Robert Lloyd Schellenberg

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otternase
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Robert Lloyd Schellenberg

Beitrag von otternase » 16.01.2019, 12:37

Hallo

ich würde an dieser Stelle gerne über den Fall Robert Lloyd Schellenberg diskutieren. Es handelt sich dabei eigentlich um einen Kriminalfall, der jedoch derzeit die politischen Beziehungen zwischen Kanada und China erheblich belastet und es spricht einiges dafür, dass die Behandlung des Falles auch eine wesentliche politische Komponente hat.

Schellenberg ist ein Kanadier, geboren 1982 in Abbotsford, British Columbia.
Zwischen 2001 und 2011 kam er wiederholt in Kanada mit dem Gesetz in Konflikt. Die Online Datenbank von British Columbia über Verurteilungen listet 13 Verurteilungen auf, 2001 startend mit einem Rotlichtverstoss und danach viermal wegen Fahren ohne Fahrerlaubnis, 2009 dann einmal wegen Fahren unter Alkoholeinfluss, dann aber zwischen 2009 und 2011 auch vier Verurteilungen wegen Drogenhandel ("Possession for the purpose of trafficking "), 2 davon Haftstrafen. Noch in der Bewährungszeit nach der ersten Haftstrafe fiel er wieder auf, so wurde er für vier Fälle von Drogenhandel zu insgesamt 2 Jahren Haft verurteilt, wurde dann nach 16 Monaten etwa Mitte 2013 entlassen. Nach Aussage des damaligen Richters war Schellenberg zu diesem Zeitpunkt tablettenabhängig.
Im Anschluss arbeitete er einige Zeit auf einem Ölfeld, wo er auf legale Weise gutes Geld verdiente und sich davon Fernreisen, insbesondere nach Asien, leistete.

2014 reiste Schellenberg dann als Tourist nach China. Er hielt sich in Dalian auf. Dort soll er beteiligt gewesen sein daran, den Schmuggel von 227kg (!) Methamphetamin, versteckt in Plastikpellets in einem Container mit Reifen vorbereitet zu haben. Die Polizei bekam durch einen Informanten davon Wind. Zwei chinesische Komplizen wurden vor Ort festgenommen, Schellenberg versuchte zu flüchten und wurde einige Tage später bei dem Versuch, von Guangzhou auf dem Landweg nach Hongkong auszureisen festgenommen.
Einer der beiden festgenommenen Komplizen nahm dann eine Art "Kronzeugenregelung" in Anspruch, Xu Qing sagte umfassend aus und wurde daher nur zu lebenslänglich verurteilt, während der andere Komplize Todesstrafe auf Bewährung bekam.

Nach 15 Monaten U-Haft begann dann der Prozess gegen Schellenberg. Dieser bestritt darin nicht grundsätzlich seine Beteiligung, bestritt jedoch die Rolle, die er laut Aussage von Xu Qing hatte, behauptete, Xu Qing habe ihn nur deshalb so schwer belastet, um dessen eigenen Beitrag weniger bedeutend aussehen zu lassen.

Schlussendlich wurde Schellenberg dann zu 15 Jahren Haft und 150.000 RMB Geldstrafe verurteilt.

Erstaunlicherweise (warum erstaunlich, darauf gehe ich weiter unten ein) ging Schellenberg gegen dieses Urteil in Berufung, während die Staatsanwaltschaft das Urteil akzeptierte. Nun gibt es in China kein "Verschlechterungsverbot", das Berufungsgericht würdigt den Sachverhalt unabhängig neu und kann dann zu einem milderen, aber auch zu einem schärferen Urteil kommen.
In diesem Fall nun kam das Gericht zu einem deutlich schärferen Urteil, nämlich zur Todesstrafe ohne (!) Aufschub.

In der kanadischen Politik hat dieses Urteil Protest hervorgerufen. Prime Minister Justin Trudeau verurteilte dies und verstieg sich gar zur Behauptung, "that China has chosen to begin to arbitrarily apply the death penalty", also dass China die Todesstrafe "willkürlich" anwende.
Dies wiederum rief Protest aus China hervor, die Sprecherin des chinesischen Aussenministeriums Hua Chunying warf Kanada "double-standards" vor, wenn Kanada von China erwarte, für Ausländer mildere Urteile zu sprechen, als sie das chinesische Recht im Allgemeinen vorsehe.

