Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

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Mathias
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von Mathias »

RoyalTramp hat geschrieben:Weil es in einem anderen Thread kurz angedeutet worden war, hier ein etwas ausführlicher Bericht:

Beijing Stadtrand wird zum sozialen Brennpunkt

Ein interessanter Bericht über die Situation, dass jetzt "Wanderarbeiter in Peking eingezäunt" würden, wie es vor ein paar Tagen in deutschen Nachrichten hieß.
Ein wirklich interessanter Bericht. Es sind die Probleme, mit denen jede, sich schnell verändernde, Gesellschaft konfrontiert ist. In Deutschland hatten wir diese Phase Ende des 19ten Jahrhunderts, wer kennt nicht die Zeichnungen von "Zille sein Milljöh"?

Im letzten Absatz des Artikels steht aber auch schon die, typisch chinesische, Antwort auf das Problem: "Es stimmt, dass die beiden Projekte sich widersprechen", sagte Qu. "Wir werden jedoch einen Weg finden, beides umzusetzen. Es ist ohnehin eine Anordnung von oben." :wink:

Ausserdem habe ich wieder interessante, neue Vokabeln gelernt:
- "fließenden Bevölkerung" - ich glaube in Deutschland nennt man die "Pendler"
- "auf dem Kopf stehende" Dörfer - gibt es wohl in Ostdeutschland auch so einige
- "Gesundheitskuren für Erwachsene" - auch nicht schlecht :mrgreen:
Bernhard
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von Bernhard »

Mathias hat geschrieben: Im letzten Absatz des Artikels steht aber auch schon die, typisch chinesische, Antwort auf das Problem: "Es stimmt, dass die beiden Projekte sich widersprechen", sagte Qu. "Wir werden jedoch einen Weg finden, beides umzusetzen. Es ist ohnehin eine Anordnung von oben." :wink:
Ja, das mag schon typisch chinesisch sein. Typisch chinesisch ist bestimmt nicht, dass es sich widersprechende Anordnungen gibt, sondern dass versucht wird, beide irgendwie umzusetzen. Wobei das in diesem Fall meiner Meinung nach reine Geldverschwendung ist.
Mathias hat geschrieben: Ausserdem habe ich wieder interessante, neue Vokabeln gelernt:
- "fließenden Bevölkerung" - ich glaube in Deutschland nennt man die "Pendler"
- "auf dem Kopf stehende" Dörfer - gibt es wohl in Ostdeutschland auch so einige
- "Gesundheitskuren für Erwachsene" - auch nicht schlecht :mrgreen:
Ich weiß nicht, ob "fließende Bevölkerung" einfach Pendler sind. So wie ich es verstanden habe, sind es Leute, die fern ihrer Heimat ohne langfristige Bleibe mal hierhin, mal dorthin ziehen, immer der Arbeit nach.
"Auf dem Kopf stehende Dörfer" sind Dörfer, die einen extrem hohen Anteil an Zuwanderern im Verhältnis zu den Alteingesessenen haben. Gibt es das in Ostdeutschland? Ich ging davon aus, das Problem dort ist mehr ein demographisches.... die Alten sind noch da, die Jungen sind weggezogen.
Mathias
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von Mathias »

Bernhard hat geschrieben:Typisch chinesisch ist bestimmt nicht, dass es sich widersprechende Anordnungen gibt, sondern dass versucht wird, beide irgendwie umzusetzen. Wobei das in diesem Fall meiner Meinung nach reine Geldverschwendung ist.
Der deutsche Begriff für diesen Zustand ist: Bürokratie.
Bernhard hat geschrieben:Ich weiß nicht, ob "fließende Bevölkerung" einfach Pendler sind. So wie ich es verstanden habe, sind es Leute, die fern ihrer Heimat ohne langfristige Bleibe mal hierhin, mal dorthin ziehen, immer der Arbeit nach.
Absolut richtig, das kann man so nicht vergleichen, ich wollte eigentlich nur darauf hinweisen, daß nicht nur Chinesen einen Großteil von Freizeit und Familienleben für die Arbeit opfern.
Bernhard hat geschrieben:"Auf dem Kopf stehende Dörfer" sind Dörfer, die einen extrem hohen Anteil an Zuwanderern im Verhältnis zu den Alteingesessenen haben. Gibt es das in Ostdeutschland? Ich ging davon aus, das Problem dort ist mehr ein demographisches.... die Alten sind noch da, die Jungen sind weggezogen.
Auch richtig, der Vergleich hinkte auch gewaltig, sollte eher ein Hinweis darauf sein, daß demographische Disproportionen kein alleinig chinesisches Problem sind. Ist wohl ein allgemeines Phänomen der Moderne. Wirklich intakte Dorfgemeinschaften habe ich bis jetzt nur in abgelegenen Bergdörfern im Hindukusch erlebt :mrgreen:
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von Yingxiong »

