Hongbao überreicht werden musste. (Wobei ich nicht so sicher bin, ob unser Rechtsanwalt es nicht doch ohne mein Wissen getan hat). Insgesamt habe ich 4 Stunden auf der Wache verbracht und nochmal eine Stunde im Krankenhaus, wo die Eltern waren. Ich durfte zwar gehen, aber ein Dankeschön gab es natürlich nicht (Wobei die Eltern wohl verständlicherweise sehr durch den Wind waren).

Wenn man es genau nimmt: Im Prinzip ist nichts größeres passiert. Das Kind wird wohl nicht mal eine Woche im Krankenhaus verbracht haben. Doch ich denke, ich erzähle keine unbekannten Gruselgeschichten. Jeder, der die Chinesen kennt und in China lebt; jeder, der sich nicht gerade in China absolut isoliert, weiß, dass es dort echt krank zu geht.

Meine Frage ist, wie soll man das nur aushalten? Wie kann ich das ganze tolerieren und dabei aufhören China als Land zu hassen? Gibt es jmd., der so ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie ich und dennoch das ganze mit Humor oder so nehmen kann?

Bitte nur ernstgemeinte Posts und keiner Haterattacken ala du Rassist. Wenn man diesen Beitrag liest, kann man verstehen, warum ich das geschrieben habe...

Danke schonmal!
Mark

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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von belrain » 08.02.2013, 02:59

Hallo Mark
Ich kann dich gut verstehen, da mich solche Themen ebenso stören, wie dich. Wobei ich zum Glueck bisher nicht in so ein Unfallthema verwickelt wurde wie du.
Mein Vorteil dir gegenüber ist, wahrscheinlich, dass ich China nicht hasse aber auch nicht liebe (wie einige aus dem Forum). Ich betrachte es neutral mit sehr gemischten Gefühlen. Hinzu kommt meine chinesische Frau die, glücklicherweise, auch nicht alles an ihrem Land bis aufs Blut verteidigt - was nicht heißt das es nie vorkommt. Sie hilft mir dabei vieles zu "verstehen". Auch wenn ich manche Dinge nie begreifen werde. Durch meinen Job sehe ich viel in China, manchmal sogar viel mehr als mir lieb ist, aber ich muss eben auch akzeptieren, dass manches in diesem Land ist wie es ist. Ich kann das Land nicht ändern und will mich aber auch nicht kaputt machen lassen. Fuer mich ist aber klar, und das weis auch meine Frau, ich werde hier nicht ewig leben. Und spätestens wenn wir Kinder haben müssen wir uns überlegen, ob wir sie in diesem Land aufwachsen lassen wollen. Vor allem da meine Frau hier die häufigen Lebensmittelprobleme immer öfter anspricht.
Und zu guter Letzt habe ich sicher mehr "Auslaenderbonus" als du, da ich nicht asiatisch aussehe. Dieser zweifelhafte Bonus erfüllt mich nicht mit Stolz aber ich bin froh ihn zu haben, andernfalls würde man mich wahrscheinlich ganz anders behandeln und ich würde ähnlich denken wie du - was verständlich ist.
Einen Rat, wie du mit den Dingen umgehen solltest kann ich dir nicht geben. Jeder Mensch hat eine Schmerzgrenze, und deine ist deutlich überschritten. Wenn du nicht aufpasst, macht dich die Zeit hier kaputt. Du solltest im Zweifelsfall mit deinem Arbeitgeber reden die Zeit in China zu verkürzen. Augen zu und durch hilft nicht.
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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von mario.s » 08.02.2013, 03:36

Hallo Mark,

dass die von Dir geschilderten Ereignisse nicht unbedingt zu Deinem Wohlbefinden in China bei tragen kann ich verstehen und leider wenig dazu bei tragen Deine Situation zu verbessern.