Das ganze spielt sich natürlich vor dem Hintergrund der Festnahme der Huawei Managerin und Tochter des Huawei Gründers Meng Wanzhou auf Veranlassung der USA in Vancouver am 1. Dezember letzten Jahres ab, sie befindet sich seither unter Hausarrest, bis über eine Auslieferung an die USA oder eine Freilassung entschieden ist. Dies hatte bereits zu gegenseitigen Beschuldigungen und Drohungen zwischen Kanada und China geführt.
Kanada wirft China nun natürlich vor, hier ein politisches Urteil gefällt zu haben, um Kanada unter Druck zu setzen, Meng Wanzhou nicht an die USA auszuliefern.

Noch ein paar weiterführende Links:
https://www.bbc.com/news/world-asia-china-46875807
https://www.bbc.com/news/world-asia-china-46874922
https://www.tagesspiegel.de/politik/tod ... 64864.html

CSO Liste Verurteilungen von Schellenberg kann man hier finden https://justice.gov.bc.ca/cso/criminal/ ... d=50881517

Soweit erstmal der Sachverhalt, meine eigene Einschätzung trenne ich mal ab und schreibe in einen zweiten Beitrag.

otternase
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Re: Robert Lloyd Schellenberg

Beitrag von otternase » 16.01.2019, 12:38

Im folgenden nun einige Gedanken zur Einschätzung des Ganzen:

Vorweg, ich bin zwiegespalten, ein eindeutiges Urteil kann ich mir nicht bilden.

1) Schellenberg war immer wieder wegen Drogenvergehen, Drogenhandel auffällig geworden. Er sass deswegen bereits in Kanada im Knast. Also zweifelsfrei ein Wiederholungstäter.

2) Dass China scharfe Gesetze gegen Drogenkriminalität hat, ist ja nun wahrlich kein Geheimnis. Auch Schellenberg muss dies gewusst haben und wenn er sich auf Drogengeschäfte eingelassen hat, so wird er das Risiko gekannt haben, überraschend kann das nicht gewesen sein.

3) Bei 227kg Meth geht es um ein richtig großes Ding, das ist nicht der arme kleine Junkie, der für den Eigenbedarf sich was eingesteckt hat. Das Zeug sollte wohl nach Australien geschmuggelt werden. Wenn ich die Zahlen aus dieser Nachricht von Bild nehme, dann haben danach 903kg Meth einen Marktwert in Australien von 900 Millionen australischen Dollar, also ca. 640 Millionen Euro. Demnach hätten 227kg einen Marktwert von 160 Millionen Euro!
https://www.bild.de/news/ausland/crysta ... .bild.html
Laut dem Artikel liegt der Marktwert in Australien rund 80 mal so hoch wie in China, also selbst unter Betrachtung dieses Punktes ging es noch immer um Meth im Wert von 2 Millionen Euro in China.
Damit dürfte klar sein, dass es da um Schmuggel im ganz großen Stil ging! Natürlich verdienen an der Schmuggelkette noch viele andere Parteien mit, vielleicht auch noch deutlich besser, aber trotzdem dürfte das für Schellenberg mit der Aussicht auf richtig großes Geld verbunden gewesen sein, selbst wenn er nur 1% des Schmuggelgewinns abbekommen hätte, hätte ihn das zum Millionär gemacht, möglicherweise als "Coup des Lebens" geplant.

4) Dass Schellenberg in die Sache verwickelt war, ist wohl bewiesen, wird jedenfalls auch von ihm nicht bestritten. Umstritten ist nur sein Beitrag zum Ganzen.

5) Mit 15 Jahren Haft war das erste Urteil ziemlich milde für chinesische Verhältnisse. Mir scheint, das erstinstanzliche Gericht hat Schellenberg tatsächlich geglaubt, dass er keine führende, sondern nur eine untergeordnete Rolle hatte. Die Mittäter wurden in erster Instanz jedenfalls deutlich schärfer verurteilt, sogar der Kronzeuge konnte sich damit nur vor einer Todesstrafe retten, erhielt aber mit lebenslänglich (was in China auch wirklich lebenslänglich bedeuten kann) eine höhere Strafe.