Bernhard hat geschrieben: Ich weiß nicht, ob "fließende Bevölkerung" einfach Pendler sind. So wie ich es verstanden habe, sind es Leute, die fern ihrer Heimat ohne langfristige Bleibe mal hierhin, mal dorthin ziehen, immer der Arbeit nach.
Nennt man die nicht Berufsnomaden?
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von happyfuture »

Mathias hat geschrieben:Für den Fall, daß jemand noch eine Stelle sucht :mrgreen:

China sucht die Supermanager (NZZ Online)

Interessant in diesem Beitrag auch die (leider nur) Andeutungen über die wachsenden Disproportionen zwischen Staatskonzernen und Privatwirtschaft.
Kennt von Euch jemand den Artikel aus der China Daily, worauf Bezug genommen wird?
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von Laogai »

happyfuture hat geschrieben:
Mathias hat geschrieben:China sucht die Supermanager (NZZ Online)
Kennt von Euch jemand den Artikel aus der China Daily, worauf Bezug genommen wird?
Es war wohl eher eine Anzeige als ein Artikel:
NZZ und andere hat geschrieben:Am Montag schaltete die staatliche Aufsichtsbehörde SASAC dort eine zweiseitige Ausschreibung, mit der sie «Kandidaten aus der Heimat ebenso wie aus dem Ausland» sucht.
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von happyfuture »

laogai hat geschrieben:
happyfuture hat geschrieben:
Mathias hat geschrieben:China sucht die Supermanager (NZZ Online)
Kennt von Euch jemand den Artikel aus der China Daily, worauf Bezug genommen wird?
Es war wohl eher eine Anzeige als ein Artikel:
NZZ und andere hat geschrieben:Am Montag schaltete die staatliche Aufsichtsbehörde SASAC dort eine zweiseitige Ausschreibung, mit der sie «Kandidaten aus der Heimat ebenso wie aus dem Ausland» sucht.
Danke laogai
Eine Zweiseitige "Ausschreibung", hat die irgendwer von Euch gelesen?
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von ingo_001 »

Yingxiong hat geschrieben:
Bernhard hat geschrieben: Ich weiß nicht, ob "fließende Bevölkerung" einfach Pendler sind. So wie ich es verstanden habe, sind es Leute, die fern ihrer Heimat ohne langfristige Bleibe mal hierhin, mal dorthin ziehen, immer der Arbeit nach.
Nennt man die nicht Berufsnomaden?
Oder ... Wanderarbeiter?
Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist.

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Beitrag von Laogai »

beowulf hat geschrieben:Ein wenig runterscrollen: http://www.zonaeuropa.com/weblog.htm" target="_blank
Oder gleich den Permalink verlinken :idea:
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von happyfuture »

Etwas irritierend ist die Einleitung zum Artikel "Der Superstau ist wieder da"
New York - Gleiche Straße, andere Stelle:
:lol: :lol:
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von Bernhard »

beowulf hat geschrieben: Die "Menschenfleischsuchmaschine" ist eben KEINE chinaspezifische Eigenheit (Zensur, Diktatur, Kommunisten, Kulturrevolution etc.) sondern eine Phänomen des Internets und kann natürlich auch in Deutschland jederzeit losschlagen.
Es ist ein Phänomen des Internets, ja. Was hat das um alles in der Welt mit "Zensur, Diktatur, Kommunisten, Kulturrevolution" zu tun? Irgendwie siehst du hinter allem "antichinesische Propaganda"....
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von beowulf »