Ich lebe selbst seit fast drei Jahren in China und kann mir glücklicherweise den Ort weitgehend selbst aussuchen. Nichtsdestotrotz gab es auch in dieser Zeit den einen oder anderen Zwischenfall, der einfach anders ab lief als es in der alten Heimat der Fall gewesen wäre. Dass die Polizei angesichts der hiesigen Menschenmassen in Städten bei Diebstählen und Einbrüchen schier überfordert ist, ist ja beinahe verständlich. Da kann man nichts weiter tun als die eigenen Sicherheitsvorkehrungen weiter zu erhöhen oder - im Falle eines Fahrrades - auf das Nötigste zu reduzieren und sich auf ein rostiges Klappergestell mit Sattel, zwei Rädern, Bremsen und einem großen Vorhängeschloss an einer dicken Kette zu beschränken. Das ist leider so.

Was die Unfälle an geht, so kann ich auch nur bestätigen dass die Mentalität hier in China eben anders ist. Oftmals einfach aus Unwissenheit heraus. China hat Verkehrsregeln wie jedes andere Land auch. (Gut, das sollten wir relativ sehen, denn die Regeln entbehren manchmal jeglicher Logik. ;) ) Es hält sich nur keiner daran. Und die Verkehrspolizei vor Ort in China - ohne jemandem zu nahe treten zu wollen - ist die schlechteste Abteilung der Polizei überhaupt. Ich bin mir fast sicher, dass Euer Anwalt keinen roten Umschlag verteilen musste. Denn der sollte die richtigen Gesetze und noch wichtiger Namen kennen, die dem Verkehrspolizisten eröffnen, dass er sich selbst einmal mit den Verkehrsregeln und auch den Vorschriften zur Pflicht der Unfallhilfe auseinander setzen sollte.

Ich hatte selbst das eher zweifelhafte Vergnügen Zeuge eines Unfalles zu sein. Ein Motorradfahrer nebst Sozius ignorierte die rote Ampel, sah jedoch auch den Sattelschlepper zu spät der bei grün seine Fahrspur kreuzte. Das Ergebnis waren über einige Meter auf der Straße verstreute Kleinteile, Gepäck, ein von Blut überströmter Motorradfahrer mit diversen Brüchen und vermutlich inneren Verletzungen und ein zwischen den Rädern des Sattelaufliegers eingeklemmtes Motorrad nebst Sozius und diversen Taschen. Und natürlich eine große Menge drum herum stehender gaffender Neugieriger. Was soll ich sagen? Der Truckfahrer setzte den Anruf bei der Polizei ab. Und mehr als das Checken von Lebenszeichen, stabile Seitenlage und dem Umleiten des fließenden Verkehrs um die Unfallstelle konnte ich auch nicht bei tragen. Und es war trotzdem mehr als alle anderen zusammen taten.

Weißt Du, in diesen Momenten ist es wohl eher angebracht, die Ratlosigeit/Unwissenheit/Angst der anderen Chinesen herum zu akzeptieren und auch die Tatsache, dass das in Deutschland anders abgelaufen wäre. Es ist nunmal so, dass es den Straßenverkehr in den heutigen Ausmaßen noch nicht so lange in China gibt. Es ist nunmal so, dass viele Chinesen zwar für einen Führerscheintest lernen, dann aber genauso schnell im echten Verkehr lernen, dass sich sowieso kaum einer an die Regeln hält und die Polizei in den meisten Fällen keinen Finger krumm macht, solange es ja irgendwie läuft. Und es ist leider auch so, dass sich noch immer der Mythos des "Du musst zahlen, wenn du den Krankenwagen rufst" hält.

Akzeptieren und eher auf die Tatsache konzentrieren, dass DU für DICH weisst, dass DU das richtige getan hast. Erwarte keinen Dank. Darauf kommt es nicht an, wenn man das RICHTIGE tut. Und wer weiß, vielleicht hast Du auch dazu beigetragen, dass beim nächsten Mal jemand anderes aktiver wird weil er Dich in Aktion gesehen hat!? Mehr kannst Du nicht tun. Und es war richtig!