6) Und eben an dieser Stelle wird die Sache für mich erstaunlich, wird das Verhalten von Schellenberg irritierend: hatte er schlechte Anwälte, wurde er schlecht beraten oder hat er gegen den Rat der Anwälte gehandelt? Nach dem milden Urteil in erster Instanz hätte er gut die Füße stillhalten können, hätte einen Teil der Haft abgesessen und wäre wahrscheinlich nach Absitzen eines Teils der Haft nach Kanada abgeschoben worden.
Jeder des chinesischen Rechts Kundige hätte ihm sagen können, dass er mit dem Urteil so gut wie nur igendwie möglich angesichts der Umstände davongekommen war, dass eine Verbesserung quasi undenkbar war.

7) Aber Schellenberg hat Berufung eingelegt. Und jeder des chinesischen Rechts Kundige hätte ihm sagen können, dass bei Berufung in China eben auch schärfere Urteile rauskommen können, dass angesichts des erstinstanzlich milden Urteils eigentlich bei Berufung gar nichts anderes als mindestens die Bestätigung des Urteils, eher aber eine Verschärfung rauskommen konnte.

8 ) Und daher ist die Berufung durch Schellenberg gänzlich unverständlich. Seine Anwälte hätten ihn davon abhalten müssen.

9) Die Todesstrafe ist bei solchen Vergehen in China durchaus nicht unüblich, der Vorwurf von Trudeau, diese sei "willkürlich" ergangen, ist schon ziemlich peinlich. (wie ich Trudeau sowieso allgemein hochnotpeinlich finde, aber das ist ein anderes Thema)
Eine Erwartungshaltung Kanadas, dass China Ausländer milder bzw. nach den kanadischen statt den chinesischen Massstäben bestrafe, ist in der Tat reichlich vermessen und die Vorwürfe aus dem chinesischen Aussenministerium sind da durchaus berechtigt.
(“Western centrism has been very obvious in recent disputes between China and Canada. Whatever Canada does, it is the rule of law, but whatever China does is not. Canadian elites are feeling so righteous with this double standard, and it is time for them to wake up from such cultural and value narcissism. […]”)

10) Andererseits hat die Tatsache, dass das Gericht die Ausführung der Todesstrafe nicht zur Bewährung ausgesetzt hat, schon ein reichliches Geschmäckle. Es drängt sich in der Tat der Eindruck auf, dass dieses Urteil politisch motiviert erfolgt ist, mit dem Ziel, in der aktuellen Situation Druck auf Kanada auszuüben.

11) Abermals reichlich irritierend sind die scharfen, wenig Verhandlungsbereitschaft vermittelnden Töne aus Kanada. In der Vergangenheit hat es natürlich immer wieder Fälle von Verurteilungen von Ausländern in China gegeben. Auch wegen Drogendelikten. In vielen Fällen jedoch wurden die Verurteilten nach einigen Jahren Haft stillschweigend an das Heimatland ausgeliefert, auf ganz ruhigen diplomatischen Kanälen eingeleitet.
Im Gegensatz dazu hat internationaler, öffentlicher Protest und Druck auf China regelmäßig dazu geführt, dass China sich streng nach Gesetzbuch verhalten hat und nicht nachgegeben hat, sondern erst recht auch Todesurteile vollstreckt hat! Bekannt ist da der Fall des (pakistanisch-gebürtigen) Briten Akmal Shaikh, der 2007 aus Tadschikistan kommend mit 4kg Heroin am Flughafen Wulumuqi festgenommen wurde. Der wurde zwei Jahre später hingerichtet, und ich denke, wesentlicher Grund dafür war auch, dass internationale Menschenrechtsorganisationen dem Fall soviel Öffentlichkeit beschert hatten und auch die britische Regierung protestiert hat, statt das Urteil auch öffentlich zu akzeptieren und dann auf stillen diplomatischen Kanälen einen Aufschub und schlussendlich eine Aufhebung der Todesstrafe zugunsten einer Haftstrafe auszuhandeln.