Irgendwie siehst du hinter allem "antichinesische Propaganda"....
Nö, ich beziehe mich nur auf Artikel in (deutschen) Zeitungen. Das mit antichinesischer Propaganda hast jetzt du gesagt, ich wiederspreche dir aber nicht. :lol:

http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF41441 ... ntent.html" target="_blank

http://sc.tagesanzeiger.ch/dyn/news/ausland/863350.html" target="_blank

http://www.sueddeutsche.de/politik/trai ... e-1.204850" target="_blank

http://technology.timesonline.co.uk./to ... 213681.ece" target="_blank
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von Bernhard »

beowulf hat geschrieben:Film über das Hungern in einem chinesischen Gefangenenlager zu Zeiten des großen Sprunges:

http://www.zeit.de/kultur/2010-09/vened ... ival-china" target="_blank

"Vor allem aber ist der europäisch finanzierte „The Ditch" das Zeugnis eines ungeheuren Muts – als erster Film eines Chinesen, der das große Tabu der chinesischen Geschichte zum Thema macht. Man muss sich das etwa so vorstellen, als hätte ein Deutscher nach fünfzig Jahren den ersten Film über Auschwitz gedreht – und die ideologischen Nachfahren Hitlers wären noch immer am Ruder."

Die heutige KP mit den ideologischen Nachfahren Hitlers zu vergleichen*, die durch die ideologisch bedingte katastrophale Wirtschaftspolitik ausgelösste Hungersnot und deren Auswirkungen, mit der gezielten und systematischen Auslöschung einer Ethnie gleichzusetzen... Man merkt wieder, viele Deutsche kennen ihre eigene Geschichte nicht. Wirklich Angst machend. Vielleicht sollte China ein paar europäische Filme finanzieren...

*ist sogar doppelt falsch, erstens war Mao kein Hitler und zweitens ist die heutige KP von der maoistischen Ideologie weiter entfernt, als die CDU von der NSDAP. Sowohl die CDU als auch die NSDAP befinden sich auf der rechten Seite des Kontinuums, natürlich meilenweit auseinander. Bei der KP gab es hingegen einen Wechsel von extrem außen Links nach Mitte Rechts. Was dazu führt, dass in China als "linke" diejenigen verstanden werden, welche eine kapitalistisch, nationalistisch, gesellschaftsmoralisch konservative ausgerichtete Politik verfolgen.
Da muss ich zum Teil doch widersprechen.

Erstens geht es in diesem Film nicht um irgend einen Ort, sondern um ein Gefangenenlager. Man kann so ein Arbeitslager nicht mit Auschwitz vergleichen, das mag schon sein. Dennoch ist es so, dass die Bedingungen in solchen Lagern oft unmenschlich waren und viele Gefangene politische Gefangene und keine Verbrecher waren. Viele wurden ja später auch rehabilitiert, zumindest solche, die während der Kulturrevolution eingesperrt waren. Womit der chinesische Staat ja selbst zugegeben hat, dass ihre Verhaftung und Gefangenschaft nicht rechtens war.

Die Praxis der heutigen KP ist von der maotischen Ideologie sicherlich weit entfernt. Der Vergleich mit NDSAP und CDU hinkt so stark, dass er kein Vergleich ist. Klar festzuhalten ist jedoch:
Die gegenwärtige KP bekennt sich (theoretisch) immer noch zum "Sozialismus chinesischer Prägung". Mao wird zumindest protokollarisch immer noch in Ehren gehalten. Schüler müssen meines Wissens im Politikunterricht immer noch Marxismus, Leninismus, Mao Zedong-Ideen und Deng Xiaoping-Ideen lernen (wenn ich falsch liege, möge man mich korrigieren). Es kam nach dem Tod Maos zu einem Umschwung, aber keineswegs zu einem Bruch. Jeder kennt diese 70%/30%-Theorie von Deng Xiaoping.
Ich weiß ja nicht, wie es in Österreich war, aber in Deutschland gab es nach dem Krieg einen sehr scharfen Bruch. Von einem "Kontinuum" kann man im Bezug auf die Parteienlandschaft kaum reden.

