Zitat:
dass verschiedene Blätter verschieden politische Ideale vertreten, die FAZ natürlich nicht ausgenommen.
Wirklich? Mal abgesehen von vereinzelten Gastkommentaren und ein paar Journalisten die immer wieder versuchen gegen die Wellen anzuschwimmen, haben wir vor allem was die Auslandsberichterstattung betrifft, einen ziemlich gleich geschalteten Mainstream. Liegt natürlich zu einem gewissen Grade an der Natur des Menschen. Die eigene Gruppe (EU, USA) wird differenzierter betrachtet, die andere (Rest der Welt) undifferenziert und stark stereotypisierend. Hinzu kommt noch ein sehr geringes Wissen über diesen Rest der Welt, vor allem leider auch bei Journalisten, Editoren und Redakteuren, und ein nicht in Frage gestellter Ethnozentrismus. Weiters haltet sich eine Marktorientierte Presse natürlich gerne an leichten Formeln (am besten s/w) und starker Orientierung nach wir (die guten) und die anderen (die bösen, skurillen oder exotisch ansprechenden). Je qualitativ hochwertiger eine Zeitung ist, desto mehr geht das zugunsten einer differenzierteren Reportage zurück. Daher auch ein Unterschied zwischen Yellow Press und Qualitätsmedien. Leider gilt diese Formel aber nicht uneingeschränkt. Je weiter das Thema oder das Land, vom hiesigen Alltag entfernt ist, desto stärker nimmt dieser Unterschied ab. Gerade bei der China Berichterstattung gibt es zwar noch einen bemerkbaren, aber doch eher geringeren Unterschied zwischen Quality und Yellow Press.
Aber das sind jetzt keine rein westspezifischen Eigenheiten. Was aber bei der westlichen Berichterstattung noch hinzukommt sind zwei Faktoren. 1. Eine extreme Dominanz der paar Nachrichtenagenturen. Bei einem großteil der China Artikel ist es ziemlich egal ob man den Standard (österreichische "Qualitätszeitung"), FAZ oder Bild liest. Sind sowieso alle DPA oder Reuters. 2. ist unsere Presse noch vom kalten Krieg her stark ideologisch ausgeprägt. Gut - hier gibt es auch Überschneidungen mit dem Ethnozentrismus, aber die ständig wiederholten Phrasen und Argumente klingen schon wie aus einer Propagandavorschrift aus der Parteizentrale.
Der Weg raus und zu einer differenzierteren Berichterstattung wäre, mehr eigenen Journalismus zu betreiben und sich nicht mehr zu 90% auf die Nachrichtenagenturen zu verlassen und zweitens endlich einmal aus der ideologischen Ecke herauszukommen. Wird aber nicht passieren, da unsere Medien Marktorientiert sind.
Ok - ist ein wenig OT alles. Zurück zu Siemons. Bei Siemons kritisiere ich nicht das er einer Ideologie anhängt - Journalisten sind oft sehr politisch engagierte Menschen - sondern, dass er es zulässt das seine Ideologie den Blick auf die Realität verstellt. Er versucht es zu kontrollieren, aber manchmal gehen ihm die Pferde durch und wie bei dem Artikel über Liu Xiaobo, lässt er sich dann dazu hinreissen, nur das auf seinen Radar wahrzunehmen, was zu seiner Überzeugung passt. Wenn er zumindest die Kritiker von Liu Xiaobo kritisieren würde - aber nein, er nimmt sie nicht einmal wahr. Anders gesagt, er trägt auch ideologische Scheuklappen.
Blume hingegen ist auch ein politisch Denkender Mensch und ergo auch im gewissen Grad ein Ideologe, aber er ist einer der wenigen "Vollblutjournalisten". Von Blume hatte ich immer das Gefühl das er neugierig ist und ich merke auch die Begeisterung in seinen Artikeln. Er lässt sich also von seinen ideologischen Scheuklappen nicht einschränken. Was ihn natürlich nicht davon abhält, auch Blödsinn zu schreiben, aber man kann über die Jahre hinweg erkennen, wie er wächst und ein differenzierteres Wissen bekommen hat. Bei Siemons vermisse ich diesen Elan. Er hat ein tiefgründiges Verständnis und etwas in der Birne, aber irgendwie ist er stehen geblieben.
@FAZ
Als ich die FAZ angeführt habe, habe ich nicht explizit an Siemons gedacht. Ich hätte aber genausogut auch die Zeit oder die TAZ anführen können, obwohl Blume für diese schreibt. Warum? Weil sowohl Blume als auch Siemons nicht die einzigen Journalisten sind die für diese Zeitungen über China schreiben. Gerade bei derZeit war es leider so, dass ein Blume Artikel eher die Ausnahme als die Regel war. Bei der FAZ ist Siemons etwas stärker präsent, aber leider auch eher im reinen Kommentarbereich.