Chinesische Kirchen

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Re: Chinesische Kirchen

Beitrag von RoyalTramp » 30.12.2009, 02:18

Und jetzt einen von Rom benannten Bischof, der vielleicht seine Gemeinde dazu anhält, für ihre Rechte zu kämpfen, was die dann auch prompt in die Tat umsetzen -> "Tote". Klar ist: So ein Bischof hat natürlich nicht selbst die Sicherheitskräfte dann dazu angehalten auf die Demonstranten einzuprügeln oder gar zu schießen, aber so ein Bischof weiß ganz genau, welche Folgen es haben kann, wenn er implizit zum zivilen Ungehorsam in China aufruft ("ihr müsst für eure Rechte kämpfen") und nimmt etwaige Tote daher in Kauf. Für mich von daher kein Unterschied...Stichwort: geistiger Brandstifter...

Der einzige Unterschied: Bei den von mir oben eingeworfenen Beispielen kommen Menschen mit Sicherheit zu Schaden, bei einem von Rom eingesetzten Bischof kann man nicht von vorneherein davon ausgehen, dass er seine Gemeinde zu zivilem Ungehorsam aufrufen wird. Aber es heißt in diesem internationalen Pakt nun auch "die zum Schutz der öffentlichen Sicherheit, Ordnung, Gesundheit, Sittlichkeit oder der Grundrechte und -freiheiten anderer erforderlich sind". Und hier handelt die chinesische Regierung nach dem Motto: Vorbeugung statt Scherbenhaufen. Sie hat in die Verfassung den Einsatz aufgenommen, dass "ausländische Mächte" und so weiter. Ziel dieses Absatzes ist natürlich die Kontrolle (ein Schelm, wer an was anderes denkt), aber man kann ihr es leider auch nicht "nachweisen", dass dieser Absatz nicht doch auch darauf abzielt, die öffentliche Ruhe und Ordnung zu wahren (denn diese Kontrolle ist nunmal eine Methode dazu). Dieser Verfassungsabsatz erscheint demnach nach dem Internationalen Pakt eine legitime Einschränkung zu sein, dem die Religionsfreiheit nun untergeordnet wird...

Wie gesagt...eine interessante Situation, wo wohl nur jemand mit fundiertem juristischen Hintergrundwissen ein wenig mehr Licht ins Dunkeln bringen kann.
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Re: Chinesische Kirchen

Beitrag von Yingxiong » 30.12.2009, 08:31

bossel hat geschrieben:
RoyalTramp hat geschrieben:Und da ist halt das Problem: Was gehört jetzt zum Kult?
Tja, & wenn das vom Staat entschieden wird, hast Du schon keine Religionsfreiheit mehr.
Dann herrscht ja in Bayern auch keine Religionsfreiheit mehr. Denn da MUSS das Kreuz im Klassenzimmer hängen!
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Re: Chinesische Kirchen

Beitrag von RoyalTramp » 30.12.2009, 09:44

Deswegen wird / wurde dagegen auch geklagt, damit die Kreuze da wegkommen...
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Re: Chinesische Kirchen

Beitrag von Yingxiong » 30.12.2009, 10:42

Hatte aber keinen Erfolg.

Nach der Regelung in Bayern darf das Kreuz erst dann abgehängt werden, wenn die absolute Mehrheit der Eltern sich dafür ausspricht!
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Re: Chinesische Kirchen

Beitrag von RoyalTramp » 30.12.2009, 17:33

Jepp...aber dann dürfte wohl schon bald das nächste "Kopftuchurteil" anstehen. ;)

Hachja...wenn es nur endlich keine Religionen mehr gäbe...man hätte dann so viele Probleme nicht mehr, mit denen sich die Gesellschaft belasten müsste... *träum*
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Re: Chinesische Kirchen

Beitrag von bossel » 30.12.2009, 19:41

RoyalTramp hat geschrieben:Und jetzt einen von Rom benannten Bischof, der vielleicht seine Gemeinde dazu anhält, für ihre Rechte zu kämpfen, was die dann auch prompt in die Tat umsetzen -> "Tote".
Das entspringt wohl eher Deiner Phantasie.



Yingxiong hat geschrieben:Dann herrscht ja in Bayern auch keine Religionsfreiheit mehr. Denn da MUSS das Kreuz im Klassenzimmer hängen!
Nee, sach bloß!?