Man kann Mao natürlich nicht 1:1 mit Hitler gleichsetzen. Dennoch haben beide gemeinsam, dass sie machtbesessene Despoten waren. Nazi-Deutschland kann auch nicht mit dem China der Mao-Zeit verglichen werden. Aber das war wohl gar nicht die Absicht des Autors. Die Absicht war wohl vielmehr die, die Brisanz so eines Filmes darzulegen und die Lage, in die der Regisseur sich damit gebracht hat.
Auch wenn der Vergleich sehr theoretisch und vielleicht unglücklich gewählt ist, kann man dem Autor des Artikels wohl nicht vorwerfen, die Nazi-Herrschaft verharmlosen zu wollen.
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von Laogai »

beowulf hat geschrieben:
Zeit.de hat geschrieben:Vor allem aber ist der europäisch finanzierte „The Ditch" das Zeugnis eines ungeheuren Muts – als erster Film eines Chinesen, der das große Tabu der chinesischen Geschichte zum Thema macht. Man muss sich das etwa so vorstellen, als hätte ein Deutscher nach fünfzig Jahren den ersten Film über Auschwitz gedreht – und die ideologischen Nachfahren Hitlers wären noch immer am Ruder.
Die heutige KP mit den ideologischen Nachfahren Hitlers zu vergleichen, die durch die ideologisch bedingte katastrophale Wirtschaftspolitik ausgelösste Hungersnot und deren Auswirkungen, mit der gezielten und systematischen Auslöschung einer Ethnie gleichzusetzen... Man merkt wieder, viele Deutsche kennen ihre eigene Geschichte nicht. Wirklich Angst machend.
Mir macht eher deine Textanalyse Angst. Bitte arbeite daran! Anscheinend werden Pawlowsche Reflexe zu bestimmten Stichwörtern bei dir ausgelöst :shock: :o :(
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beowulf
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Re: Diskussionsordner zum "Interessante Artikel"-Thread

Beitrag von beowulf »

Man kann so ein Arbeitslager nicht mit Auschwitz vergleichen, das mag schon sein.
Man darf ein Laogai eben nicht mit Ausschwitz vergleichen. Das primäre Ziel eines KZ war die Auslöschung ihrer Insassen. Das primäre Ziel eines Laogai war die Resozialisierung. Die Grundideologie war schon eine ganz andere.

Nur so nebenbei, welches Ziel hat eigentlich das Lager Guanatanmo? Hier liegt übrigens eines (sic!) der Grundprobleme des Lagers und zeigte wie extrem kurzfristig die Regierung Bush dachte. Sperren wir mal alle ein und dann schauen wir mal weiter...

Das es in den Lagern zu schweren Menschenrechtsverletzungen gekommen ist, steht außer Frage. Auch das ein großer Teil der Häftlinge politisch verfolgte waren. Es waren aber keine Todeslager - außer vielleicht zu den Zeiten des großen Sprunges in dem eine Lebensmittelknappheit herrschte. Das waren aber auch keine gezielte Tötungen - am Ende des Films wird das Lager sogar aufgelassen, was auch der Geschichte entspricht.

Ein Laogai, ist ein Laogai. Ein KZ ist ein KZ - Wer hier keinen Unterschied erkennt, hat nicht begriffen warum es bei der Ideologie des Nationalsozialismus eigentlich ging und welchen Zweck die Lager hatten. Und hier rutschen wir sehr schnell in den Geschichtsrevisionismus hinein, dann fallen früher oder später Vergleiche ala Guantanamo ist ein KZ und Jahre später heißt es, dann unsere KZs waren nur einige von vielen (was natürlich auch stimmt) in der Weltgeschichte.
Ich weiß ja nicht, wie es in Österreich war, aber in Deutschland gab es nach dem Krieg einen sehr scharfen Bruch. Von einem "Kontinuum" kann man im Bezug auf die Parteienlandschaft kaum reden.
Ich weiß jetzt auch nicht wie es in Deutschland gehandhabt wurde, aber in Österreich kamen sehr viele Nazis bei den Parteien unter. Aber sehen wir davon einmal ab, was mich in Deutschland stört ist die Art und Weise wie die deutsche Geschichte aufgearbeitet wurde. In Deutschland wurde anscheinend bis heute nicht richtig verstanden wurde, welche Mechanismen damals im Spiel waren. Die Nazizeit wird als böse Dunkle Zeit begriffen, mit der Deutschland nichts mehr zu tun hat. Hitler ist quasi eine Karikatur des Bösen - und Deutschland wurde von diesem bösen Onkel vergewaltigt.

Hätte man damals schon gelebt, hätte man natürlich nicht mitgemacht - und gerade hier, liegen viele Deutsche falsch.