12) mal ganz abseits davon, dass mir weitgehend das Verständnis dafür fehlt, warum sich Staaten überhaupt für Straftäter in diesem Maße einsetzen und dafür sogar internationale Beziehungen riskieren: dass Schellenberg ein Kriminelle ist, wiederholt Straftaten auch im Drogenhandel begangen hat, hat er bereits in Kanada bewiesen, Kanada kann doch froh sein, den los zu sein. Dass Schellenberg bei Strafttaten in China nach chinesischem Recht verurteilt wird, und dass unterschiedliche Länder halt Straftaten unterschiedlich schwer gewichten, ist nun absolut nicht überraschend. Kanada hat die Todesstrafe auch erst 1998 abgeschafft (auch wenn die letzte Hinrichtung schon 1962 war), für moralische Überheblichkeit ist da eigentlich kein Raum.

Insoweit halte ich es sowohl für unverständlich (siehe 12) als auch schädlich (siehe 11), dass Trudeau auf so peinliche Art und Weise sich in der Sache äussert!

Nichtsdestoweniger bleibt aber das genannte Geschmäckle, warum die vorübergehende Aussetzung der Todesstrafe nicht ergangen ist. Und das sieht in der Tat von China politisch motiviert aus.

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Re: Robert Lloyd Schellenberg

Beitrag von ingo_001 » 16.01.2019, 13:14

Die Punkte 1. - 6. hätten so auch von mir geschrieben sein können.
otternase hat geschrieben:7) Aber Schellenberg hat Berufung eingelegt. Und jeder des chinesischen Rechts Kundige hätte ihm sagen können, dass bei Berufung in China eben auch schärfere Urteile rauskommen können, dass angesichts des erstinstanzlich milden Urteils eigentlich bei Berufung gar nichts anderes als mindestens die Bestätigung des Urteils, eher aber eine Verschärfung rauskommen konnte.
Es gibt zwei Möglichkeiten, wie es zu seiner Berufung gekommen ist.

1. Er hat schlechte Anwälte gehabt.
2. Er hat wissentlich hoch gepokert - und verloren.
otternase hat geschrieben:8 ) Und daher ist die Berufung durch Schellenberg gänzlich unverständlich. Seine Anwälte hätten ihn davon abhalten müssen.
Haben sie aber nicht.
otternase hat geschrieben:9) Die Todesstrafe ist bei solchen Vergehen in China durchaus nicht unüblich, der Vorwurf von Trudeau, diese sei "willkürlich" ergangen, ist schon ziemlich peinlich. (wie ich Trudeau sowieso allgemein hochnotpeinlich finde, aber das ist ein anderes Thema)
Eine Erwartungshaltung Kanadas, dass China Ausländer milder bzw. nach den kanadischen statt den chinesischen Massstäben bestrafe, ist in der Tat reichlich vermessen und die Vorwürfe aus dem chinesischen Aussenministerium sind da durchaus berechtigt.
(“Western centrism has been very obvious in recent disputes between China and Canada. Whatever Canada does, it is the rule of law, but whatever China does is not. Canadian elites are feeling so righteous with this double standard, and it is time for them to wake up from such cultural and value narcissism. […]”)
Auch das unterschreibe ich.

Wenn ich in ein Land reise, habe ich mich an dessen Gesetzte zu halten.
Die Gesetze des jeweiligen Heimatlandes sind - wenn sie abweichen - irrelevant.
otternase hat geschrieben:10) Andererseits hat die Tatsache, dass das Gericht die Ausführung der Todesstrafe nicht zur Bewährung ausgesetzt hat, schon ein reichliches Geschmäckle. Es drängt sich in der Tat der Eindruck auf, dass dieses Urteil politisch motiviert erfolgt ist, mit dem Ziel, in der aktuellen Situation Druck auf Kanada auszuüben.
Ich sehe das auch so.

Denn der Zusammenhang zwischen Beiden Fällen ist ja de facto (politisch) gegeben.