Wenn Du jedoch absolut nicht damit leben kannst, dann kann auch ich Dir nur empfehlen offen genug mit Deinem Arbeitgeber umzugehen. Erwartungshaltung hin oder her, wenn er nichts von Deinen Problemen weiß, dann werdet ihr auch keine gemeinsame Lösung finden. Der Nachteil liegt dann bei Dir.

Kopf hoch und alles Gute!
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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von belrain » 08.02.2013, 05:15

Nochmal zum Thema unterlassene Hilfeleistung

Mark und Mario hatten unterschiedliche Ereignisse. In Marks Fall war der Schuldige abgehauen. In Marios Fall nicht. Dadurch hatte Mario auch keine Probleme zu erwarten wenn er hilft. In Marks Fall wollte man "die arme Sau schlachten" die da war, ungeachtet dessen das er unschuldig ist. Leider ist dies auch "normal" in China, daher ist auch niemand bereit zu helfen. Zusätzlich dazu kommt noch die Unwissenheit, wie man helfen kann. In Deutschland macht man einen erste Hilfe Kurs um den Fuehrerschein machen zu können. Das gibt es in China nicht. Meine Frau war sehr irritiert, was man in Deutschland alles machen muss, um einen Fuehrerschein zu erhalten. Auch Themen wie Mindestanzahl von Fahrstunden, Nachtfahrt, Autobahn und Ueberland sind in China unbekannt, was die Fahrfaehigkeiten vieler Chinesen erklärt.
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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von mario.s » 08.02.2013, 06:31

belrain hat geschrieben:Nochmal zum Thema unterlassene Hilfeleistung
In Marks Fall war der Schuldige abgehauen. In Marios Fall nicht.
Genau genommen lag der Schuldige auf der Straße. Aber Du hast natürlich Recht, dadurch ist in meinem Fall die Verkehrspolizei vor einigen Unannehmlichkeiten auf der Wache bewahrt geblieben. 8)

Im Grunde ging es mir nur darum zu bestätigen, dass es in China nunmal anders ist und dass ich durchaus das ehrenwerte Verhalten von Mark anerkenne und ihm hoch anrechne. Das sieht von anderer Seite wie von ihm durch die Erfahrungen in Deutschland erwartet vielleicht anders aus. Doch hey, darauf kommt es doch gar nicht an. Er hat das richtige getan und sollte einfach nur stolz darauf sein!

/EDIT:
Und wenn es trotzdem nicht geht, den Chef kontaktieren!

(Damit hätte ich die Kernaussagen meines Beitrages nocheinmal zusammengefasst.)
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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von BeijingGuy » 08.02.2013, 08:20

Hmm, ich denke, Belrain hat gute Worte gefunden, ich würde mich diesen anschließen.
Allerdings muss ich sagen, dass ich bei solchen Geschichten immer sehr sauer werde - i.Ü. auch in Deutschland, wobei ich hier tatsächlich die Polizei bitte, die Daten der Gaffer aufzunehmen (unterlassene Hilfeleistung, etc.) - während ich in China ohnmächtig bin..
Ich denke, hier gibt es nichts zu "verteidigen", meine Frau reagierte bei der hier geschilderten Sache auch extremst sauer (und peinlich berührt, auch wenn sie weiß, dass das hier sicher keine singuläre Sache ist).
Wenn du es nicht mehr aushältst: kein "Gesicht bewahren", kein Geld, keine Karriere der Welt ist es wert, sich kaputt machen zu lassen, glaube mir. Du hast wahrscheinlich nur ein Leben, verschwende es besser nicht.

Und von meiner Person aus: höre bitte nicht auf, das "Richtige" zu tun, meine Bewunderung hast du.