Diese extreme Tendenz die Welt in s/w aufzuteilen, diese extreme Regelorientierung (wenn es ein Gesetz dazu gibt, ist es schon in Ordnung), das komplette Fehlen von Empathie und Einfühlungsvermögen, sind nach wie vor grunddeutsche Eigenschaften, die wenig bis gar nicht reflektiert werden und die damals maßgeblich eine Rolle spielten. Helmut Schmidt sind die Deutschen nicht ohne Grund bis heute nicht geheuer.

Deutschland hatte also nur öffentlich einen Bruch zur Nazizeit und redet sich dies auch ständig selbst ein. Was aber fehlt ist das Verständnis, dass die Nazizeit ein Teil der deutschen Geschichte steht und nicht einfach wie eine schwarze Wolke über das Land gekommen ist. Es also gar nicht einen Bruch geben kann, höchstens ein Lernen daraus. Und das mit dem "lernen" naja, das setzt zumindest Verständnis voraus. Stattdessen wird einfach stur auswendig gelernt: Autobahn - Böse, Hitler - ganz Böse, Demokratie - gut, freie Marktwirtschaft - gut usw.

Sieht man jetzt auch wieder bei Sarazzin - der übrigens eine sehr deutsche Eigenschaft aufweißt, die starke Orientierung nach Statistiken und Zahlen (scheinbarer Objektivismus) und völliges fehlen von Empathie - bei Sarazzin wird krampfhaft versucht, diesen in die vorgegeben Kategorien Gut-Böse einzuteilen. Für die einen ist er der große Rebell (Gut), für die breiten Medien ein Rassist (Böse). Das Sarazzin aber weder Rebell noch Rassist ist (beide Begriffe sind absolut unpassend), scheint der breiten Mehrheit nicht zu dämmern.

Dennoch haben beide gemeinsam, dass sie machtbesessene Despoten waren.
Machtbesessene Despoten sind gefühlte 70% der Spitzenpolitiker oder zeigen zumindest eine Tendenz dazu auf. Eine Frage ist eher das Umfeld, welches ihnen ermöglicht so zu werden und so zu wirken. In China wie auch in Deutschland, war das Umfeld (Kultur, wirtschaftlicher und militärisches Umfeld, politisches Umfeld etc.) ganz unterschiedlich. Ergo waren auch die Despoten und auch ihre Verbrechen unterschiedlich. China hat eben nicht einen dritten Weltkrieg losgetreten oder versucht eine Ethnie auszulöschen. Nein, China verfiel in den sektenhaften Taumel der nur zu oft ein Kennzeichen von neuen Dynastien war und musste sich mit den Auswirkungen 100 Jahre Zerstörung und Zerfalls beschäftigen. Hinzu kam noch die völlige Inkompetenz bezüglich wirtschaftlicher Fragen, welche unter anderem auch ideologisch (Mao war immer Revolutionär aber niemals ein Herrscher) bedingt war.

Was die Brisanz des Filmes und die Gefahren des Autors betrifft - in China gibt es eine eigene Gattung von Büchern die diese Zeit und vor allem die Kulturrevolution aufarbeitet: Narbenliteratur (http://de.wikipedia.org/wiki/Narbenliteratur" target="_blank), drastische Filme gibt es darüber auch genug. Einige wurden am Anfang verboten, dann wieder zugelassen usw. Ich erinnere da nur an Zhang Yimou - welcher natürlich inzwischen als chinesischer Leni Riefenstahl (wiedereinmal so ein toller Nazi Vergleich) bei uns gekannt ist. Die Gefahr die der Autor ausgesetzt ist, ist, dass sein Film nicht durch die Zensur kommt. Natürlich, wenn der Film mit europäischen Geldern finanziert wird, stellt sich der KP natürlich die Frage ob es sich hier nicht eher um einen westlich geförderten Dissidenten handelt und nicht um einen kritischen Filmemacher. Mir stellt sich die Frage, ob dieser Film überhaupt für Chinesen gemacht worden ist.

Ich habe den Verdacht, dass ist wiedereinmal ein Film der von Anfang an nur für Westler gedreht wurde und zeigen soll, wie böse die Kommunisten doch sind. "Aufarbeitung" dürfte also nicht einmal das Ziel des Filmes gewesen sein.
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