Zumindest wäre m.E. ein Aussetzen der Todesstrafe wahrscheinlicher, wenn die Huawei Managerin nicht in Kanada festgenommen worden wäre.
otternase hat geschrieben:11) Abermals reichlich irritierend sind die scharfen, wenig Verhandlungsbereitschaft vermittelnden Töne aus Kanada. In der Vergangenheit hat es natürlich immer wieder Fälle von Verurteilungen von Ausländern in China gegeben. Auch wegen Drogendelikten. In vielen Fällen jedoch wurden die Verurteilten nach einigen Jahren Haft stillschweigend an das Heimatland ausgeliefert, auf ganz ruhigen diplomatischen Kanälen eingeleitet.
Im Gegensatz dazu hat internationaler, öffentlicher Protest und Druck auf China regelmäßig dazu geführt, dass China sich streng nach Gesetzbuch verhalten hat und nicht nachgegeben hat, sondern erst recht auch Todesurteile vollstreckt hat! Bekannt ist da der Fall des (pakistanisch-gebürtigen) Briten Akmal Shaikh, der 2007 aus Tadschikistan kommend mit 4kg Heroin am Flughafen Wulumuqi festgenommen wurde. Der wurde zwei Jahre später hingerichtet, und ich denke, wesentlicher Grund dafür war auch, dass internationale Menschenrechtsorganisationen dem Fall soviel Öffentlichkeit beschert hatten und auch die britische Regierung protestiert hat, statt das Urteil auch öffentlich zu akzeptieren und dann auf stillen diplomatischen Kanälen einen Aufschub und schlussendlich eine Aufhebung der Todesstrafe zugunsten einer Haftstrafe auszuhandeln.
Die kanadische Moralinkeule wird Schellenberg m.E. näher ans Jenseits bringen.

Und sollte Trudeau da nicht schleunigst verbal abrüsten, hat auch er seinen Anteil daran, dass Schellenberg seinen Weg ins Jenseits findet.
otternase hat geschrieben:12) mal ganz abseits davon, dass mir weitgehend das Verständnis dafür fehlt, warum sich Staaten überhaupt für Straftäter in diesem Maße einsetzen und dafür sogar internationale Beziehungen riskieren: dass Schellenberg ein Kriminelle ist, wiederholt Straftaten auch im Drogenhandel begangen hat, hat er bereits in Kanada bewiesen, Kanada kann doch froh sein, den los zu sein. Dass Schellenberg bei Strafttaten in China nach chinesischem Recht verurteilt wird, und dass unterschiedliche Länder halt Straftaten unterschiedlich schwer gewichten, ist nun absolut nicht überraschend. Kanada hat die Todesstrafe auch erst 1998 abgeschafft (auch wenn die letzte Hinrichtung schon 1962 war), für moralische Überheblichkeit ist da eigentlich kein Raum.

Insoweit halte ich es sowohl für unverständlich (siehe 12) als auch schädlich (siehe 11), dass Trudeau auf so peinliche Art und Weise sich in der Sache äussert!
In der Tat.

Ich Tippe auf moralische Überheblichkeit gepaart mit einem guten Schuss Naivität ...
otternase hat geschrieben:Nichtsdestoweniger bleibt aber das genannte Geschmäckle, warum die vorübergehende Aussetzung der Todesstrafe nicht ergangen ist. Und das sieht in der Tat von China politisch motiviert aus.
Der "Zufall" ist auch m.E. zu "zufällig", um als glaubhafter Zufall zu gelten.
Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist.

Die Logik ist Deine Freundin - Wünsch-Dir-Was und Untergangs-Propheten sind falsche Freunde.

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Re: Robert Lloyd Schellenberg

Beitrag von ingo_001 » 16.01.2019, 13:48

Zum Tode verurteilter Bürger Kanada bittet China um Gnade

https://www.n-tv.de/politik/Kanada-bitt ... 13482.html

Enthält fahrlässige oder vorsätzliche Weglassungen bzw. falsche Darstellung des Falles ...
Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist.

Die Logik ist Deine Freundin - Wünsch-Dir-Was und Untergangs-Propheten sind falsche Freunde.