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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von VielUnterwegs » 08.02.2013, 08:39

Du hast nach 2 Jahren genug von China, genug vom Ausland, genug von der Fremde...oder was auch immer. Ist ja nichts schlimmes dran. Ich denke du solltest einfach weiterziehen. China ist echt ein Erlebnis und man hat schon wirklich krasse Einblicke in Dinge, die man sich vorher nichtmal vorstellen konnte. Sesshaft werden muss man deshalb aber lange nicht. Zieh einfach weiter und mach dir nichts draus. :-)

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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von dca-news » 08.02.2013, 09:00

Ich habe 1987, als ich zum ersten Mal in China war, ein ähnliches Unfallerlebnis: Ein verletzter blutender Motorradfahrer lag auf der Straße in Chengdu, zig Gaffer, keiner half. Meine Freundin, die Krankenschwester ist (eine Deutsche), kümmerte sich, ohne weiter nachzudenken, um den Verletzten (stabile Seitenlage, beruhigendes Reden usw.) Ich hielt hilflos die Fahrräder und fragte in die Menge, ob jemand schon einen Krankenwagen gerufen hätte - ohne viel Echo, denn damals konnte ich kein Chinesisch und die meisten Chinesen kein Englisch. Endlich kam die Polizei und übernahm. Ein Chinese, der später dazu kam und den ich um Hilfe gebeten hatte, sagte zu mir auf Englisch: "Sag Deiner Freundin herzlichen Dank. Kein Chinese hätte geholfen!" Auch wenn ich fürchterlich wütend auf die gaffenden Chinesen war, so versöhnte mich das dann wieder.
Nach vier Wochen war ich wieder in Deutschland und wusste nicht, welches Gefühl in bezug auf China und die Chinesen überwog: Hass oder Liebe. Das Land hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Doch auch wenn ich mal länger dort war, hatte ich immer nach gut zwei Monaten das Gefühl, ich muss raus, das Fremde, Unverständliche wird zuviel! Wenn ich dann nicht raus konnte, dann habe ich mir einen Platz gesucht, wo ich die Schönheit und die beeindruckende Kultur Chinas spüren konnte. Das sind für mich vor allem Museen, die Verbotene Stadt und die weniger touristischen Tempel.
Insgesamt haben für mich immer die positiven Begegnungen und Erlebnisse überwogen.
Also: zieh dich mal für ein paar Tage aus dem "hässlichen" China heraus (ein paar Tage in einem schönen Hotel?) und bewahre die schönen Dinge im Gedächtnis.
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Redaktion der Deutsch-Chinesischen Allgemeinen Zeitung
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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von no1gizmo » 08.02.2013, 09:16

Kann dich gut verstehen. Ich tendiere auch immer wieder zur Ablehung der chinesischen Politik und der Gesellschaft (ihrem Verhalten und Moralvorstellungen), NICHT des einzelnen Chinesen als Individuum, denn das kann durchaus interessant sein!

Zum Einen sehe ich viele wirtschaftlich interessante Möglichkeiten in China, zum Anderen kommt halt ein Teil meiner Familie daher und lebt auch dort. Ganz losreißen von China kann ich mich eh nicht und viele Kulturgüter und z. B. auch die chinesische Sprache finde ich interessant und sehr lernenswert.

Wenn es dir langsam reicht, dann verziehe dich. Ist nichts schlimmes dran. Auslandserfahrung hast du ja bereits genug und vielen ergeht es so wie dir.

Ich möchte aber nochmals darauf hinweisen, dass Menschenmassen alleine kein Grund für das allgemeine Verhalten sein müssen, dass von der Allgemeinheit in China an den Tag gelegt wird. In Japan (insb. Tokyo) gibt es mehr Menschenmassen als irgendwo sonst, jedoch beinahe keinen Diebstahl, keine unterlassene Hilfeleistung, kein Gerotze, Gerämpel und auch nur wenig Gestank und Dreck. Zumindest alles nicht im unüblichen Ausmaß (und tendenziell besser als in Deutschland!). Menschen mit asiatischen Gesichtern müssen sich also nicht zwangsläufig so verhalten, wie es in China üblich ist....