Ein christliches Kreuz im Klassenzimmer einer Staatsschule verletzt die Religionsfreiheit der Schüler. Sie nimmt zudem Eltern die Freiheit, ihre Kinder nach ihren philosophischen Überzeugungen zu erziehen, und ist nicht mit der Europäischen Menschenrechtskonvention vereinbar. Zu diesem Urteil kam der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einstimmig am Dienstag in Straßburg.

Aber was hat das mit Religionsfreiheit in China zu tun? Kleine Nebelkerze? :roll:

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Re: Chinesische Kirchen

Beitrag von ingo_001 » 31.12.2009, 11:49

Yingxiong hat geschrieben:Hatte aber keinen Erfolg.

Nach der Regelung in Bayern darf das Kreuz erst dann abgehängt werden, wenn die absolute Mehrheit der Eltern sich dafür ausspricht!
Die Diskussion ist bei uns in Berlin undenkbar, weils hier einfach nicht genug Bayern gibt :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen:
Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist.

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Re: Chinesische Kirchen

Beitrag von Mathias » 22.12.2010, 15:49

Wie es aussieht hat der Papst gerade ein "kleines Techtelmechtel" mit Beijing.

17/12/2010, Vatikan: Scharfe Kritik an chinesischer Kirchenpolitik

22/12/2010, China: „Unvorsichtige“ Vatikan-Kritik

Ich denke, China tut gut daran, dem Vatikan etwas deutlicher zu zeigen, wo seine Grenzen sind.


PS: Und bitte keine vorschnelle Quellenkritik, es ist die "Stimme des Papstes" daselbst (O-Ton Radio Vatikan).

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Re: Chinesische Kirchen

Beitrag von Aremonus » 22.12.2010, 18:42

Und da ist dann meine Frage, wo das denn im Glaubensbekenntnis niedergeschrieben steht?
Ich galube an ... die heilige katholische Kirche...
Grundsätzlich verletzt China schon grundsätzlich die Religionsfreiheit, was auch viele Juristen so sehen. So besagt der UN-Zivilpakt, der auch von China unterzeichnet wurde:
„1Jedermann hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Dieses Recht umfasst die Freiheit, eine Religion oder eine Weltanschauung eigener Wahl zu haben oder anzunehmen, und die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Gottesdienst, Beachtung religiöser Bräuche, Ausübung und Unterricht zu bekunden.“
Das Recht auf öffentlichen Gottesdienst und "in Gemeinschaft mit anderen" wird schon dadurch eingeschränkt, dass man eine bewilligung braucht. Absatz 1 sehe ich daher als nur teilweise erfüllt.

Absatz 3 konkretisiert weiter:
„3Die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung zu bekunden, darf nur den gesetzlich vorgesehenen Einschränkungen unterworfen werden, die zum Schutz der öffentlichen Sicherheit, Ordnung, Gesundheit, Sittlichkeit oder der Grundrechte und -freiheiten anderer erforderlich sind.“
Und hier sind sich praktisch alle Jursiten einig, dass dieser Absatz verletzt wird.

Dass sich China bei weitem nicht an die weiter gefasste EMRK hält, ist ja klar, aber die hat es auch nicht unterzeichnet, von dem her ist das o.k. (ausser für ein paar Moralapostel...)

Das ist auch das Problem bei China: das Land verstösst bereits verfassungsmässig gegen internationales Recht, möchte aber dennoch Einsitz in internationalen Organisationen (wie dem UN-Sicherheitsrat). Und hier ist auch der Grund, warum China international so wenig Rechte zugestanden werden: man weiss nie, ob sich das Land an das, was es unterzeichnet, hält.

Grund dafür ist, dass China noch ein totalitärer Staat ist (ich mein das jetzt nicht wertend, sondern den wörtlichen Begriff), da es keine Gewaltenteilung besitzt. Somit sind Bürger der Willkür des Staates de facto ausgeliefert und können nicht an einem Gericht auf Einhaltung der Menschenrechte klagen, wie dies beispielsweise in Europa möglich wäre. Zudem herrscht keine Rechtssicherheit, weil so lokale Funktionäre nur unzureichend kontrolliert werden können (was auch die ganze Korruption erst ermöglicht).
Hier bleibt noch viel zu tun... aber zumindest hat Beijing das Problem erkannt und versucht, langsam ein etwas moderneres System einzuführen.
Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss gestaut und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Biber nicht essen kann!

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