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Re: Robert Lloyd Schellenberg

Beitrag von Keylen » 17.01.2019, 04:50

Endlich mal wieder ein super Beitrag!
Lieber otternase, du hast das Thema wirklich gut und erfrischend ausführlich beschrieben. Da gebe ich gerne auch meine Meinung zu...
otternase hat geschrieben:2) Dass China scharfe Gesetze gegen Drogenkriminalität hat, ist ja nun wahrlich kein Geheimnis. Auch Schellenberg muss dies gewusst haben und wenn er sich auf Drogengeschäfte eingelassen hat, so wird er das Risiko gekannt haben, überraschend kann das nicht gewesen sein.
Dass der Handel und/oder Genuss von Drogen auch in China illegal ist, wird er freilich gewusst haben. Das China aber um einiges härter mit Drogenkriminalität in Gericht geht, muss ihm nicht zwingend geläufig gewesen sein.

Nur die wenigsten setzten sich vor einer Auslandsreise hin und beschäftigen sich mit der dortigen Gesetzeslage. Und obendrein gibt es genug Leute die nicht mal durch öffentliche Medien Grundwissen von sowas haben da sie schlicht nicht an medialen Berichterstattungen interessiert sind (also keine/kaum Nachrichten lesen).

Dazukommt wohl auch das Menschen, die „Clever“ genug sind mit Drogen und anderen Dingen dieser Art wiederholt kriminell aufzufallen, wahrscheinlich noch etwas weltfremder sind als andere.
Ich halte es daher für denkbar das ihm, wahrscheinlich nicht mal ansatzweise, bewusst war das er sein Leben riskiert.

otternase hat geschrieben:5) Mit 15 Jahren Haft war das erste Urteil ziemlich milde für chinesische Verhältnisse. Mir scheint, das erstinstanzliche Gericht hat Schellenberg tatsächlich geglaubt, dass er keine führende, sondern nur eine untergeordnete Rolle hatte. ...
Ebenso ist möglich das er, alleine aufgrund seiner Herkunft, milder behandelt wurde. Wäre nicht das erste Mal das Ausländer in China besser wegkommen als Chinesen. Viele Male schon habe ich gehört und gelesen das China, zugunsten guter Beziehungen mit anderen Regierungen, mit Ausländern nicht so hart umgeht wie mit den eigenen Landsleuten.

otternase hat geschrieben:10) Andererseits hat die Tatsache, dass das Gericht die Ausführung der Todesstrafe nicht zur Bewährung ausgesetzt hat, schon ein reichliches Geschmäckle. Es drängt sich in der Tat der Eindruck auf, dass dieses Urteil politisch motiviert erfolgt ist, mit dem Ziel, in der aktuellen Situation Druck auf Kanada auszuüben
Dass das sehr wahrscheinlich Politisch motiviert ist sehe ich auch so. Nur denke ich das es hier nicht zwingend nur darum geht Druck auf Kanada auszuüben.

Ich denke es ist möglich das China eher ein generelles Zeichen an alle setzen möchte. Wirtschaftlich sowie Militärisch ist China heute groß und stark genug um nicht mehr im Schatten anderer stehen zu müssen. Genau genommen ist es sogar schon so weit, das man mutmaßen kann das bis in ein paar Jahren China den Weltweiten Ton angibt.

Wegen IP Diebstahl, den guten Beziehungen zu Nord-Korea, dem Handelskrieg, den schlechteren Bedingungen für ausländische Firmen, dem Streit um die Inseln die China für sich beansprucht und militärisch ausbaut, der Sache mit Taiwan, und zahlreichen anderen Dingen, ist China im Moment quasi im Fadenkreuz der westlichen Welt.

Das China einfach irgendwann mal anfängt zu zeigen das sie all das nicht wirklich nötig haben, ist nicht allzu weit hergeholt. Würde mich nicht wundern, wenn China in nächster Zeit, auch bei anderen Dinge härter vorgeht.
Reue ist der feste Vorsatz, beim nächsten Mal keine Fingerabdrücke zu hinterlassen.
(Marcel Archard)

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