... China ist einfach noch nicht so weit, daran liegts.
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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von Phytagoras » 08.02.2013, 09:51

In Japan (insb. Tokyo) gibt es mehr Menschenmassen als irgendwo sonst, jedoch beinahe keinen Diebstahl, keine unterlassene Hilfeleistung, kein Gerotze, Gerämpel und auch nur wenig Gestank und Drec
Dafür gibt es andere gesellschaftliche Probleme, wobei die meist nichts im Umgang mit anderen zu tun haben. Hikkikomori, Sexismus, Idolbands, Perverse und Ishihara :D
_____________

Zum Thema an sich:

Ich kann es verstehen. Meine Freundin, seitdem sie hier in Deutschland ist, merkt jetzt auch langsam, wie andere Chinesen so ticken.
Sie hat vor nen paar Tagen auf 3Sat ne Doku über Tiananmen gesehen und war geschockt, obwohl eigentlich alle wissen, was passiert ist. Wenn man es aber in Bildern sieht, ist es schon was anderes...

Daneben hasst sie aber auch das Rumgerotze, rumgepisse, die laute Atmosphäre in Restaurants, den Rassismus etc.
... China ist einfach noch nicht so weit, daran liegts.
Die Frage ist ja, wann ist es soweit?
Ansätze kann man ja sehen. Wie es mir scheint, scheinen (von den Wanderarbeitern und ungebildeten Leuten mal abgesehen) eher die ältere Generation die zu sein, die sich wie Sau verhält und die junge Generation sich eher vernünftig verhält.

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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von mario.s » 08.02.2013, 10:14

Phytagoras hat geschrieben:Wie es mir scheint, scheinen (von den Wanderarbeitern und ungebildeten Leuten mal abgesehen) eher die ältere Generation die zu sein, die sich wie Sau verhält und die junge Generation sich eher vernünftig verhält.
Meine Mutter pflegte immer zu sagen, alten Hunden bringt man keine neuen Kunststücke mehr bei. (Das soll in keiner Weise beleidigend, bewertend oder sonstwie anstößig sein, sondern lediglich als übertragenes Bild dienen!) Und der wesentliche Teil zur - nach unseren Maßstäben - zivilisierteren Gesellschaft kam genauso wie der wirtschaftliche Aufschwung in China eben erst in den letzten dreißig Jahren. Sind wir doch mal ehrlich: Wie lange hat es in Europa gebraucht die heute dort allgemein als zivilisiert anerkannten Zustände zu etablieren? - Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn an einem anderen Teil der Welt mit einem völlig anderen geschichtlichen Hintergrund und einer ebenso völlig anderen Kultur die so viel gepriesene Adaption zur westlichen Verhaltenweise nicht von heute auf morgen erfolgt.

Und ich bin auch keinem älteren Chinesen böse, wenn er - so wie er eben aufgewachsen ist und es aus seiner Umgebung als normal aufgenommen hat - im Schlafanzug und Pantoffeln auf den Straßen herumläuft, seine Nase durch kontinuierliches Hochziehen und Spucken von überflüssigen Sekreten befreit und sich auch in Sachen Verhalten bei Tisch so zu geben pflegt, wie es zu seiner Zeit und in seiner Umgebung normal war. Dafür sind wir eben die GÄSTE in SEINER Welt. Und wir können es mögen, hassen, belächeln, akzeptieren oder unsere Konsequenzen ziehen und die Gastfreundschaft anderer Kulturen oder die gewohnten Gefilde der eigenen Heimat vorziehen...
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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von Klaas » 08.02.2013, 10:40

mario.s hat geschrieben:Dass die Polizei angesichts der hiesigen Menschenmassen in Städten bei Diebstählen und Einbrüchen schier überfordert ist, ist ja beinahe verständlich.
Diese Aussage erinnert mich an meine Mutter, die immer sagte: "So eine Masse von Chinesen kann nur durch eine Diktatur regiert werden. Eine Demokratie würde mit so vielen Menschen nicht funktionieren."

