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Victor Shih, "Factions and Finance in China -- Elite Conflict and Inflation"
Jedem, der sich fuer die chinesische Finanzpolitik und Wirtschaftsentwicklung interessiert, kann ich dieses Buch nur empfehlen.
In der Einleitung und den ersten Kapiteln stellt der Autor zunaechst seine "Theorie" vor (ich wuerde es lieber Erklaerungsansatz nennen), und spielt also gleich mit offenen Karten: In der Geschichte der chinesischen Finanzpolitik ab 1978, also der Steuerung von Geldmenge und Kreditwesen, sieht Victor Shih weniger einen Prozess der durch Kaempfe zwischen Reformern und Alt-Ideologen gepraegt ist, sondern die Wechselwirkung aus der Klientel-Politik der jeweils herrschenden Generalisten-Fraktion auf der einen Seite, und den Machtbestrebungen der fuehrenden Technokraten auf der anderen Seite.
Fuer Shih gibt es, verallgemeinert gesprochen, zwei Arten von Kadern in den hoechsten Hoehen der chinesischen Politik. Zum einen finden sich hier Generalisten, die verschiedenste Aemter in den Regionen durchlaufen haben, und so ueber die Zeit ein Netzwerk aus regionalen "Klienten" aufbauen konnten, auf deren Unterstuetzung sich ihre zentrale Macht nun begruendet, und deren Interessen sie wiederum im Zentrum vertreten muessen. Fuehrende Generalisten sind Anwaerter auf die Gesamtfuehrung in Partei und Land. Die echten Rivalen eines jeden Generalisten sind andere Generalisten.
Im Gegensatz dazu gibt es die Spezialisten, die in einer vertikalen Saeule aufgestiegen sind. Solche Saeulen sind zum Beispiel das Militaer, der Sicherheitsapparat, und, auf das Finanz- und Wirtschaftswesen bezogen, die dem Staatsrat unterstellte zentrale Wirtschafts- und Finanzbuerokratie in allen ihren Schattierungen. Spezialisten haben, qua definition, nicht das breite Netzwerk, um jemals nach der Gesamtmacht greifen zu koennen. Daher kann die herrschende Generalisten-Fraktion mit ihnen kooperieren, und, wenn es die Umstaende erzwingen, die Vormacht der zentralen Buerokraten in ihren speziellen Bereichen zulassen, ohne um ihre uebergreifende Vorherrschaft in Partei und Staat fuerchten zu muessen.
Der typische finanzpolitische Zyklus, den Victor Shih beschreibt, sieht wie folgt aus: Generalisten delegieren, gegen den Widerstand der zentralistischen Buerokratie, zunehmend die Macht ueber Kreditvergabe und Geldpolitik an die Regionen, und erlauben gerade ihren regionalen Klienten, mit diesen Instrumenten die wirtschaftliche Entwicklung in ihren Regionen weiter anzukurbeln. Ueber kurz oder lang ergeben sich durch eine zunehmend laxe Geldpolitik inflationaere Entwicklungen. Wenn die Inflation ueberhand nimmt, schaffen es schliesslich die zentralen Buerokraten zur Wahrung der nationalen Stabilitaet die finanzpolitische Macht wieder an sich zu reissen, und die Regionen wieder zu entmachten. Die fuehrenden Generalisten koennen dies zulassen, da die Spezialisten niemals ihre Gesamthoheit gefaehrden koennen.
Ob Regionen oder zentrale Buerokratie am Ruder sind, immer wird die Kreditwirtschaft aber letzlich als Mittel genommen, um die machtpolitischen Ziele der jeweiligen Fraktionen zu erfuellen, sei es das Ankurbeln der Wirtschaft ihrer jeweiligen Regionen fuer die Generalisten, oder die Finanzierung zentraler Projekte fuer die Zentralisten (Computer-Wirtschaft, Drei-Schluchten-Damm, ...).
Diese Dynamik zwischen Generalisten und Spezialisten hat zwar bisher Inflation, wenn sie auftrat, schnell und wirksam bekaempft, aber anderseits wurden in jedem Zyklus neue "faule Kredite" geschaffen, die durch immer weitere Kunstgriffe weitergeschleppt werden. Ein Rueckzug der Politik aus dem Kreditvergabewesen ist allerdings weder im Interesse der Generalisten, noch der Spezialisten, da beide letzlich das "fiksalisierte Kreditwesen" als Machtinstrument nutzen.
Der eigentlich spannende Teil sind Kapitel 6 bis 8 (von der Seitenzahl gute 60% des Buchs), eine detaillierte Darstellung der finanzpolitischen Geschichte Chinas von 1978 von 2005 aus dem Blickwinkel des oben skizzierten Erklaerungsansatzes heraus. Basiert auf zahlreiche Interviews und unter Zugriff auf nicht allgemein zugaengliche Dokumente der Partei wird hier die jahrelange Rivalitaet im finanzpolitischen Bereich, aber auch gegenseitige Abhaengigkeit, zunaechst zwischen Deng (als Generalist) und seiner Fraktion sowie Chen Yun (als Spezialist) und seiner Fraktion dargestellt, und wie sich die selbe Dynamik dann auf Jiang (als Generalist) und Li Peng (als Spezialist), gefolgt von Zhu, vererbt hat. Die Anfaenge der Hu/Wen Epoche werden angerissen, aber hier ist die Quellenlage des Autors wohl eher noch duenn.
Das Buch schliesst ab mit einem kurzen Ausblick auf moegliche zukuenftige Szenarien, der Autor legt hier aber bewusst keinen Schwerpunkt.
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