Und ein Ecuadorianer sagte mir: "Ecuador ist ein kleines Land mit wenigen Einwohnern. Deshalb gibt es weniger AIDS-Infizierte und du brauchst dir keine Sorgen zu machen."

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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von mario.s » 08.02.2013, 10:53

clemetis hat geschrieben:der dort wohnen muss
Meine bescheidene Meinung: Wenn man als Ausländer hier wohnen MUSS, dann sollte man sich ganz schnell der Sortierung der eigenen Prioritäten widmen. Entweder ich mache es gerne, und dann ist es für mich ok, oder ich ändere ganz schnell etwas an meinem Leben. Denn es ist definitiv zu kurz um etwas so Entscheidendes wie in einem anderen Land leben zu "müssen".

Das heißt im Zweifel eben auch dem Boss gegenüber ehrlich zu sein und eventuell vorhandene Probleme mit gewissen Situationen offen auszusprechen.
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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von punisher2008 » 08.02.2013, 12:02

Ich kann dich schon verstehen und kann mir vorstellen wie es für dich ist. Ehrlich gesagt geht es mir mittlerweile ähnlich, obwohl ich seit einiger Zeit nicht mal mehr in China bin. Ich hatte dort mal meinen Lebensmittelpunkt, und ich konnte mir kaum noch ein Leben im Westen vorstellen. Inzwischen möchte ich nicht mal mehr vorübergehend hin. "Hassen" würde ich es nicht unbedingt nennen, obwohl ich teilweise schon fast soweit bin/war. Auch ich muß aber irgendwann wieder hin weil ich noch gewisse Verpflichtungen habe. Ich denke die Erklärungen warum die Chinesen so sind wie sie sind helfen dir auch nicht weiter. Wenn man schon eine so starke Abneigung entwickelt hat interessieren einen die Ursachen wohl weniger.
Frage: wo würdest du dich denn wohl fühlen? An deiner Stelle würde ich nur versuchen möglichst bald dort hinzukommen. Und ja, ich finde auch dass du deinen Job lieber kündigen solltest statt dich kaputt machen zu lassen. Ansonsten fallen mir auch keine konkreten Ratschläge ein.

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Re: Hilfe: Ich hasse China immer mehr und will es nicht hass

Beitrag von Aremonus » 08.02.2013, 12:50

Ich weiss, was Du meinst, Mark. Mich persönlich stört es, egal wo auf der Welt, wenn Menschen von ihrer Angst kontrolliert sind - was in China noch viel ausgeprägter ist als bei in Europa (wo es mich schon bedenklich stimmt). Ich halte mir dann stets vor Augen, dass dieses Angst-Verhalten (Probleme vermeiden, leiber nicht helfen wenn man nicht muss, usw.) ja auch in Europa existiert, wenn gleich es etwas weniger ausgeprägt ist. Und ich erinnere mich, wie ich in Europa damit umgehe: ich meide einfach solche Leute.

Mein Tipp wäre daher:
Baue Dir einen Freundeskreis von Leute auf, die ähnlich ticken wie Du und mit denen Du Dich verstehst. Halte Dir vor Augen, dass menschliche Schwäche ok ist - die meinen es nicht böse! Und versuche, mit gutem Beispiel voran zu schreiten (wie Du es in dem obigen Vorfall getan hast).
China ist gross. Selbst wenn man mit 95% der Chinesen nicht klar kommt, gibt es immer noch fast so viele coole Chinesen wie Leute in Deutschland - und Du findest ja sicherlich auch nicht alle Deutschen sympathisch :wink:

Halte Dir auch vor Augen, was Du an "den Chinesen" magst. Sind sie ehrlicher mit sich selber? Haben sie Schwächen, die Du auch hast? Welche anderen Gemeinsamkeiten gibt es?
Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss gestaut und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Biber nicht essen kann!

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